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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 10.06.2016

Terrorismus in der Literatur"Ein Bömbchen hätten sie alle verdient"

Von Ralph Gerstenberg

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Der deutsche Rechtsanwalt und Buchautor Ferdinand von Schirach (2009).  (picture alliance / Karlheinz Schindler)
Ferdinand von Schirach, Rechtsanwalt und Buchautor. (picture alliance / Karlheinz Schindler)

Die Terroranschläge in Paris, Tunesien oder Norwegen haben die Welt tief erschüttert. Wie reagiert die Literatur auf die Bedrohung durch gewaltbereite Terroristen? Wie denkt ein Mensch, der bereit ist, für seine Überzeugungen zu töten und zu sterben?

Christoph Peters: "Da ich familiäre Beziehungen nach Ägypten hatte und da eben auch islamischer Terror ein großes Thema war und selber so in meiner Jugend als katholischer Fundamentalist religiösen Extremismus von innen heraus zu kennen glaubte, hab ich gedacht, das ist eigentlich ein Stoff. Und dann hat mich während der Recherche und während des Schreibens der 11. September eingeholt und das Ganze in ein ganz anderes Licht gerückt."

Zoe Beck: "Ich hatte das Buch fertig geschrieben, es war schon in der Herstellung, und dann kommt dann eben so eine Meldung, das mit Charlie Hebdo. Und ich dachte, das darf alles nicht wahr sein, ich wusste nicht, ob ich mein Buch zurückziehen soll, ob ich damit überhaupt Lesungen machen soll. Also ich musste mich damit auch erstmal zurechtfinden."

Sherko Fatah: "Die Literatur soll natürlich Anteilnehmen schaffen, sie soll Empathie schaffen, und sie soll auch verstehbar machen, wie Dinge entstehen, ohne dabei ungebührlich zu entschuldigen, was geschieht, denn es sind schreckliche Dinge. Es werden Verbrechen begangen. Das ist eine interessante Gratwanderung für mich zwischen den Welten, ohne starke moralische Vorurteile und Urteile einen solchen literarischen Stoff zu entwickeln."

Aus Theaterstück "Terror": 

"Herzlich willkommen, meine Damen und Herren. Bevor wir anfangen, möchte ich Sie bitten, alles, was Sie im Vorfeld über das Stück und diesen Autor gelesen haben, zu vergessen."

Deutsches Theater Berlin. Das Stück, das aufgeführt wird, heißt "Terror" und ist eines der meistgespielten der Saison. Sein Autor: der Jurist und Schriftsteller Ferdinand von Schirach.

Vor den Augen der Zuschauer verwandelt sich die Bühne in einen Gerichtsaal.

Aus Theaterstück "Terror":

"Ich eröffne die Sitzung der 16. Großen Strafkammer, Schwurgericht. Bitte nehmen Sie Platz."

Bedrückend aktuelles Thema

Angeklagt wird Lars Koch, ein Kampfpilot der Luftwaffe, der gegen den Befehl seines Vorgesetzten ein von Terroristen gekapertes Passagierflugzeugs abschoss, kurz bevor es ein mit 70.000 Menschen vollbesetztes Fußballstadion erreichen konnte. 164 unschuldige Menschen kamen dabei ums Leben. Ein bedrückend aktuelles Szenario, das die Frage aufwirft, mit welchen Mitteln sich ein Rechtsstaat gegen Terroranschläge zur Wehr setzen darf. Die Staatsanwaltschaft plädiert auf Mord, die Verteidigung hält dagegen.

Aus Theaterstück "Terror":

"Die einzige Frage in diesem Verfahren, die einzige Frage, die Sie hier und heute gestellt bekommen, lautet: Durfte Lars Koch diese 164 Menschen töten? Gibt es Situationen in unserem Leben, in denen es richtig, vernünftig und klug ist, Menschen zu töten? Und mehr noch: in denen alles andere absurd und sogar unmenschlich wäre? Wir müssen begreifen, dass wir in einer Welt leben, in der das Schrecklichste längst Realität geworden ist. Und es ist Ihre Aufgabe, verehrte Damen und Herren Richter, ihre Pflicht, diese Realität zu erkennen und zu bewerten."

