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Tonart | Beitrag vom 08.06.2018

Techno im KosovoViel Freiheit, Korruption und Koks

Von Nikola Marinkovic

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Ein Mann bettelt barfuß um Geld in in Pristina, der Hauptstadt des Kosovo. (picture alliance / dpa / Valerie Plesch)
Armut und Arbeitslosigkeit bestimmen den Alltag im Kosovo. Ablenkung finden junge Menschen auch beim Tanzen. (picture alliance / dpa / Valerie Plesch)

Kosovo ist das ärmste Land in Europa. Dennoch oder gerade deshalb ist in Pristina eine Technoszene entstanden, die mittlerweile Kultstatus genießt - und auch ungewöhnliche Gäste anzieht.

Rina ist 25 Jahre alt. Sie trägt ihre schwarzen Klamotten und ihre Vintage-Brille mit einer abgeklärt-großstädtischen Attitüde, wie sie auch zu jeder westlichen Metropole passen würde. Aber wir befinden uns in Pristina, 150.000 Einwohner und Hauptstadt des Kosovo.

"Wir werden zwei Clubs besuchen. Der erste heißt Bass Store, wo heute Abend eine serbische DJ spielt und der andere heißt Bahnhof Pristina. Dort spielt ein DJ aus Genf, dessen Name mir jetzt nicht einfällt. Ich liebe die Musik, ich liebe die Atmosphäre und den Vibe. Für mich sind das Orte, an denen ich mich entspanne, die Woche vergesse und eine gute Zeit mit meinen Freunden haben kann."

Obwohl in Pristina alles bequem zu Fuß zu erreichen wäre, steige ich mit Rina bei ihrem Freund Edi ein, der auf der Suche nach ihrem Dealer mit 120 Stundenkilometern im seinem roten Golf durch die Stadt rast.

"Do you want Ecstasy? Speed?" Ich lehne dankend ab und lasse mich zum Bass Store chauffieren, der in den Kellerräumen des Sport- und Jugendpalastes aus sozialistischen Zeiten liegt. Etwa 100 Leute wippen hier gelangweilt zu monotonen Vierviertel-Rhythmen und versuchen möglichst beschäftigt zu wirken.

Für die Organisatoren sind die Bedingungen schwierig

"Die Musik ist okay, aber ich finde die Leute ein bisschen komisch. Es ist nicht wirklich entspannt. Aber das kann sich noch ändern. Ich weiß, es ist noch nicht gut, aber vielleicht wachsen ja die Menschen durch Techno an sich und glauben an die Kultur, für die diese Musik steht."

Im Kosovo mangelt es nicht nur an Arbeitsplätzen, sondern auch an Orten für junge Menschen. Zwei, die sich zum Ziel gesetzt haben solche Freiräume zu schaffen, sind der DJ Uran B und Veranstalter Arbrnor Dragaj. Mit ihrem Kollektiv Hapesira organisieren sie regelmäßig Warehouse-Raves in einer verlassenen Druckerei. Auch wenn das nicht immer ganz so einfach ist.

"In dem Sinne ist es einfach, dass wir schon seit vielen Jahren Partys organisieren und wir unser Publikum kennen und wissen, wie die Dinge funktionieren. Aber natürlich ist es sehr schwer, denn die Korruption ist uns schon ein großer Klotz am Bein. Zum Beispiel gehört die Druckerei, in der wir unsere Partys schmeißen, offiziell der Privatisierungsbehörde, und leider sind wir ein sehr korruptes Land. Es ist natürlich schwierig, unter solchen Umständen. Aber da muss man eben auch hart im Nehmen sein."

Die Rilindija Warehouse Partys haben es mittlerweile schon zu einem wahren Kultstatus gebracht, bei der man auch auf unerwartete Gäste treffen kann.

"Mein Name ist Christian Heldt, ich bin Botschafter der Bundesrepublik Deutschland im Kosovo seit einem guten Dreivierteljahr."

Seit einigen Jahren unterstützt die Botschaft kulturelle Projekte im Kosovo. Dieses Jahr war es an der Zeit, auch etwas für junge Menschen zu organisieren.

Die deutsche Botschaft unterstützt kulturelle Projekte

"Deswegen war unser Gedanke: Durch die schwierige Situation hier im Land – Kosovo ist das einzige Land auf dem europäischen Kontinent, was noch nicht in den Genuss von Visaliberalität gekommen ist – junge Menschen nicht ohne weiteres reisen können. Die Grundphilosophie der Veranstaltung war deshalb: Wenn ihr nicht ohne Weiteres nach Berlin könnt, dann holen wir euch Berlin hierher."

Zurück im Bass Store. Es ist mittlerweile fünf Uhr früh, die Party hat ihren Lauf genommen und auf der Tanzfläche wird wild getanzt und gefummelt. Vor den Toiletten bilden sich lange Schlangen, genau wie in jedem Berliner Club. Rina und Edi habe ich längst verloren in den tanzenden Massen. Auf dem Weg nach draußen treffe ich Bekim, der zehn Jahre in Bielefeld gelebt hat und ganz genau weiß, worum es im Kosovo geht.

"Die meisten hier sind arbeitslos, und Kosovo ist das ärmste Land Europas, und da muss man einfach irgendwie alles rauslassen bei uns hier, und da ist Techno die einzige Möglichkeit irgendwie."

Kosovos Jugend sucht Anschluss an die Welt und nach einem Ventil, das den Alltag vergessen lässt. Egal welcher religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit, immer mehr Menschen verfallen enthusiastisch dem Techno-Fieber. Ganz nebenbei ist der Kosovo auf dem Weg zu einem Reiseziel für Raver aus ganz Europa zu werden, die auf der Suche nach einer authentischen und rauen Technoszene sind. Ganz wie einst in Berlin.

Tonart

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