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Donnerstag, 14.12.2017

Weltzeit | Beitrag vom 07.12.2017

Töten in Tansania60 Prozent der Elefanten abgeschlachtet

Von Linda Staude

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Eine Gruppe Elefanten im Ruaha National Park in Tansania. (Imago / James Hager)
Eine Gruppe Elefanten im Ruaha National Park in Tansania. (Imago / James Hager)

Seit 2009 sind in Tansania mehr als 65.000 Elefanten von Wilderern getötet worden. Und auch vor Menschen machen die Wilddiebe nicht Halt: Rund 1000 Ranger wurden in den letzten Jahren getötet. Jetzt setzt man auf Nahkampfausbildung und die Mithilfe der lokalen Bevölkerung.

Ein gewaltiger Elefantenbulle stellt aufmerksam die Ohren hoch. Misstrauisch hebt er den Rüssel und schnüffelt hörbar. Dann bleibt er still stehen, quer über der staubigen Straße.

Hinter ihm trottet eine kleine Herde aus dem Busch. Zwei weitere Bullen, ein paar Kühe und drei Babys drängen sich ins Unterholz auf der anderen Straßenseite.

"In dieser Region gab es immer die meisten Elefanten im Land. Aber durch die Zunahme der Wilderei ist ihre Zahl zurückgegangen auf 15.000 Tiere."

Martin Loiboki ist Chef von TAWA. Die Behörde kümmert sich um die geschützten Wildtiere außerhalb von Tansanias Nationalparks – z.B. im riesigen Selous-Reservat im Süden. Das Weltnaturerbe ist seit 2014 als gefährdet eingestuft.

"Der wichtigste Antrieb für diese Entscheidung war die intensive Wilderei zu dieser Zeit. Sie sollte auch die internationale Gemeinschaft aufrütteln."

Erklärt Pauline Quierzy von der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft, die sich ebenfalls für die Rettung der Wildtiere im Selous engagiert.

Die kleine Elefantenherde in der Nähe des Nordeingangs zum Reservat klettert einen steilen Abhang hinunter. Normalerweise fließt hier Wasser. Aber die Regenzeit ist überfällig. In der ausgedörrten Rinne ist nur ein kleiner Tümpel übrig.

Die Elefantenbabys drängen sich um das Wasserloch und trinken gierig. Ihre Mütter rupfen derweil Blätter von den Bäumen ringsum.

"Nicht nur die Elefanten werden gewildert. Manche jagen Tiere für ihr Fleisch wie die Impalas oder die Büffel. Andere Wilderer kommen, um Zebras, Leoparden, Krokodile oder Löwen zu wildern – für ihre Häute."

60 Prozent der Elefanten wurden abgeschlachtet

So Lawrence Okode, der oberste Wildhüter für den Nordsektor des Selous. Aber die Situation der Elefanten ist besonders katastrophal. In Tansania wurden in den vergangenen Jahren etwa 60 Prozent der Tiere abgeschlachtet. Seither hat das Land den Kampf gegen die Wilderer verschärft.

Präsident John Magufuli: "Wir können nicht akzeptieren, dass unser nationales Erbe von ein paar Leuten zerstört wird, die schnell reich werden wollen."

Eine Gruppe Elefanten im Morgennebel in der Ngorongoro Conservation Area in Tansania.Eine Gruppe Elefanten im Morgennebel in der Ngorongoro Conservation Area in Tansania.

Eine Gruppe Ranger verstaut ihre Ausrüstung in einem großen, offenen Geländewagen. Genug für eine mehrtägige Patrouille durch den Norden des Selous.

Kleider zum Wechseln, Waschzeug, ein paar persönliche Dinge – und vor allem Waffen. Die Jagd auf Wilderer ist ein gefährlicher Job, sagt Lawrence Okode:

"Wir kennen die Gegenden, in denen die Wilderer normalerweise jagen. Sie kommen meistens in Gruppen. Also je mehr Ranger wir dort haben, desto besser. Wenn Sie alleine losziehen, dann riskieren Sie, zu sterben."

