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Buchkritik | Beitrag vom 15.05.2017

"Theorie des Essens"Weit mehr als ein Schmankerl

Von Marko Martin

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(Suhrkamp Verlag/Deutschlandfunk Kultur)
Ist man, was man isst? Es gibt viele Theorien.... (Suhrkamp Verlag/Deutschlandfunk Kultur)

Die Autorinnen Kikuko Kashiwagi-Wetzel und Anne-Rose Meyer haben in ihrer "Theorie des Essens" Essays über unsere Lust am Essen zusammengetragen. Was verraten unsere Vorlieben über uns? Für jeden Geschmack sei etwas dabei, urteilt unser Kritiker. Und das durchaus mit Tiefgang.

Ein Buch über die "Theorien des Essens" - und das in der renommierten Wissenschafts-Reihe des Suhrkamp-Verlages? Kommt jetzt, könnten Skeptiker vermuten, nach dem Hype um Slow/Bio- und Vegan Food nun die im doppelten Wortsinn intellektuelle Unterfütterung, um nicht allein aus dem Inhalt des Essens, sondern auch mit dessen Reflexion Distinktionsgewinn zu erzielen gegenüber den ärmeren, unverdrossen Kohlehydrate vertilgenden Schichten? Solche Mutmaßung wäre voreilig.

Von Evas Apfel bis zum Linsengericht

Die beiden Herausgeberinnen des Bandes, die Kulturwissenschaftlerinnen Kikuko Kashiwagi-Wetzel und Anne-Rose Meyer, weisen in ihrem Vorwort zu Recht darauf hin, dass Interpretationen des Essens unsere Kultur seit jeher begleitet haben: Von den Geschichten über Evas Griff nach dem Apfel und Esaus "Linsengericht" bis zu den elaborierten Studien Sigmund Freuds in "Totem und Tabu" oder Pierre Bourdieus Untersuchungen über die "Feinen Unterschiede".

Auszüge aus solch längst kanonisch gewordenen Texten sind nun hier versammelt, damit sie - und das ist in der Tat ein Erkenntnis förderndes Novum - miteinander in Beziehung treten und auch auf die hier versammelten Gegenwarts-Texte neugierig machen. Auch halb Vergessenes wie Georg Simmels "Soziologie der Mahlzeit" oder Friedrich Nietzsches Polemik gegen die plumpe deutsche Mehlspeisen-Kultur werden auf diese Weise wieder in Erinnerung gerufen.

Warum wir - vielleicht - exotische Küche lieben

Es gilt das Wort des Philosophen Feuerbach: "Der Mensch ist, was er ißt" - und sieht oft dementsprechend aus. Auf dieser Annahme fußte bereits die berühmte Physiognomik des Schweizer Universalgelehrten Lavater, die freilich sein deutscher Kollege und Zeitgenosse Georg Christoph Lichtenberg für ziemlichen Unfug hielt. Und so wird man in diesem Band neben erhellenden Überlegungen zur Machttechnik hierarchisch zelebrierten Essens (bei Elias Canetti), der auf Proust verweisenden Erinnerungs-Evokation durch bestimmte Speisen (Walter Benjamins "Maulbeeren-Omelette") und der gewitzten Reflexion über die "McDonaldisierung der Gesellschaft" (George Ritzer) auch auf so manches Glasperlenspiel stoßen. Oder sollte man in diesem Zusammenhang eher von Puddingwerfen sprechen?

Ein Mann beißt in ein Mettbrötchen (picture alliance / dpa - Hauke-Christian Dittrich)Was sagt eine Leidenschaft für Mettbrötchen über mich aus? (picture alliance / dpa - Hauke-Christian Dittrich)

Konrad Köstlins Vermutung, unsere Präferenz für "exotische Küche" beweise lediglich "Ethnozentrik" und eine Vereinnahmung des Fremden, würde vermutlich von jedem in Europa tätigen chinesischen oder lateinamerikanischen Koch, der sich keineswegs als Objekt fühlt, mit köstlichem Gelächter quittiert werden. Und auch Pierre Bourdieus feinziselierte Spekulation über die Fisch-Abstinenz des proletarischen Mannes war bereits 1979, im Jahre der Veröffentlichung, empirisch falsch: Denn fürchten derlei Männer beim notgedrungen sorgsamen Verspeisen der grätenreichen Tiere tatsächlich um die Aura ihrer Hau-rein-Virilität?

Fischessende Machos

Nun, die fischessenden Goldkettchen-Machos entlang der Mittelmeerküsten und in der Karibik werden anscheinend von solchen in sie hinein projizierten Intellektuellensorgen nicht heimgesucht. Andererseits beweist selbst solche Einrede das Stimulierende dieses Bandes, der schließlich mit einem fulminanten Text endet.

Die amerikanischen Philosophin Cora Diamond polemisiert hier gegen die diversen Vermenschlichungstheorien über Tiere, die für unseren Fleischkonsum massengeschlachtet werden. Schöne Pointe: Nach aller Kritik an den eifernden Tierschützern outet sich die Autorin dann dennoch als Vegetarierin. Tatsächlich: Ein Buch für jeden Geschmack und doch weit mehr als nur ein Schmankerl. 

Kikuko Kashiwagi-Wetzel und Anne-Rose Meyer (Hg): Theorien des Essens
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017
459 S., 20,00 Euro 

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