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Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.02.2014

TheaterfestivalSo viel Nähe war nie

100 Grad Berlin in HAU, Ballhaus Ost und den Sophiensaelen

Von Elisabeth Nehring

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Theater Hebbel am Ufer (HAU) Berlin (dpa/picture alliance/Paul Zinken)
Einer der Spielorte des viertägigen Bühnenmarathons: Theater Hebbel am Ufer (HAU) Berlin (dpa/picture alliance/Paul Zinken)

Das Besondere beim Theaterfestival 100 Grad Berlin: Jeder darf mitmachen! Die Vorstellungen laufen im Stundentakt, nicht nur auf der Bühne, sondern auch davor, dahinter, in den Foyers oder draußen in den Höfen. Tanz, Theater, Performance, Videoinstallationen, Hörspiele oder Hörtheater - der Fantasie der Künstler sind keine Grenzen gesetzt.

Im Treppenhaus der Berliner Sophiensaele herrscht ziemliches Gedränge. Die Performance "Sex Sells - Wahrheit oder Pflicht" ist angekündigt. Die Mainzer Performer Schmitt&Schulz laden zum Mitmachen ein: zum Zeichen der Zustimmung oder des Unmuts sollen wir rote Herzchen oder schwarze Balken hochhalten. Denn oben auf der Bühne stellen Schmitt&Schulz im roten Dämmerlicht die peinlichen Partyspiele von damals nach.

Er: "Mit welchen drei Zuschauern könntest du dir Sex vorstellen?" / Sie: "Uff ... Puhhhh ... Das ist direkt am Anfang .... Ok, interaktiv . Ich hasse das." / Er: "Du musst halt schnell entscheiden." / Sie: "Wie wäre denn die Aufgabe?" Er: "Stelle szenisch in maximal 30 Sekunden eine sexuelle Fantasie nach, die dein Mitspieler für dich ausdenkt." Sie: "Ich glaube, ich nehme lieber die Aufgabe. Das ist nichts gegen euch …"

Die in enges Schwarz gekleidete Performerin Nic Schmitt erhebt sich aus ihrem tiefen Sessel, verzerrt das Gesicht, erhebt drohend die Hände und zuckt schließlich mit dem ganzen Körper.

Er: "Ich löse mal kurz auf: Micky Maus wird von einer vollbusigen Blondine und von einem alten Greis vergewaltigt."

Treppe hoch zur nächsten Performance

So richtig nach "gewagten Spiel" und "Grenzen ausgelotet" sah das jetzt nicht gerade aus. Also weiter, die Treppe nach oben, zur nächsten Performance. In der versuchen drei junge Frauen auf tänzerische Weise die "Tragödie des Zusammenlebens" zu erforschen. Gott sei Dank dürfen die Zuschauer nicht nur ihren Favoriten des Tages wählen, sondern in diesem Jahr auch erstmalig die Stücke anonym per SMS kommentieren. Ein Zuschauerkommentar zu den jungen Damen des Coinspiration Dance Theatres lautet:

"Drei Frauen auf der Bühne unter 25 reproduzieren unreflektiert sexuell weibliche Stereotypen. Die zwei männlichen Mitglieder der Jury schauen zu. Was ist da los?"

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Also weiter – ins nächste Foyer. Da sitzt eine junge Dame, die sich Louise Trueheart nennt, auf dem Boden, malt einem jungen Mann den Mund rot an, setzt ihm Kopfhörer auf und beginnt, sein Gesicht zu massieren. Er lächelt verzückt.

Louise Trueheart: "It’s a one-on-one-performance, it’s intimate and I hope to give people a living experience. I touch their face and I explore their skin and I just kind of have fun and make funny faces. And just them feel me explore basically. And I don’t hold back."

Louise Trueheart beschreibt ihre Performance als ein intimes, lebendiges Erlebnis. Sie berühre die Gesichter ihrer Gäste, erforsche ihre Haut und mache sich einen Spaß daraus, ihre Gesichter leicht zu verziehen. Und dabei halte sie sich keineswegs zurück.