Beim illegalen Geschäft mit Elfenbein und auch den Hörnern von Nashörnern geht es um so viel Geld, dass mafia-ähnlich organisierte Banden den Schwarzmarkt kontrollieren und die Wilderer ausrüsten.

"Sie haben es mit sehr gefährlichen Leuten zu tun, die gut ausgebildet wurden. Manche waren vorher in der Armee und sind schwer bewaffnet. Und weil unsere Sicherheitsmaßnahmen verschärft wurden, bereiten sie sich noch besser vor als bisher."

Auch Menschenleben spielen keine Rolle

Menschenleben spielen für sie keine Rolle. In den vergangenen zehn Jahren starben knapp 1.000 Ranger in Tansania durch die Kugeln von Wilderern. Die sind nicht nur gut ausgerüstet, sondern auch bestens vernetzt.

"Sie tun sich mit den örtlichen Gemeinden zusammen. Die wissen, wo sie hingehen müssen und wie sie am besten zu den Orten kommen, wo sie die Tiere wildern können."

Ein Laden mit Kleidern steht an der ungeteerten Straße, ein kleines Friseurgeschäft, eine Bar und Stände mit Obst und Gemüse – das Zentrum von Kisaki.

Das verschlafene Örtchen ist das letzte Dorf vor dem Nordeingang des Selous. Auf der Veranda vor einer der flachen, strohgedeckten Hütten sitzen ein paar ältere Männer beim Tee.

"Wenn die Touristen Bananen von uns kaufen oder Essen – vielleicht ist das unser Nutzen. Aber der Selous baut keine Schulen für uns, keine Bibliothek von dem ganzen Geld, das sie durch den Selous einnehmen. Uns hilft das nicht. Sie haben überhaupt nichts für dieses Dorf getan."

Klagt Farmer Ramathani Mijinga. Das Gefühl, dass die Regierung mehr für die Tiere tut als für die Menschen, fördert die Wilderei. Wilderer kommen auch aus den umliegenden Dörfern, aber nicht aus Kisaki, schwört Viehhirte Sadu.

"Es gibt Leute, die wildern, aber ich kenne sie nicht."

In Tansania ist niemand bereit zuzugeben, dass er für die Wildererbanden arbeitet. Aber da das Geschäft mit geschmuggeltem Elfenbein grenzüberschreitend ist, findet sich im benachbarten Kenia ein Aussteiger, der – anonym – über die illegale Jagd berichtet.

"Wir haben Gewehre benutzt. Wir sind immer morgens los, haben uns versteckt bis zum Abend. Und wenn wir sicher waren, dass keine Ranger in der Gegend waren, haben wir gehandelt. Wir hatten Maschinengewehre, G3 oder AK 47, wir haben alle benutzt."

Nicht nur für die Jagd, sondern auch gegen die Wildhüter, fügt er hinzu.

"Wir sind ihnen in den Busch gefolgt, dann haben wir angegriffen, bevor sie uns sehen konnten. Denn das wäre lebensgefährlich gewesen. Wir wussten, dass sie unsere Feinde waren. Und wir haben getötet, bei einem Schusswechsel bei einem gewilderten Elefanten. Wir haben einen Ranger erschossen."

Die Wilderei bringt eine Menge Geld

Die Wilderei hat ihm eine Menge Geld gebracht, sagt er. Deshalb hat er damit angefangen: Um Essen auf den Tisch zu bekommen, Sachen zu kaufen, die er sich sonst nicht hätte leisten können. Denn legale Arbeit ist schwer zu finden. Aber am Ende war ihm der Preis zu hoch.

"Heute bin ich glücklich, auch wenn mein Einkommen geschrumpft ist. Ich verdiene es legal. Ja, früher hab ich mehr verdient, aber ich konnte es nie in Frieden ausgeben, weil ich mich immer verstecken musste."

Eine Gruppe angehender Ranger trainiert den Kampf Mann gegen Mann. Die Rekruten sollen einen Wilderer entwaffnen, der eine Machete bei sich trägt.

Greift Euch einen Stock und stellt Euch auf seinen Fuß, ruft der Ausbilder.