Terroristen haben es sich zur Aufgabe gemacht, das Schrecklichste Realität werden zu lassen. Dafür nutzen sie die flüchtigen, distanzierten Kontakte und die Indifferenz, die für das urbane Zusammenleben in großen Städten unabdingbar sind. Hier können sie untertauchen in Hotelzimmern und Mietwohnungen, Orte und Identitäten rasch wechseln und mit ihren Attentaten eine größtmögliche Wirkung erzielen.

Zitator: "Sie zerstören das Vertrauen, das Menschen in der Anonymität einander entgegen bringen müssen, indem sie plötzlich und scheinbar wahllos Bomben werfen und fremde Menschen töten."

Schreibt der Gewaltforscher Jörg Baberowski in einem Aufsatz über "Das Handwerk des Tötens".

"Der Terrorist ist nirgendwo und überall, und nichts steigert sein Machtgefühl mehr als das Wissen, dass die Vielen sich vor der Gewalt eines Einzelnen fürchten."

Erschienen ist Baberowskis Aufsatz als Anhang zu dem Roman "Das fahle Pferd" von 1908, der 2015 im Galiani Verlag neuveröffentlicht wurde. "Roman eines Terroristen" heißt das Buch im Untertitel, denn sein Autor, Boris Sawinkow, war einer der führenden Köpfe der terroristischen Kampforganisation der Sozialrevolutionären Partei.

Terroristen im zaristischen Russland

In seinem Roman schildert der 1879 im zaristischen Russland geborene Sawinkow die Vorbereitung und Durchführung eines Bombenattentats auf den Moskauer Generalgouverneur, das 1905 tatsächlich stattgefunden hat. Die Angehörigen der Terrorgruppe, die von Sawinkows Alter Ego, dem Berufsterroristen George, geleitet wird,  haben höchst unterschiedliche Motive für die Anwendung von Gewalt. Da gibt es den Sozialisten Heinrich, der von einer Weltrevolution träumt, die unglücklich verliebte Bombenbauerin Erna, den frommen Christen Wanja sowie Fjodor, einen ehemaligen Schmied, der soziale Ungleichheit als himmelschreiende Ungerechtigkeit empfindet.

Zitator:

"Fjodor sagt:
- Hör mal, was meinst du, was die Klamotten kosten?
Er zeigt mit dem Finger auf eine hübsch gekleidete Dame am Nachbartisch. Ich zucke die Achseln.
- Ich weiß es nicht. Vermutlich um die 200 Rubel.
- 200?
- Ja, so in etwa.
Schweigen.
- Hör mal.
- Ja?
- Als ich gearbeitet habe, gab’s nur einen Rubel pro Tag.
- Und?
- Nichts.

Elektrische Lichter erglühen. Gleich über unseren Köpfen glimmt eine matte Kugel. Auf dem weißen Tischtuch sind blaue Schemen.

- Hör mal.
- Ja, Fjodor?
- Was meinst du, soll man solche da vielleicht auch mal?
- Was?
- Na, damit sie es endlich kapieren.
- Was kapieren?
- Die Arbeiter um sie herum, die sterben wie die Fliegen.
- Was hast du bloß, Fjodor?
- Ach ja, das Leben ist ungerecht. Unsereins schuftet Tag und Nacht in der Fabrik, die Mütter heulen, die Schwestern treiben sich auf der Straße herum ... und die da ... für 200 Rubel ... So ein Bömbchen hätten sie alle verdient, klare Sache."

Die inneren Abgründes eines Terroristen

Boris Sawinkow bietet in seinem Roman Innenansichten eines Berufsterroristen. Was denkt jemand, der die Grenzen des Moralischen weit hinter sich lässt und gezielt Menschen ermordet? Was empfindet er, wenn durch seine Schuld Unschuldige sterben? Der Herausgeber und Übersetzer Alexander Nitzberg hält "Das fahle Pferd" von Boris Sawinkow vor allem deshalb für brandaktuell, weil der Leser in der Haltung des Protagonisten seine eigenen Abgründe erkennen kann.

Alexander Nitzberg: "Wir leben ja in einer Zeit, in der alles Böse nach außen verlagert wird. Böse, das sind immer die andern. Und der Terror und auch die Angst vor dem Terror, die lassen sich eigentlich nur überwinden, wenn man den Terroristen zunächst in sich selbst erkennt, diesem Dämon von Angesicht zu Angesicht begegnet, ihm einmal ganz tief in die Augen blickt. Dann hat er, glaube ich, keine Macht mehr über uns."

