Sonntag, 21.01.2018

Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.07.2017

Thomas Ostermeiers "Rückkehr nach Reims"Auf der Bühne passiert fast nichts

Von Susanne Burkhardt

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Plakat der Inszenierung "Returning to Reims" in Manchester (Susanne Burkhardt)
Rückkehr nach Reims in Manchester (Susanne Burkhardt)

Thomas Ostermeier hat mit Nina Hoss "Rückkehr nach Reims" von Didier Eribon auf die Bühne gebracht. Ein Stoff mit der Familiengeschichte zweier Menschen in einer multimedialen Lesung. Wichtige Denkanstöße sind dabei, aber zu wenig Theater.

Es war eines der Erfolgsbücher des vergangenen Jahres: "Rückkehr nach Reims", ein Buch, in dem der verdiente Soziologe, Foucault-Biograf und französische Intellektuelle Didier Eribon das Versagen der Linken anhand der eigenen Familiengeschichte beleuchtet. Eribon reist nach dem Tod des verhassten Vaters in seine Heimatstadt und geht auf Spurensuche. Und das in einer Stadt, aus der er – der junge Homosexuelle – einst vor der herrschenden homophoben Stimmung und vor einem sozialen Milieu, für das er sich später schämt, geflohen ist und in dem inzwischen Front National statt wie früher links gewählt wird.

Porträt von Thomas Ostermeier (Paolo Pellegrin)Thomas Ostermeier (Paolo Pellegrin)

Thomas Ostermeier hat nun die Mischung aus persönlichem Erlebnisbericht und soziologischer Analyse zur Grundlage seiner Inszenierung für das Manchester International Festival gemacht.

Das Ergebnis: eine Art multimedialer Lesung mit kurzen szenischen Einsprengseln. Das Setting: ein in die Jahre gekommenes Synchron-Ton-Studio (sehr schön nachempfunden von Nina Wetzel). Im Zentrum der Bühne: das Sprecherpult , daneben der Regieraum – vom Publikum einsehbar. Über all dem eine Leinwand – darauf läuft ein Dokumentarfilm: Didier Eribon, unterwegs zu den Schauplätzen seines Buches.

Nina Hoss spielt Katy – eine Schauspielerin – die den Eribon-Text (in schönem Englisch) zu den Bildern einspricht.

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Thomas Ostermeier: "Es ist in Manchester so, dass nach der Vorstellung immer viele Leute auf sie zukommen und mit ihr ein Selfie machen wollen."

Immer wieder gerät sie mit Regisseur Paul (sehr agil und komisch als Hipster-Filmemacher: der irische Schauspieler Bush Moukarzel) aneinander über Textkürzungen und im Film verwendete Bilder. So debattieren sie darüber, ob man Eribons These von der systematischen Verdrängung der Arbeiterklasse aus dem Bildungssystem als "Krieg" bezeichnen könne – und ob dahinter ein System "böser Mächte" stehen könnte. 

Kurz darauf hat Paul den Film völlig verändert und ganz neue Bilder hineingeschnitten: die persönlichen Aufnahmen mit Eribon ersetzt er durch politische Dokumente – vom Vietnam-Krieg bis zu Schröders Agenda 2010 und liefert damit zusätzliche Assoziationsebenen – statt wie vorher nur zu illustrieren.

Zwei Väter, zwei Lebensentwürfe

Katy gefällt das und im Verlauf der weiteren Aufnahmen erzählt sie dem Regisseur die Geschichte ihres Vaters, die einige Parallelen zu Eribons Vater aufweist: die Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen, die Identifikation mit der kommunistischen Partei – als Partei der Arbeiterklasse. Nur: DIESER Vater – der im realen Leben auch der Vater von Nina Hoss ist – geht einen ganz anderen Weg: Er wird aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen, weil er das Vorgehen der Sowjets beim Prager Frühling kritisiert. Er gründet eine Gewerkschaft für die "Gastarbeiter" und später die Partei "Die Grünen". Ein langer, sehr persönlicher Monolog.

Paul und Toni (der Inhaber des Tonstudios) lauschen (leider zu) ergriffen, wenn Katy davon erzählt, wie ihr Vater die Grünen aus Enttäuschung verlässt  und später nach Brasilien geht, um dort einem indigenen Volk bei der Aufbereitung von  Trinkwasser zu helfen. Dazu werden Fotos und Videos aus ihrem Handy auf die Leinwand übertragen: darauf ihr Vater und sie selbst, Nina Hoss, bei einem Amazonas-Volk.

Thomas Ostermeier: "Ich habe schon das Gefühl, dass es etwas trifft, was Phänomene des Populismus versucht zu greifen, das Versagen der Linken und die Verantwortung für den Aufstieg der Rechten auf der Seite der Linken in Europa zu beschreiben und tiefer zu analysieren."

Die Botschaft ist klar: Es kann auch anders gehen. Aber dieser eine sehr außergewöhnliche Lebensweg ist kein Beleg dafür. Zu viele Details fehlen (gab es in Nina Hoss‘ Familie ähnliche Gewalterfahrungen, wie sie Eribon gemacht hat?), um beide Geschichten miteinander vergleichen zu können.

Hören Sie auch hier unser Gespräch mit Regisseur Thomas Ostermeier:
 

Theatral sind hier höchstens die Worte

Thomas Ostermeiers grundsätzlich wichtige und absolut notwenige Reflektion auf eine sich beunruhigend verändernde Weltordnung bleibt so nur eine Art "Lecture Performance" mit viel zu wenigen schauspielerischen Momenten. Theatral sind hier höchstens die Worte – auf der Bühne passiert meistens nichts. Wir sehen Nina Hoss am Pult stehend oder sitzend. Das ist für zwei Stunden zu wenig.

Katys Vater fühlt sich am Ende mit der Erde verbunden. Eine schöne Geschichte. Im besten Fall wird sie nach der Vorstellung von den Zuschauern weitergesponnen – im Gespräch über die eigene Herkunft und Vergangenheit.

Thomas Ostermeier: "Ich habe eine sehr schöne Begegnung gehabt, mit einem schwulen Paar, die danach zu mir kamen – Homosexualität spielt ja in dem Stoff eine sehr große Rolle – die danach zu mir gesagt haben ‚Everybody in the world should see this play‘."

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