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Kompressor | Beitrag vom 12.12.2017

"The Cure Lodz Multicam"Sind Handy-Konzertfilme die Zukunft?

Von Mike Herbstreuth und Henry Keazor

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The Cure-Sänger Robert Smith bei einem Konzert in Lodz 2016. (Screenshot/thecure.pl)
The Cure-Sänger Robert Smith bei einem Konzert in Lodz 2016: Screenshot aus "The Cure Lodz Multicam". (Screenshot/thecure.pl)

Auf Konzerten von Alicia Keys oder Guns'N'Roses sind sie verboten: Smartphones. Dass die Dinger aber nicht nur nervig sind, sondern mit ihnen etwas sehr Sehenswertes entstehen kann, zeigt der erste Handy-Konzertfilm.

Martin Marszalek ist kein professioneller Cutter, aber was er da mit all den Stunden Handyvideomaterial vom The Cure-Konzert im Oktober 2016 in Lodz gemacht hat, das kann sich sehen lassen. Der Film "The Cure Lodz Multicast", den er in monatelanger Arbeit zusammenschnitten hat, wirkt teilweise fast wie ein professioneller Mitschnitt eines Live-Konzerts. Und manchmal übertrifft sein Handyvideofilm solche professionellen Produktionen sogar, sagt Marszalek:

"Zum Beispiel den Song 'A Forest' – da haben wir 21 verschiedene Einstellungen. So viele Kameras haben TV-Produktionen gar nicht."

Schaut man sich diesen selbstgemachten Konzertfilm an, dann ist man schon ein bisschen überrascht, wie gut die Qualität der Handyvideos ist. HD-Qualität, manchmal sogar BluRay-Qualität, sagt Martin Marszalek. Klar, nicht jeder der Konzertgänger hatte eine komplett ruhige Hand. Und hier und da verrutscht auch mal der Fokus. Handyvideos eben. Dazu kommt, dass im Vorfeld auch niemand von Marszaleks Plan wusste, aus diesen Aufnahmen einen Film zu basteln:

"Wir haben alle was gegen Leute, die komplette Konzerte aufnehmen. Ich wollte nicht dafür verantwortlich sein, dass jemand die ganze Show durchfilmt, deshalb habe ich auch erst am Tag nach dem Konzert den Aufruf gestartet."

Marszalek selbst filmt zwar auch gerne mal bei Konzerten, aber dann nur ein paar Minuten: 

"Ich schaue mir das danach noch oft an. Es ist wie ein Foto. Es macht mich glücklich, mich an diese schönen Momente zurückzuerinnern. Es ist ein bisschen so, wie wenn man sich eine Konzert-DVD kauft. Aber es ist mein eigenes Werk. Ich habe es selbst gemacht."

Den Film hat er auch der Band zugeschickt. Rückmeldung gab es bislang keine. The Cure haben seit über zehn Jahren keine Live-DVD mehr herausgebracht, was für Marszalek der eigentliche Grund für das Projekt war – das womöglich Schule machen könnte, bei ähnlich konzertfilmveröffentlichungsfaulen Bands wie The Cure. Denn was dem DIY-Film manchmal an schicken Kamerafahrten und perfekten Einstellungen fehlt, macht er durch Nähe und Authentizität wett. Ab und zu wirkt es in "The Cure Lodz Multicast" nämlich tatsächlich so, als stünde man mitten im Publikum. Da vorne der eine große Typ, der mit seinem Kopf immer die Sicht auf Robert Smith verdeckt. Da links irgendwer, der nicht im Rhythmus klatschen kann. Oh, und da rechts vor einem holt gerade schon wieder jemand sein Smartphone raus und filmt.


Sind mit dem ersten Handy-Konzertfilm die nervigen Smartphone-Hochhalter also als Schwarm-Künstler rehabilitiert? Henry Keazor, Professor für Neuere und Neueste Kunstgeschichte, forscht zu Musikvideos an der Uni Heidelberg. Er ist hin- und hergerissen:

"Einerseits weiß ich ja selber, dass einem das beim Konzert furchtbar nervt und es gibt ja mittlerweile Künstler, die vorher drum bitten, dass man das Handy ausschaltet und wegsteckt. Andererseits fand ich faszinierend, was für Effekte sich dadurch ergeben."

Obwohl der Fan-Film mit einfachsten technischen Mitteln aufgenommen und geschnitten wurde, sei er dicht an der Qualität professioneller Konzertfilme – die sich Künstler mitunter Tausende Euros kosten lassen. Trotzdem gebe es natürlich Unterschiede:

"Bei professionellen Mitschnitten haben Sie an Kränen aufgehängte Kameras, Kameras auf Drohnen, die übers Publikum fliegen. Sie haben die Kamera auf der Bühne, die sich um die Musiker herum bewegt. Das alles haben Sie in diesem Video nicht."

Es fühle sich mehr nach Konzert an

Eben das habe aber eine gewisse Authentizität sagt Keazor. Es fühle sich mehr nach Konzert an. Ein weiterer Vorteil sei, dass man an vielen verschiedenen Positionen des Konzertsaals stehen könne.

Der Kunsthistoriker kann sich zudem vorstellen, dass das Modell aus Lodz Schule macht.

"Es geht um dieses sehr Persönliche. Und es ist eine Gegenbewegung zu den gelackten Konzertfilmen. Dass das eben was Raues, was Unfertiges hat."

Fraglich bleibt, was die Künstler selbst von der Handy-Filmerei halten. Nicht zuletzt erhöht schließlich die Verknappung von Konzertmitschnitten die Ticketnachfrage. Gleichzeitig seien Filme wie der von Martin Marszalek auch eine gute Werbung für die Bands, sagt Keazor.

"Aber wenn die Künstlerin oder der Künstler das nicht will, kann er oder sie das natürlich unterbinden. Und man kann das auch gut verstehen, dass da widerstreitende Motive mit reinspielen."

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