Christoph Peters: "Das hat - kennt man ja auch aus der gesamten Geschichte – immer wieder in den verschiedensten Kulturen und in den verschiedensten Religionen bis hin zum Kommunismus und Sozialismus immer eine ganz eigene Dynamik, wenn man die Hoffnung hat, man könnte jetzt das Paradies auf Erden realisieren. Daraus kann einfach für junge Leute ’ne große Kraft entstehen."

Christoph Peters hat in seinem Roman "Ein Zimmer im Haus des Krieges" einen jungen Mann porträtiert, der schon Anfang der neunziger Jahre zum Islam konvertiert ist: Jochen Sawatzki. Gemeinsam mit arabischen Islamisten plant Sawatzki einen Terroranschlag auf den Tempel von Luxor und landet nach der Vereitelung des Attentats durch ägyptische Sicherheitskräfte im Hochsicherheitsgefängnis von Kairo. Inspiriert wurde Christoph Peters  zu dieser Figur durch Pressemeldungen über den deutschen Konvertiten Steffen Smyrek, der sich der Hisbollah anschloss, um in Tel Aviv einen terroristischen Anschlag zu verüben.

Peters: "Und die Energie, die der Mann hatte, diese besondere hermetische Entschiedenheit, wo man nicht ganz genau weiß: Weiß der wirklich, was er da tut, oder ist er paranoid oder woher nimmt der seine Gewissheit? Diese sonderbare Energie, die er ausgestrahlt hat, war für mich dann für die Figurenfindung wahnsinnig wichtig."

Terroristen fühlen sich im Recht

Im Verhörraum des Kairoer Gefängnisses trifft der islamistische Terrorist Jochen Sawatzki auf Claus Cismar, den Deutschen Botschafter in Ägypten, der sich für eine Auslieferung Sawatzkis nach Deutschland einsetzt. Cismar ist ein ehemaliger 68er, der anfangs mit der RAF sympathisierte, sich dann aber für den gewaltfreien Marsch durch die Institutionen entschied. Als Botschafter verkörpert er das Bild vom arrivierten und privilegierten Staatsdiener, der in vollklimatisierten Büros, ausgestattet mit dem überlebensnotwendigen Quentchen Zynismus, sein saturiertes Leben genießt. Ausgerecht der gewaltbereite Konvertit Sawatzki konfrontiert Cismar nun mit seinen Idealen von einst.

Peters: "Der Sawatzki spiegelt da etwas. Und das zieht ihn sehr an. Da will er auch wissen, was ist das eigentlich, was dem da zugrunde liegt, was erfahre ich über mich selber, wenn ich den angucke in dem Stadium, in dem der jetzt ist und mich an mich erinnere, wie ich damals war."

Zitator:

"Unser Kampf ist gerecht. Wir verteidigen das Haus des Islam. Gott verlangt diesen Einsatz, solange Ungläubige über unser Land herrschen. Deshalb werden wir am Ende erfolgreich sein. Inscha Allah."

Peters: "Der Sawatzki fährt natürlich das gesamte rhetorische Material eines klassischen Propagandisten auf. Er sagt: Dieses Leben, das wir hier führen, ist sowieso bedeutungslos und nur relevant als Vorstufe dessen, was eigentlich kommen soll. Insofern ist es auch egal, ob man kurz lebt oder lang lebt, Hauptsache, man lebt gut, weil dann findet man sich nachher im Paradies wieder."

Zitator:

"Cismar kennt diese Art Phrasen. Während der siebziger Jahre hallten sie ähnlich durch Europa. Einen Unterschied gab es: Gott spielte damals keine Rolle. Die Revolution hatte seinen Platz eingenommen. Cismar fragt sich, ob das ein grundsätzlicher Unterschied war oder nur eine andere Maskierung? Jedenfalls wurden die gleichen Konsequenzen gezogen: Gegen die totalitäre Machtausübung des Staates half nur Gewalt. Es folgten Entführungen, Bombenanschläge. Der Tod Unbeteiligter wurde in Kauf genommen. (...) 'Gott ist keine Grundlage für politisches Handeln und bestimmt keine Rechtfertigung für Verbrechen. Um es noch einmal klar und deutlich zu sagen: Ihnen droht die Todesstrafe.'