Ganz klar: Nähe ist ein ganz, ganz großes Thema bei diesem 100 Grad Berlin-Festival. Man könnte fast behaupten: so viel Nähe war nie. Oder zumindest der Versuch, sie herzustellen.

Franziska Werner, Leiterin der Sophiensaele, hat sich durch fast alle Vorstellungen der vier Festivaltage durchgearbeitet:

"Witzigerweise fand ich es heute männerlastiger und gestern war es noch frauenlastiger. So Frauen und Identitätsgeschichten und heute ist ja wirklich dieses: Netzwelt, Beziehungen, Liebe. Ich hab auch so ein paar Sachen gesehen so aus Männersicht."

Dem Online-Dating auf der Spur

Zum Beispiel die One-man-Performance "Neue Liebe". In der ist Schauspieler Arne Vogelgesang auf der Spur des Online-Datings inklusive virtueller Selbstdarstellung und Selbstoptimierungsstrategien:

"Hier in deinem Chefsessel erinnere ich dich daran, dass du immer schon Meisterin und Meister warst in deinem Leben. Erschaffene, Erschaffender. Dass du alles erschaffen hast, was du in deinem Leben vorgefunden hast und bis heute vorfindest. Denn wir sind vom Haus aus Schöpfer."

"Das ist alles Material aus dem Internet. Das war der Ehrgeiz, bisschen sind die Sachen bearbeitet. Aber was ich da erzähle über die Mysterie-Methode und wie man die Frauen aufreißt, das ist original von einem Pick-up-Forum im Internet. Das ist ja eine ganze Gruppe von Männern, die sich als Künstler verstehen – Pick-up-Artists halt – wo das Frauen-Aufreißen als eine Art Kunstform betrieben wird."

Innerhalb von vier Stunden eine Frau aufreißen und ins Bett kriegen – darum geht es bei der pseudowissenschaftlichen Methode des amerikanischen Künstlers Mysterie, die Performer Arne Vogelgesang hier auf der Bühne vor mehreren Videoprojektionen wie ein Personal Coach dem Publikum zum Besten gibt. Eine Frau aufreißen – das kann man rational analysieren, technisch einüben – und dann funktioniert es auch. Was für ein bizarrer Gedanke – nicht nur aus Frauensicht.

Arne Vogelgesang: "Das hat vermutlich auch etwas damit zu tun, dass es auch ein Gespür gibt dafür, dass einem die Felle davon schwimmen. So, dass die männliche Identität auch etwas ist, das man auf eine viel stärkere Weise produzieren muss, selbst. Das wird einem nicht mehr geliefert, man läuft nicht mehr automatisch als Mann rum jetzt, sondern ich muss mehr dazu tun, um ein echter Mann zu sein. Und niemand kann mir so genau sagen, was das ist, deswegen suche ich nach Hilfe dafür."

Liebe und ihre Spielarten

Männliche und weibliche Identität. Die Liebe und ihre Spielarten. Man kann nicht gerade behaupten, den professionellen und semi-professionellen Künstlern von heute wäre das eigene Leben egal. Allein die Formen, die sie dafür finden, sind oft erstaunlich konventionell. Franziska Werner:

"Am ersten Tag, das ist mir auch aufgefallen, da gab es sehr viel so historische Bezüge, teilweise Referenzen auf klassische Stoffe, da ging’s aber auch immer um Identität heute und wie findet man seinen Platz und immer dann in Kombination mit dem klassischen Material. Wo ich sage, uns fehlt so ein bisschen das Wagnis, dass man richtig überrascht wird."

Aber vielleicht hat man das Beste auch einfach nur verpasst?! Wahrscheinlich. Bei 100 Vorstellungen an drei verschiedenen Orten und zahllosen Parallelveranstaltungen gehört das Verpassen sogar zum Konzept. Und das wiederum passt ja auch zu einem Festival unter dem Motto: Dabei sein ist alles.

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