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Lesart | Beitrag vom 03.05.2018

Thea Dorn: "deutsch, nicht dumpf"Patriotisch, selbstbewusst und aufgeklärt

Von Jens Balzer

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Buchcover Thea Dorn: Deutsch, nicht dumpf (Knaus / imago stock&people)
Ausführlich befasst sich Thea Dorn mit der Rolle der Literatur, die identitätsstiftende Wirkung der Popkultur aber erfasst sich nicht. (Knaus / imago stock&people)

"Dürfen wir unser Land lieben?" Das fragt Thea Dorn in "deutsch, nicht dumpf". Die Schriftstellerin und Philosophin skizziert einen Patriotismus, der die kulturelle Identität betont, ohne sich in die Nähe einer Seehoferschen "Leitkultur" zu begeben.

Nach dem ersten Satz möchte man eigentlich gar nicht weiterlesen. "Dürfen wir unser Land lieben? Dürfen wir es gar Heimat nennen?" fragt Thea Dorn zu Beginn ihres neuen Buchs "deutsch, nicht dumpf", und da es darauf nur eine vernünftige Antwort gibt – "Warum denn nicht?" –, fürchtet man sich sofort davor, dass hinter der Frage doch wieder nur weiteres Mal der Popanz einer vaterlandslosen linken Meinungshegemonie aufgebaut wird, die einem diese selbstverständlichen Heimatgefühle verbietet. Doch die Furcht ist unbegründet: Entgegen ihrer im Feuilleton ausgiebig ausgelebten Neigung zu einem aufmerksamkeitsheischend zugespitzten Konservatismus hat die Schriftstellerin und Philosophin einen erstaunlich differenzierten Essay verfasst, angenehm im Ton, abwägend in den Argumenten, durchweg um die Vermittlung zwischen den politischen Lagern bemüht. Bevor sie für einen "aufgeklärten Patriotismus" plädiert, erörtert sie beispielsweise ausführlich die Frage, worauf sich dieser Patriotismus beziehen kann. Auf die Kultur, sagen manche. Aber kann man überhaupt von einer "deutschen Kultur" reden, obgleich Deutschland in so viele Regionalkulturen zerfällt? Und wie ist es mit den kulturellen Erzeugnissen und Gepflogenheiten der islamischen Bürger? Gehören das Minarett und die Geschichten des Nasreddin Hodscha zur deutschen Kultur?

Verwurzelt in der kulturellen Identität

Nein, sagt Thea Dorn, denn wer so redet, verwischt die Unterschiede zwischen dem Eigenen und dem Fremden; und nur, wer sicher auf dem Boden seiner kulturellen Tradition steht, kann das Neue suchen und das Fremde genießen, ohne seine eigene Ich-Identität in der Überforderung durch unendlich viele Möglichkeiten aufs Spiel zu setzen. Was aber noch lange nicht heißt, dass wir eine "Leitkultur" nach der Art von Horst Seehofer brauchen. Statt dessen, so Dorn, sollte man "kulturelle Identität" im Sinn der Wittgenstein’schen "Familienähnlichkeit" betrachten: als Begriff, der durchlässig und wandelbar ist, produktiv unscharf, aber nicht beliebig. Ein interessanter Gedanke. In munterer Weise wechselt Dorn fortan zwischen begrifflichen Erörterungen und historischen Exkursen etwa über die schwierige Ausbildung des deutschen Nationalbewusstseins. Sie diskutiert das Verhältnis zwischen einem "aufgeklärten Patriotismus" und dem Wunsch nach europäischer Einigung und einem kosmopolitischen Dasein; sie erteilt dem rein rückwartsgewandten Denken der "Identitären Bewegung" eine klare Absage und der Relativierung des Nationalsozialismus sowieso; aber sie warnt auch davor, den kulturellen Reichtum der deutschen Geschichte zu vergessen und sich im wurzellosen Individualismus der neuen Internet-Kultur zu verlieren.

Dorns Erklärungsmuster reichen nicht bis in die Gegenwart

Die Warnung mag berechtigt sein, aber an dieser Stelle findet sich auch ein wesentlicher Makel des Buchs. Denn so leichtfüßig Dorn den bildungsbürgerlichen Literaturkanon der letzten vier Jahrhunderte von Gryphius über Goethe bis zu Thomas Mann durchstreift, so wenig Interesse und Verständnis bringt sie für die Popkultur der Gegenwart auf. Die jüngste musikalische Entwicklung, die sie erwähnt, ist der "Rock ’n’ Roll", und der ist ja auch schon wieder aus den 1950er-Jahren (und gehört ihrer Ansicht nach nicht zu Deutschland), und zum Internet fällt ihr nur ein, dass man es nicht als "Heimat" betrachten darf, weil die Verwechslung von realer und virtueller Welt die Menschen nur unglücklich macht. Das kann man so sehen, ändert aber nichts daran, dass für die Generation der Digital Natives das Internet natürlich eine Heimat ist, ob es uns älteren Semestern passt oder nicht. Und das heißt aber: dass sich kulturelle Identität heute – noch vor aller nationalen oder sonstwie territorialen Umhegung – notwendig nur in einem Spannungsverhältnis mit dem globalisierten Ekletizismus der Digitalkultur herausbilden kann. Diese für das Verständnis unserer Gegenwart fundamentale Dialektik bekommt Dorn nicht in den Blick, dazu sind ihre bildungsbürgerlichen Abwehrmechanismen gegen den Ansturm des Nicht-Kanonisierten zu stark. Aber je stärker sie mit dem Zeigefinger fuchtelt, desto schwächer wird leider die Analyse.

Thea Dorn: "deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten"
München, Knaus 2018
336 Seiten, 24 Euro

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