'Ich denke über diese Dinge nicht nach. Die Entscheidungen sind lange vorher gefallen. Es herrscht Krieg zwischen den Gläubigen und den Ungläubigen. (...) Wir sind gefestigt in unserer Religion, wir geben unser Leben ohne Gefühle.'"

Als Christoph Peters in den Neunzigerjahren mit dem Schreiben an seinem Roman "Ein Zimmer im Haus des Krieges" begann, hatte er das Gefühl, die Geschichte eines radikal individualistischen Außenseiters zu schreiben, der sich nach einer schwierigen Jugend in Deutschland  zu einem radikalen Islamisten entwickelt hat. Nach Erscheinen des Buches im Jahr 2006, also vier Jahre nach Nine Eleven, wurde der Roman oft als Erklärungsmuster für die Radikalisierung von arabischstämmigen jungen Männern gelesen. Und heute, nach den Anschlägen von Paris und dem Erstarken des IS? Wie sieht Christoph Peters heute sein Buch?

Peters: "Mit der Sawatzkischen Logik kann man theoretisch auch einen IS-inspirierten Anschlag in Paris führen. Man kann damit auch direkt zum IS gehen und versuchen, ein islamistisches Staatsgebilde irgendwo in der arabischen Welt zu etablieren. (...) Und meine Absicht war, dass ich selber argumentativ schon bis an die Grenzen meiner denkerischen Fähigkeiten gehen muss, um ihn auszuhebeln, weil ich einfach nicht glaube, dass das einfach nur ein Haufen Dummköpfe ist, die dahin gehen, sondern da sind auch ne ganze Reihe von Leuten, die im Rahmen dieses Systems sehr klar und präzise denken und ne Vorstellung davon haben, wie die Welt funktioniert und wie man sich in der dann eben unter diesen islamistischen Vorgaben sinnvoll und richtig verhält und warum das so ist."

Aus Theaterstück "Terror":

"Auf der einen Seite stehen 164 Passagiere, auf der anderen Seite 70 000 Zuschauer im Stadion."

In dem Stück "Terror" von Ferdinand von Schirach rechtfertigt sich der angeklagte Bundeswehrpilot Lars Koch für den Abschuss der von Terroristen gekaperten Passagiermaschine.

Aus Theaterstück "Terror":

"'Es kann nicht sein, dass das bei diesem Verhältnis nicht gegeneinander abgewogen werden darf.'

'Wenn ich Sie richtig verstehe, dann glauben Sie also, dass die größere Anzahl der Stadionbesucher die Tötung der Passagiere rechtfertigt?'

'Ja.'

'Stellen Sie sich bitte Folgendes vor, ein Mann kommt ins Krankenhaus, weil er sich den Arm gebrochen hat. Ansonsten ist er kerngesund. In diesem Krankenhaus wartet gerade eine ganze Reihe von Patienten auf eine Transplantation. Es ist ihre letzte Rettung. Nach ihrer Argumentation dürfen Sie den Mann mit dem gebrochenen Arm töten, um seine Organe zu entnehmen.'

'Nein, natürlich nicht.'

'Warum nicht?'

'Es kann nur bei ganz großen Zahlen eine Ausnahme gemacht werden.'

'Also 1 : 4 reicht Ihnen da nicht.'

'Nein, sicher nicht.'

'Ist es nicht so, dass Sie mit Ihrer Entscheidung eine - pathetisch gesagt - gottgleiche Stellung einnehmen? Sie dürfen alleine entscheiden, ab welchem Verhältnis jemand weiterleben darf? Sie entscheiden, wer stirbt und wer lebt, Herr Koch?'"

Terroristen in einer gottgleichen Position

Jemand, der eine gottgleiche Stellung einnimmt und über Leben und Tod entscheidet, so könnte man auch die Position eines Terroristen beschreiben, der unschuldige Menschen als Geisel nimmt und sie gegebenenfalls hinrichtet. Aber wie ergeht es jemandem, der der Willkür seiner Entführer hilflos ausgeliefert ist, dessen Schicksal in den Händen von Maskierten liegt?

