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Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.05.2016

Theater im digitalen Zeitalter"Die vierte Wand gehört verboten"

Von Gerd Brendel

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Eine Szene aus dem Stück "Fear" von Falk Richter, aufgeführt an der Berliner Schaubühne – im Hintergrund ist in einer Videoprojektion Marine Le Pen, Parteivorsitzende der französischen Front National, zu sehen. ( picture alliance / zb)
Beispiel für gelungenes Polit-Theater: Das Stück "Fear" von Falk Richter an der Berliner Schaubühne ist eine Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus ( picture alliance / zb)

"Digitale Bühnen des Extremismus" lautete das Thema einer Tagung, die die Rolle des Theaters in Zeiten von Netz-Phänomen wie "Hate Speech" untersuchte. Wie man dem mit Theatermitteln begegnen kann, zeigt unter anderem Falk Richters "Fear" an der Berliner Schaubühne.

"Irgendwas mit Rum… alles wär mir lieber gewesen, als dieses widerliche Zeug. Rumliegen, rumknutschen... wär mir lieber gewesen. Diese Menschen und deren Probleme, und was die sagen in Kommentarspalten posten und auf Youtube … das ist nicht meine Wirklichkeit."

Der Anfang von Falk Richters Stück "Fear", gelesen vom Autor selbst, spricht an diesem sommerwarmen Nachmittag in der Heinrich-Böll-Stiftung sicherlich vielen aus der Seele. Digitale Medien und Theater: Das war noch vor einem Jahr am gleichen Ort auf der letzten Tagung vor allem ein spannendes Experimentierfeld, auf dem es überwiegend um neue ästhetische Erfahrungen ging und neue Formen der Zuschauer-Teilhabe: Twittern aus der Premiere, Internet-Streams direkt aus dem Theater.

Das klingt mittlerweile fast nach rührender Spielwiese, denn die Zeiten, als die digitalen Medien noch utopische Orte waren, an denen alternative Formen von Teilhabe an der realen Gesellschaft ausprobiert wurden, sind vorbei. Längst dienen Facebook, Youtube und Twitter dem rechten Rand der Gesellschaft und seinen wutschnaubenden Protagonisten als Bühne. 
 
"Digitale Bühnen des Extremismus" - so nennt Mitorganisator Christian Römer den Titel der Konferenz:

"Digitale Bühnen des Extremismus ergreifen unsere gesamte Gesellschaft, sind ganz reale Welten. Und diesen Welten begegnen wir draußen vor der Tür, im Kohlenstoff wie im Netz. Und wir denken, dass Theater aber auch andere Medien eine aktivere Rolle einnehmen können, um sich damit auseinander zu setzen und den Begriff der 'Counter Speech' wirklich mit Bedeutung zu füllen."

Zum Beispiel: Falk Richters Stück "Fear"

Falk Richter hat das mit seinem Stück "Fear" an der Berliner Schaubühne versucht. Er führte die rechtspopulistischen Thesen vor, nannte die Urheber und Urheberinnen und wurde prompt von AfD-Funktionären der Brandstiftung bezichtigt. Er und die Schaubühne wurden zur Zielscheibe und fanden sich als Angeklagte im Gericht wieder. Willkommen in der realen Kohlenstaub-Welt der Politik. 

Das ist der Preis für ein engagiertes Theater, dessen Daseinsberechtigung allein darin besteht, engagiert politisch zu sein. So sieht es auf jeden Fall Tagungsteilnehmer Jürgen Trittin, übrigens einiger der wenigen bekannteren Bundespolitiker, den man tatsächlich hin und wieder in den Theatern der Hauptstadt im Publikum sieht. Nach der Bedeutung von Theater gefragt, antwortet der Grünen-Politiker mit Shakespeare: 
 
"Wie viele Porträts von Politikern gibt es, die anfangen mit der Kindheit, um Politik daraus zu erklären. Ich würde sagen, alles Bullshit. Bei Shakespeare findet sich genau das Gegenteil: Unter den Bedingungen, unter denen Du lebst, kannst du das eine oder andere verändern, aber du bist eben nicht nur Herr deiner Sinne und der Handlungen."

Abweichung von der herrschenden Norm 

Theater als Ort, in dem eine Gesellschaft über sich selbst reflektiert, aber was passiert, wenn der reflexionswillige gesellschaftliche Mainstream wegbricht?  "Mittebastion oder Ort des Gegendiskurs" lautet das letzte Podium am Abend. Volksbühnen Chefdramaturg Karl Hegemann erinnert sich an seine ersten Teenager-Theatererfahrungen im Paderborner Stadttheater:

"Die Erfahrung: Es gab einen Ort, in dem man merkte, das, was man im Hinterkopf hat, was abweicht von der herrschenden Norm, das gibt es, das hat einen Platz."

 Dagegen plädiert Roland May. Intendant des Dreisparten Hauses Zwickau-Plauen, für den Spagat zwischen:

 "Theater für alle" und "Kunstauftrag" 

Das Stadttheater als Biotop für Unangepasste

Das eine ist nicht ohne das andere zu haben. Das Stadttheater kann sich das Biotop für Unangepasste nur leisten, wenn nebenan die ausverkaufte Operette läuft. Aber wie lange soll das noch so funktionieren?

Das Theater der Gegenwart und seine Regisseure, Autoren, Darsteller sind vor allem in der Kohlenstaub-Realität gefragt: 
 
"Theater muss direkter werden, die vierte Wand gehört verboten."

Das sagt Christian Römer: 
 
"Wenn Künstler jetzt sich politisch begreifen, dann heißt das, sich in die Spannung zu begeben, zwischen dem geschützten Raum der Bühne und dem was draußen auf der Straße, auf den Plätzen passiert."

Der schönste und ehrlichste Satz auf dieser Tagung kam vielleicht von Falk Richter, als er von seiner Überraschung erzählte, mit einem Mal öffentlich angegriffen zu werden. 
 
 "Es ist schon ein ganz schöner Schlag, weil man das so nicht gewohnt ist, ich steh ja so nicht in der Öffentlichkeit."

Aber genau darauf kommt es in Zukunft an: Das Theater geht weiter, auch der Vorhang längst gefallen ist, meint Römer:

"Das war die Konsequenz: Nicht nur ein politisches Stück zu machen, sondern das zweite Stück, die Auseinandersetzung der Schaubühne mit der AfD, als aktives Subjekt zu begleiten."

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