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Sein und Streit | Beitrag vom 26.02.2017

Thea Dorn über Illusion und WirklichkeitDie Logik der Lebenslüge

Thea Dorn im Gespräch mit Christian Möller

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Schriftstellerin und Literaturkritikerin Thea Dorn (Deutschlandradio / Manfred Hilling)
Schriftstellerin und Literaturkritikerin Thea Dorn (Deutschlandradio / Manfred Hilling)

Wir glauben, woran wir glauben wollen - auch wenn Fakten dagegen sprechen. Warum das so ist, erklärt die Schriftstellerin Thea Dorn. Die Mitglieder der "liberalen Blase" ruft sie dazu auf, sich der Kritik von rechts zu stellen.

Wie kann es sein, dass wir eigentlich genau wissen, was der Fall ist, und trotzdem an unseren Illusionen festhalten? Diese Frage, so Thea Dorn, sei in der Philosophie bereits von Aristoteles behandelt worden, vor allem aber die Literatur habe sie aufgegriffen. Etwa Tolstoi in "Anna Karenina", wenn er seine Figur Alexej Karenin an der Illusion festhalten lässt, seine Frau sei ihm treu. Auch im wirklichen Leben verzerren wir die Wirklichkeit bis zum Wahn, meint Dorn: "Nein, nein, die lagen nur im Bett und haben Gymnastik gemacht".

Angst vor Vereinzelung

Im Existenzialismus von Sartre und Kierkegaard spiele die Selbsttäuschung eine zentrale Rolle. Aus Angst vor seiner existenziellen Einsamkeit renne der Mensch der Mehrheitsmeinung hinterher. Denn wenn er die Masse aufklären würde über die Wahrheit, wäre er allein, separiert von den anderen, die ihn als Außenseiter verachten. Diese Logik der Selbsttäuschung sei in politischen Zusammenhängen zentral. Im Privaten jedoch verhalte es sich eher umgekehrt: Die Einsamkeit sei der Garant dafür, dass wir weiter in der Illusion verharren.

Philosophisch sei die Selbsttäuschung immer eher verachtet worden, widerspreche sie doch der "intellektuellen Redlichkeit", die darin besteht, die Meinung anderer zuzulassen und die eigene Weltsicht immer wieder zu überprüfen. Genau das verweigere ein Mensch, der in Illusionen verharrt: "Ich glaube weiter, woran ich glauben will."

Verzärtelte Studentinnen und Studenten an US-Unis

Die größte politische Illusion nach 1989 habe in der Annahme bestanden, dass der liberale Rechtsstaat, das demokratische System, gesiegt habe. Am 11. September 2001 sei diese Illusion geplatzt. Auch unsere Wahrnehmungen der Flüchtlinge, die seit 2015 zu uns kommen, seien von Verzerrungen gekennzeichnet. Entweder man sehe in ihnen Terroristen oder aber Menschen, die "man mit Teddybären bewerfen" muss. Die entscheidende Frage laute daher: "Wie können wir die Wirklichkeit so im gesellschaftlichen Bewusstsein verankern, dass diese einseitigen Verzerrungen aufhören?"

Die "liberale Blase", zu der Dorn sich selbst auch zähle, müsse sich einer Kritik von rechts durchaus stellen und öffnen. Sie selbst habe in gewissen Punkten durchaus Verständnis für diese Kritik – etwa, wenn sie sich die Zensur an US-amerikanischen Universitäten vergegenwärtige. Studentinnen und Studenten verzärtelten zusehends, da man sie vor Diskriminierung, ja sogar vor verstörenden Dramen wie "Antigone" beinahe zwanghaft schütze. "Da kann ich verstehen, dass eine Rechte sagt: "Jetzt reicht es mir."

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