Sherko Fatah erzählt seinen Roman "Der letzte Ort" aus der Sicht zweier Entführungsopfer, die im Irak in einem vollklimatisierten SUV unterwegs waren und in die Hände von Terroristen geraten sind. Der eine, Albert, ein deutscher Aussteiger, der für das Nationalmuseum in Bagdad arbeitet, der andere: sein irakischer Fahrer und Übersetzer Osama. In der Gefangenschaft werden die beiden völlig unterschiedlichen Männer zu einer Schicksalsgemeinschaft. Sie sind aufeinander angewiesen. Die Vertrauensfrage wird zu einer Überlebensfrage.

Sherko Fatah: "Denn sie stehen beide ständig unter Verdacht für ihre Umwelt, dort, wo sie sind, die feindliche Umwelt, sie sind ja entführt, stehen sie unter Verdacht. Der eine, ein Agent zu sein, der Ausländer ohnehin, und der Einheimische, der Übersetzer, auch, weil er für die Ausländer arbeitet, für diesen Deutschen. Das heißt: Sie müssen sich erklären, sie müssen sich auch einander erklären, um sich darüber zu verständigen, ob sie einander vertrauen können. In einer existenziell zugespitzten Situation werden diese Dinge nicht aus psychologischen Gründen oder aus Freundlichkeit notwendig, sondern existenziell notwendig."

Inspirieren ließ sich Sherko Fatah zu seinem Roman, der im Jahr 2004 spielt, durch einen Entführungsboom im damals besetzten Irak. Die Geiselnahme von Westeuropäern wurde als lukratives Geschäftsfeld entdeckt. Und so werden Fatahs Protagonisten von einer Geiselnehmergruppe zur nächsten weiterverkauft. Zwischendurch gelingt den beiden Männern sogar die Flucht. Am Ende landen sie jedoch in den Händen radikaler Islamisten.

Fatah: "Diese Leute, zu denen Osama und Albert am Ende kommen, sind ja quasi jene, bei denen sich ihr Schicksal entscheidet. Und das ahnen sie ja auch sehr schnell. Und das hat nur den Grund, weil deren Motivation eine fanatisch-religiöse ist."

Den Anführer der Islamisten, einen gewissen Abdul, kennt Osama von früher. Damals war Abdul am Raub von Kunstschätzen beteiligt und kein auffällig religiöser Mensch gewesen. Nun leitet er als selbsternannter Emir eine so genannte Bruderschaft und kann über Wohl und Weh der beiden Gefangenen entscheiden. Während Albert und Osama mit ihm reden, ist ihnen bewusst, dass jedes falsche Wort ihren Tod bedeuten kann.

Zitator:

"'Woher kommst du?', übersetzte Osama.

Albert erzählte von Berlin, sogar von Ostberlin, so schnell, dass Osama Mühe hatte, ihm zu folgen. Der Emir besprach sich mit seinen Vertrauten. Die Männer hörten aufmerksam zu, gaben kurze Kommentare ab, doch all das wagte Osama nicht zu übersetzen, weil es sie, die Entführten, auf eine Stufe mit den Entführern gestellt hätte.

'Du bist Sozialist', sagte der Emir schließlich.

Albert lachte verlegen und verneinte. Sofort versicherte er, sein Vater sei ein Sozialist, mehr noch, ein Kommunist gewesen, er selber habe ihm stets widersprochen, auch wenn er lange Zeit auf der Suche gewesen sei nach etwas, woran er hätte glauben können.

Die Männer schauten ihn besorgt an.

'Der Sozialismus', sagte der Emir, 'war gottlos, schlimmer noch, er war ein Götzenkult. Dem Allmächtigen sei Dank, dass seine Zeit vorbei ist, weil die Löwen des Glaubens ihn besiegt haben.'"

Fatah: "Dass diese Dschihadisten, wie man sie jetzt nennt, natürlich mit dem Sozialismus nichts anfangen können, versteht sich von selbst, aber das ändert ja nichts daran, dass auch sie wieder in einem geschlossenem Weltbild leben, das es auch möglich macht, dass junge Leute in den Sog geraten und auf diese Seite gezogen werden. Es gibt nichts daran, dass man kausal erklären kann. Das war auch nicht meine Absicht. Aber es nebeneinander zu stellen, erhellt ja doch auch etwas."

Die Vorboten des Islamischen Staat

Sherko Fatah, dessen Vater aus dem Nordirak stammt, führt den Leser durch endlose Landschaften und verlassene Ruinenstädte. Eine Atmosphäre von Gewalt und Zerstörung ist allgegenwärtig. Durch seinen Roman, der im Irak in Zeiten der Besetzung durch die US-geführte "Koalition der Willigen" spielt, geistern bereits Vorboten des IS.

