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Interview | Beitrag vom 13.03.2018

Theatermacher über Identitätsfragen"Ostdeutsches Bewusstsein ist kein Ziel"

Thomas Oberender im Gespräch mit Dieter Kassel

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Der Intendant der Berliner Festspiele, Thomas Oberender (picture alliance / dpa)
Der Intendant der Berliner Festspiele, Thomas Oberender: "Es gibt so eine Art von Herablassung oder Herabstufung, die wohlmeinend erfolgt." (picture alliance / dpa)

Viele Menschen mit DDR-Geschichte hätten intensive Erfahrungen mit einer Form von wohlmeinender Herablassung gemacht, sagt der Intendant der Berliner Festspiele, Thomas Oberender. Trotzdem hält er es für falsch, die Unterschiede zwischen Deutschen und Deutschen zu betonen.

Der Theatermacher Thomas Oberender hält das Amt eines Ostbeauftragten der Bundesregierung für noch nicht überholt. "Ja, ich glaube schon, dass wir das noch brauchen", sagte der Intendant der Berliner Festspiele im Deutschlandfunk Kultur, und argumentierte, dass Ost und West eben "nicht einfach so zusammenwachsen". Die neue Bundesregierung hatte gestern erklärt, dass der Thüringer CDU-Politiker Christian Hirte das Amt des Ostbeauftrtagten übernehmen werde.

Oberender führte aus, dass es kein Zufall sei, dass Identitätsfragen der Ostdeutschen heute verstärkt in den Blick gerieten. "Es ist seltsam, wie diese Ostthematik immer mehr aufploppt", sagte er.

"Meine Vermutung ist, dass wir durch bestimmte Krisen – sagen wir mal, die mit der Umstellung, mit der Angleichung mit (...) einem Vorgang des Nachholens verbunden waren -, dasss die durchgestanden sind und jetzt sich die Thematik der Identität mehr in den Vordergrund schiebt. (...) Ich halte das für einen heilsamen Prozess. Weil wir waren, als 1989 die Wiedervereinigung in Gang kam, nicht Brüder und Schwestern, wir waren erstmal Fremde."

"Jeder hat irgendwo seine regionalen Wurzeln"

Allerdings betont Oberender auch, dass es für ihn nicht erstrebenswert sei, eine "ostdeutsche Identität" zu haben:

"Unsere Identität sollte sein, dass wir heute in Deutschland leben. Jeder hat irgendwo seine regionalen Wurzeln, aber sich in so sezessionistischen Gefühlen zu verorten, die sozusagen eher das Anderssein, das Differente betonen als das, was uns vielleicht eint, als Genuss und Ziel in diesem Gemeinwesen zu leben und zu arbeiten, das ist eher eine traurige Entwicklung. Ich finde das mit dem ostdeutschen Bewusstsein an sich kein Ziel."

Zugleich könne er aber verstehen, wenn Menschen mit DDR-Geschichte sich zurückgestuft fühlten. Das sei oft ein "versteckt wirkender Vorgang", dass "Menschen, die DDR-Hintergrund haben (...) eine bestimmte Art von Bildung Weltläufigkeit, Demokratiefähigkeit usw." abgesprochen würde.

Nach der Wende habe es einen gewaltigen "Transfer-Know-how von West nach Ost" gegeben, sagte Oberender. Die westdeutschen "Transformationsagenten der ersten Stunde", wie er formulierte, hätten bis heute Netzwerke gebildet, die "nie transformiert wurden", was zu einem "augenfälligen Ungleichgewicht in der Besetzung von Stellen von Führungspositionen" geführt habe.

(huc)

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