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Montag, 18.12.2017

Rang I | Beitrag vom 25.11.2017

Theater-Comeback von Orwells „1984“ Big President is watching you

Von Bernhard Doppler

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Ein Gebäude am Pariser Place de la Nation mit der Inschrift "1984". Es beziehet sich auf George Orwells Roman "1984" über einen totalitären Überwachungsstaat. Das Buch ist 1949 erschienen.    (dpa / picture alliance / Etienne Laurent)
Eine Inschrift auf einem Gebäude in Paris, die sich auf George Orwells Roman "1984" bezieht. In Russland ist das Buch 2015 zum Bestseller geworden. (dpa / picture alliance / Etienne Laurent)

Nach Trumps Wahlerfolg steht George Orwells dystopischer Roman "1984" wieder hoch im Kurs - auch auf deutschsprachigen Bühnen. In Wien, Bielefeld und Hildesheim sieht das sehr verschieden aus: komödiantisch, schrill und grausam, aber auch nachdenklich.

"Heute übergeben wir die Macht nicht nur von einer Regierung an die andere Regierung, sondern wir nehmen die Macht aus der Hand der herrschenden Elite und geben sie an euch, das Volk."

Über den Bildschirm spricht nicht Orwells "Großer Bruder", sondern "Big President", der große Präsident. In der Inszenierung von Hermann Schmidt-Rahmer am Wiener Volkstheater steht die Rede von Donald Trump zu seiner Amtseinführung am 20.1.2017 im Zentrum.

"Dieser Augenblick ist euer Augenblick."

Ist Georges Orwells düsterer, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg erschienener Zukunftsroman siebzig Jahre später Wirklichkeit geworden? Anita Augustin, Dramaturgin am Wiener Volkstheater:

"Es ist ja kein Zufall, dass der Roman "1984" von Orwell zwei Tage nach der Inauguration von Donald Trump und den ganzen Eklats rund um die alternativen Facts auf der Bestsellerliste ganz auf der Spitze gelandet ist. Das ist hochinteressant, es war ein direkter Reflex des Lesepublikums auf das, was bei Trump auch gang und gäbe ist: Doppeldenk, Neusprech und die wenigen Worte: Donald Trump verfügt über einen Wortschatz von 300 Wörtern, das ist nun wirklich sehr schmal – zumal für einen Präsidenten."

Lektionen in Neusprech: Sprache wird reduziert – dann zwei Minuten: Übungen in Hass, aber auch Folterungen als Erziehungsmaßnahme, überblendet von einer Speisekarte aus dem Chinarestaurant, Das steht im Mittelpunkt der schrillen Wiener Inszenierung. Die Beziehungen der einzelnen Romanfiguren werden bewusst nicht weiter vertieft.

Retrofuturismus in Bielefeld

"Ich habe schon lange auf eine Gelegenheit gewartet, mit Ihnen zu sprechen. Haben Sie schon die 10. Auflage des Neusprech-Wörterbuchs gesehen?"

1948? 1984? Aktuell? Oder erste Zukunft? "Retrofuturismus" bestimmt die Ästhetik der Bielefelder Inszenierung. Sind es die 60er Jahre oder befinden wir uns als Zuschauer vielleicht sogar im Jahre 2050? Und sehen wir, wie uns in Bielefeld eingeredet wird, vom Jahre 2050 auf den Fall Winston Smith zurück. Die Schauspieler haben zunächst auch mitten unter den Zuschauern Platz genommen und erwarten eine Lesung. Regisseur Christian Schlüter:

"Ich fand spannend an der Fassung von Robert Icke und Duncan Mc Millen, dass das in den Kopf des Winston Smith zurückverlagert wird und dass es letztendlich – und das ist fast etwas pathetisch gesagt – ein Stück um die Würde des Menschen ist. Das ist eine grausame Wahrheit von Orwell, das letztendlich im Schmerz die nicht hintergehbare Wahrheit ist."

Die grausame Folter wird sehr drastisch unmittelbar vor dem Publikum vorgeführt.

Schlüter sagt dazu:

"Es gibt ja so was wie Snuff-Videos, wo, Snuff halt, reale Menschen offensichtlich in irgendwelchen Kellern gequält werden, und das schauen sich Menschen auf Video an. Ich wusste, ich darf vor der Folter nicht ausbüchsen – weil es ist ein sehr physischer Roman, den der Orwell da geschrieben hat. Man merkt bei mehrfachem Lesen: Er atmet schwer, der Winston, das merkt man beim Lesen des Romans, er stößt sich, er tut sich weh."

Die Handys bleiben an

Auch im Theater für Niedersachsen bleibt nicht eindeutig, in welcher Zeit die Inszenierung von Reiner Müller spielt. Die vielen alten Bildschirme in der Bühneninstallation verweisen auf die 80er Jahre. Doch wenn das Publikum die Plätze aufsucht, kreist surrend eine Drohne über dem Zuschauerraum. Sie greift unsere Daten ab. Die Handys sollen, so wird uns bedeutet, nach Möglichkeit eingeschaltet bleiben. Und noch ehe die Romandramatisierung beginnt, teilt ein freundlicher Conferencier auch die intimen Ergebnisse der Datenauswertung mit – zum Beispiel: Wie viele unter den Zuschauern letzte Woche sexuell aktiv waren, was und um wie viel letzte Woche eingekauft wurde. Das Theater Niedersachsen hat den in Zürich wirkenden Physiker und Zukunftsforscher Dirk Helbing eingeladen. Er ist als Orwells O`Brien auch in einem Video zu sehen. 1984 ist für Helbing Wirklichkeit geworden:

"Es gruselt mich, wenn ich sehe, wie diese Methoden der psychologischen Kriegsführungen tatsächlich Eingang gefunden haben, in unsere Realität. Nun gibt es künstliche Intelligenzsysteme, von Firmen, deren Namen wir zum Teil gar nicht kennen, die uns besser manipulieren können als unsere Freunde, und wir wissen das gar nicht, was mit dem psychologischen Profil, das von uns angefertigt wurde, alles gemacht wird; wie wir manipuliert werden, Produkte zu kaufen, Meinungen und Stimmungen anzunehmen, Parteien zu wählen und unser Verhalten zu ändern. Das geschieht unterbewusst."

Alles vorbestimmt – und fällt dabei gar nicht mehr auf! Doch gerade das ist die Chance des Theaters, als anachronistischer Ort aus dieser Matrix herauszufallen. An der platten Psychologie der Charaktere von Orwells Roman liegt es wohl kaum, dass "1984" so oft in diesem Herbst in Szene gesetzt wurde. Literarisch ist der Roman nicht allzu anspruchsvoll. Doch er gibt gerade dem Theater die Möglichkeit, Szenarien des Zusammenlebens durchzuspielen und zu relativieren – komödiantisch schrill und grausam, aber auch nachdenklich.

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