Das paramilitärische Training ist eine Aufzeichnung - aus einem Informationsvideo einer privaten Naturschutzorganisation. Die staatliche Ausbildung der Ranger findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die Wilderei ist ein heikles Thema in Tansania, seit die Zahl der getöteten Tiere vor drei Jahren internationale Negativschlagzeilen gemacht hat.

"Seither hat die Regierung die Initiative ergriffen, um die Situation in den Griff zu bekommen. Im Moment unternehmen wir große Anstrengungen, und die Wilderei ist weitgehend zurückgegangen im Selous."

Versichert Martin Loiboki. Auch durch die Überwachung von Häfen und Flughäfen sowie die internationale Zusammenarbeit beim Kampf gegen die Schmugglerbanden.

US-Marines bilden Ranger in Tansania im Nahkampf aus. (Imago)US-Marines bilden Ranger in Tansania im Nahkampf aus. (Imago)

Vor Ort hilft die Frankfurter Zoologische Gesellschaft – beim Training der Ranger, mit Ausrüstung und Luftüberwachung des Selous.

"Wir halten Ausschau nach ungewöhnlichen Zeichen im Busch. Nach Zelten oder Rauch. Man kann die Wilderer selbst sehen, ihre Kleidung im Busch, weil man tief fliegt. Man kann sie finden, bevor sie töten."

Und dann eine Patrouille an die richtige Stelle in dem riesigen Reservat schicken, erklärt Flugzeugkapitän Bernhard Shai. Alles erprobte Maßnahmen, denn Wilderer haben die Elefanten im Selous in den vergangenen 40 oder 50 Jahren immer wieder dezimiert. Bisher hat sich die Population immer wieder erholt, sagt Pauline Quierzy hoffnungsfroh.

Es geht um ein ganzes Ökosystem

"Die Tatsache, dass es in der Vergangenheit funktioniert hat, zeigt uns, dass es möglich ist. Dass wir hoffen können, dass die Elefanten sich erholen. Und nicht nur die Elefanten. Die sind natürlich die bekannteste Spezies, aber es geht darum, ein ganzes Ökosystem zu erhalten."

Und das geht nicht ohne die Mitarbeit der ständig wachsenden lokalen Bevölkerung. Manche Nachbarn des Selous weiden ihr Vieh im Reservat, fischen, jagen, schlagen Holz. Und andere helfen den organisierten Banden bei der Jagd auf Elefanten und Nashörner.

Eine Familie afrikanischer Elefanten zieht durch den Serengeti Nationalpark in Tansania. (picture alliance / dpa / Winfried Wisniewski)Eine Familie afrikanischer Elefanten zieht durch den Serengeti Nationalpark in Tansania. (picture alliance / dpa / Winfried Wisniewski)

"Unser Job dreht sich nicht um das Management von Wildtieren, sondern um das von Menschen. Wir führen Leute, das muss unser Ansatz sein."

Ainea Sania arbeitet als Ökologe im Selous. Tansania verhängt drastische Strafen für ertappte Wilderer - wenn sie nicht von den Rangern erschossen werden. Das schreckt ab. Aber effektiver ist es, wenn die Menschen verstehen, dass der Tierschutz ihnen Vorteile bringt, sagt Martin Loiboki:

"Sie haben einen indirekten Nutzen durch Geschäfte mit Touristen. Aber der Naturschutz muss auch direkt etwas bringen. Durch TAWA schicken wir normalerweise einen Teil der Einnahmen zurück an die Bezirke rund um die Reservate."

Für den Bau von Schulen, Hospitälern, Apotheken. Tansania ist immer noch ein armes Land und braucht finanzielle Hilfe bei der Ausbildung von mehr Rangern, besserer Ausrüstung und der Verfolgung von Schmugglerbanden außerhalb der Reservate. Eine endgültige Lösung des Problems ist all das trotzdem nicht, erklärt Ainea Sania:

"Selbst wenn sie viele Jahre investieren, können sie die Wilderei nicht beenden, nur kontrollieren. Sie können sie vielleicht auf ein Minimum reduzieren. Aber Wilderei wird es immer geben."

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