Fatah: "Das ist dieser Zarqawi, auf den sich der Emir in meinem Buch bezieht, das nannte sich dann Al Qaida im Irak. Das war der Vorbote dessen. Und es war tatsächlich so, dass diese Strategie des öffentlichen Enthauptens und ins Internet stellen schon entwickelt war und auch ausgeführt wurde. Also es gab damals schon diese schrecklichen Dinge. Wir haben das alle ein bisschen verdrängt, weil wir das nicht mehr wissen wollten, und dann hat's sich jetzt wiederholt."

In Ferdinand von Schirachs Stück "Terror" ist es Zeit für die Plädoyers:

Aus Theaterstück "Terror":

"Staatsanwältin: 'Das Bundesverfassungsgericht sagt, ein Mensch dürfe niemals zum bloßen Objekt staatlichen Handelns gemacht werden. (...) Die Idee geht auf Kant zurück. Der Mensch, sagt Kant, könne sich seine eigenen Gesetze geben und nach ihnen leben, und das unterscheide ihn von allen anderen Wesen. Er erkenne die Welt, er könne über sich selbst nachdenken. Deshalb sei er Subjekt und nicht, wie ein Stein, bloßes Objekt. Jeder Mensch besitzt diese Würde. Welche Folgen eine Entscheidung gegen die Würde des Menschen bedeutet, das sehen Sie hier in dem Fall des Lars Koch. Lars Koch hat getötet, er hat die Menschen in seinen Händen zu bloßen Objekten gemacht. Er hat ihnen jede Entscheidungsmöglichkeit abgesprochen ... Er hat diesen Menschen ihre Würde genommen.'

Verteidigerin: 'Sehr verehrte Damen und Herren Richter, haben Sie der Staatsanwältin genau zugehört? Sie will, dass Sie Lars Koch wegen eines Prinzips verurteilen, wegen eines Prinzips sollen Sie ihn lebenslänglich einsperren. Wegen eines Prinzips sollten 70 000 Menschen sterben. Es ist mir gleichgültig, wie dieses Prinzip heißt – ob es 'Verfassung' genannt wird oder 'Würde des Menschen' oder ganz anders. Ich kann nur sagen: Gott sei Dank hat sich Lars Koch nicht nach Prinzipen gerichtet, sondern nur nach dem, was richtig war, nach seinem Gewissen.'"

Zoë Beck: "Der Auslöser für meinen Roman war die tatsächliche Ermordung 2013 von dem Soldaten Lee Rigby in London."

Bei dem Roman handelt es sich um den Krimi "Schwarzblende" von Zoë Beck.

Beck: "Was mich daran so gepackt hatte, war die Unmittelbarkeit der Bilder, die wir dann auch hatten, Bilder mit den Attentätern, die vor der Handykamera stehen geblieben sind und quasi ein Interview gegeben haben und auch gewartet haben, bis die Polizei kam. Und da hatte ich so den Eindruck, dass das alles eine neue Ebene tatsächlich erreicht hat, also das fand ich dann in der Form auf ne sehr unheimliche Weise beeindruckend."

Journalistische Recherche wird zur Ermittlung

In "Schwarzblende" wird der Kameramann Neill Stuart unfreiwillig Zeuge der Ermordung eines britischen Soldaten durch zwei junge Männer. Als die beiden bemerken, dass er ihr Verbrechen mit seiner Handykamera dokumentiert, fordern sie ihn auf, weiter zu filmen. Bei laufender Kamera bekennen sie sich zum Krieg gegen alle Ungläubigen. Dann verlangen sie von ihm, die Datei auf YouTube hochzuladen. Später erhält Stuart von einem Fernsehsender den Auftrag, eine Dokumentation über das Attentat zu drehen.

So wird die Recherche seines Drehteams zur eigentlichen Ermittlungsarbeit, bei der soziale Hintergründe der Täterbiografien ebenso beleuchtet werden wie die politische Instrumentalisierung des Anschlags. Zudem stößt es bei den Dreharbeiten auf Videomaterial, das dokumentiert, wie professionell der so genannte Islamische Staat mittlerweile seine Videobotschaften in Szene setzt.

