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Tonart | Beitrag vom 12.05.2017

Technosphährenklänge #3 in Berlin"CellF" – der Rockstar aus der Petrischale

Von Christoph Möller

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Guy Ben-Arys "CellF" sieht aus wie ein riesiges Grammophon, aus dem viele Kabel hängen. (Guy Ben-Ary)
Guy Ben-Arys "CellF" sieht aus wie ein riesiges Grammophon, aus dem viele Kabel hängen. (Guy Ben-Ary)

"CellF" soll provozieren. Der australische Künstler Guy Ben-Ary hat dafür einen Synthesizer mit menschlichen Neuronen verbunden. Dadurch ist das Gerät in der Lage, selbständig mit Menschen Musik zu machen. Nun präsentiert er sein Projekt in Berlin.

Er sieht aus wie ein futuristischer Grammophon-Trichter und ist so groß wie ein Kleinwagen. "CellF" ist ein Synthesizer, der von einem neuronalen Netzwerk gesteuert wird, einer Ansammlung von Nervenzellen des australischen Künstlers Guy Ben-Ary. Prunkvoll steht das massive, metallische Instrument im Haus der Kulturen der Welt in Berlin:

"Dieses Objekt ist der neuronale Synthesizer. An der Öffnung dieses Horns sieht man eine schwarze Säule: Das ist die neuronale Schnittstelle. Die Nervenzellen befinden sich in einer Box, oben drauf. Das ist ein Inkubator, der die Zellen bei 37 Grad Celsius und 5 Prozent CO2 bei Laune hält."

Die Zellen sind das Gehirn von "CellF". Ganz und gar biologisch. Sie steuern den modularen Synthesizer, der sich mit unzähligen Knöpfen und Kabeln ringförmig um die schwarze Säule schließt. Um cellF zum Leben zu erwecken, mussten Ben-Arys Zellen tiefgekühlt von Australien nach Berlin geschifft, und zwei Wochen lang im Labor kultiviert werden:

"Wenn man Nervenzellen in einer Petrischale wachsen lässt, bilden sie, ganz von selbst, ein neuronales Netzwerk. Nach einer Weile fangen sie einfach an, miteinander zu kommunizieren, indem sie elektrische Signale hin und her schicken - Nervenimpulse."

"CellF" als einfaches Abbild unseres Gehirns

Das Besondere an diesen Mini-Musikern in der Petrischale: Sie reagieren auch auf Signale von außen. "CellF" kann also auf menschliche Musiker reagieren:

"Man kann die Nervenzellen mit elektrischen Signalen stimulieren. Man kann mit ihnen sprechen, ihnen Informationen aus der Außenwelt geben, und man kann versuchen, sie dazu zu bringen, ihr Verhalten zu ändern. Ganz ähnliche Prozesse finden in unserem Gehirn statt. Aber natürlich ist cellF nur ein simples Abbild davon."

"CellF" ist eine Art kybernetischer Musiker, nicht ganz Mensch, nicht ganz Maschine. Ein biotechnisches Alter-Ego seines Schöpfers. Fast 40 Jahre nach Veröffentlichung von "Die Mensch-Maschine", wird Kraftwerks Vision eines posthumanen Musikers ein bisschen realer.

Ein echter Musiker aus Fleisch und Blut ist cellF aber nicht. Nur ein paar LEDs zeigen, dass er aktiv ist. Sein Sound ist abstrakt: Es pfeift, dröhnt und rumpelt. Doch einen perfekt klingenden, menschenähnlichen Musiker erschaffen, wollte Ben-Ary sowieso nicht. "CellF" sei schlicht Kunst, die neue Technologien problematisiert:

"Die Zuschauer werden animiert, darüber nachzudenken, wie moralisch das Ganze ist? Klar, es ist ein witziges und, ich hoffe, auch interessantes Projekt. Aber es ist auch beängstigend, denn möglicherweise sind wir, dank bio-engineering, irgendwann in der Lage ein künstliches Bewusstsein zu erschaffen."

Keiner reagiert gleichgültig auf "CellF"

Hinter "CellF" steckt sehr viel Technik. (Guy Ben-Ary)Hinter "CellF" steckt sehr viel Technik. (Guy Ben-Ary)

Wollen wir das? Und wenn ja, nach welchen Regeln? Fragen, die der maschinelle, unzugängliche Sound von "CellF" provoziert. Der Klang der Dystopie. Um angenehme Harmonien und Melodien geht es hier nicht:

"Ich finde das rhythmische Verhalten sowieso viel interessanter als die Frage, wie das klingt. Wenn man sich den Rhythmus genau anhört, bekommt man viel eher eine Idee davon, was die Nervenzellen machen."

Der Rhythmus als Takt der Zukunft. Jeder Bereich der Petrischale, in der die Zellen leben, wird einzeln abgenommen und klingt anders. Im Haus der Kulturen der Welt wird das durch 16 im Raum verteilte Lautsprecher dargestellt. So entsteht ein akustisches Abbild von "CellFs" neuronalem Netzwerk, durch das man während der Performance spazieren kann.

"CellF" - ein Geist in der Maschine. Sein minimalistischer, düsterer Körper wirkt wie ein Panzer. Sein Klang ist aufreibend. Wenn das die Zukunft ist, denkt man dreimal nach, ob die Gegenwart nicht doch der bessere Ort ist. Ob man das möge oder nicht, meint Ben-Ary, gleichgültig habe noch niemand auf "CellF" reagiert.

(ske)

Mehr zu Technosphärenklänge im Haus der Kulturen der Welt in Berlin finden Sie hier.

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