Beck: "Wir erinnern uns noch, als Osama Bin Laden noch diese Wackelvideos aus seiner Erdhöhle geschickt hat. Und jetzt, was der IS da rumschickt, das sind super produzierte, mit Musik unterlegte, aus verschiedenen Perspektiven gefilmte und dann zusammengeschnittene kleine Filme. Die sind von vorne bis hinten durchdacht. Da gibt's auch Drehbücher für. Auch die Inszenierung der Köpfungen, das ist schon alles sehr grausam und gruselig und da haben die sicherlich ihre Leute, die sich um nicht sehr viel anderes kümmern, als um die Kriegspropaganda."

Zitatorin:

"Der Henker legte den Kopf ab, wartete wieder auf Anweisungen von Cemal. Endlich lag alles so wie es liegen sollte. Der Henker stellte sich mit der blutigen Machete neben den Leichnam. Die Machete hielt er stolz hoch. Cemal hielt ein paar Sekunden drauf, dann sagte er ihm, dass alles im Kasten sei. Die Kamera fuhr nun näher heran, schwenkte über die Leiche, über den Kopf, ging wieder zurück.

Cemals Stimme: 'Wir haben alles.'

Der Australier fragte: 'Kannst du daraus einen geilen Film machen?'

'Klar. Klar', sagte Cemal.

Das Bild wurde schwarz."

Die Angst, die Dschihadisten in den Ländern der Anschlagsziele säen, führt zu einem verstärkten Sicherheitsbedürfnis. Nach Attentaten werden Ausnahmegesetze verabschiedet, Überwachungsmaßnahmen getroffen, Rechte eingeschränkt. Und so setzt sich Zoë Beck nicht nur mit den medialen Aspekten von Terroranschlägen auseinander, sondern auch mit deren politischen Folgen.

Beck: "Sicherheit versus Freiheit, das ist natürlich immer das Thema, und das ist natürlich auch was Tolles für Regierungen. In dem Moment, wo Menschen Angst haben. Und wenn Menschen Angst haben und sich überall überwachen lassen, haben natürlich die Geheimdienste wieder ganz andere Möglichkeiten, an Daten ranzukommen, an die sie vielleicht sonst nicht so richtig rangekommen wären. Also inwieweit haben Geheimdienste an sich dann ein Interesse daran, Ängste herzustellen oder mit Ängsten dann auch zu spielen. Dem wollt ich dann auch ein Stück weit nachgehen."

Schuldig oder nicht schuldig?

Zoë Becks Kriminalroman "Schwarzblende" erschien im März 2015, also nur wenige Wochen nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo.

Beck: "Es war ein Albtraum. Charlie Hebdo wäre an sich schon ein Albtraum für mich gewesen. Natürlich. Ich hatte das Buch fertig geschrieben. In der Zeit ging es mir wirklich nicht gut. So ne Recherche, das hat mich wahnsinnig mitgenommen. Ich hab mir ja diese ganzen Videos auch angeschaut und mit so vielen Leuten geredet. Und das hat mich alles sehr sehr mitgenommen."

Aus Theaterstück "Terror":

"Tja, meine Damen und Herren, schuldig oder unschuldig, das ist hier die Frage."

Das Publikum, das sich im Deutschen Theater Berlin die Inszenierung von Ferdinand von Schirachs Stück "Terror" ansieht, soll darüber abstimmen, ob der Bundeswehrpilot Lars Koch das Recht hatte, 164 Unschuldige zu opfern, um 70 000 Menschen vor einem Terroranschlag zu bewahren. 207 Zuschauer entscheiden sich für schuldig, 255 für nichtschuldig.

Aus Theaterstück "Terror":

"Ich verkünde folgendes Urteil: Der Angeklagte Lars Koch wird auf Kosten der Landeskasse freigesprochen. (...) Zur Begründung des Urteils ist Folgendes auszuführen: (...) Lars Koch wurde zum Richter über Leben und Tod. Wir besitzen keine rechtlichen Kriterien, um seine Gewissensentscheidung letztgültig zu überprüfen. Das Gesetz, die Verfassung und die Gerichte ließen ihn damit allein. Es ist daher unsere feste Überzeugung, dass es falsch wäre, ihn jetzt dafür zu verurteilen. Der Angeklagte ist somit freizusprechen."

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