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Rang I | Beitrag vom 27.08.2016

Tänzer niv Acosta Willkommen in der Postgegenwart

Von Cara Wuchold

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Der Tänzer niv Acosta (Maria Baranova)
Der Tänzer niv Acosta (l.) während einer Performance seines Stückes "Discotropic" (Maria Baranova)

Der Tänzer niv Acosta versucht in seinen Performances, die Deutungshoheit über den eigenen Körper zurückzuerobern. Mit seinem aktuellen Stück "Discotropic" vergewissert er sich seiner selbst und zeigt, was es für ihn bedeutet, schwarz zu sein.

"Ich bin schwarz und queer und trans. Und ich bin jung und lebe in New York – und mit all diesen sich überschneidenden Identitäten – da habe ich viel zu bewältigen. Es ist schon schwer für mich, mein Haus zu verlassen und von einem Fremden betrachtet zu werden. Zu performen und mit mir selbst zu arbeiten, das ist als Training total wichtig für mich. Es ist ein Raum, wo ich etwas Macht habe. Nicht nur in Bezug darauf, wie ich gesehen werde, sondern auch: was ich tue, während mir jemand zuguckt."

Der Tänzer und Choreograf niv Acosta ist beim Tanz im August zu Gast. Vier große, schwarze Stellwände teilen den Festsaal in den Berliner Sophiensaelen in Korridore. Drumherum verläuft in U-Form ein Laufsteg, gesäumt von hohen, grünen Palmenpflanzen. Eine DJane sorgt für den Sound.

Disco als Ort des Widerstands

"Discotropic" hat niv Acosta sein Stück genannt. Disco ist für ihn ein Ort des Widerstands, für die Marginalisierten, die am Rand. Gemeinsam mit drei weiteren Tänzern bespielt niv Acosta den Raum – alle schwarz, in engen Hotpants, als Oberteil ein Netzteil, ein knappes Cape oder kaum etwas. Es ist warm.

"Meine Familie kommt aus der Karibik. In einem warmen, feuchten Klima zu sein, voller Pflanzen, an einem solchen Ort blühe ich auf, genauso wie die Leute, mit denen ich zusammenarbeite... In Discotropic geht es vor allem auch darum, eine wortwörtlich feuchte, heiße Umgebung zu schaffen."

Er spielt mit Stereotypen – wobei er lieber von Archetypen spricht.

"In dieser Arbeit layern wir das Schwarzsein, schichten es auf."

"Den Existenzkampf der Schwarzen überleben"

Anfangs steppt einer der Tänzer – in Turnschuhen auf einer Art Kohlenstaub. Zwischendurch singen sie in Doo-Wop-Manier, voguen über den Laufsteg wie die Dragqueens in den Clubs von Harlem...

"Wir leihen uns diese Metaphern nur, um sie zu kritisieren. Wir müssen die Diskussion verändern, um zu leben, um Polizeigewalt zu überleben und den Existenzkampf von uns Schwarzen in dieser Welt, denn: die Diskriminierung von Schwarzen ist global."

Performance von "Discotropic" von niv Acosta (Maria Baranova)Drei Performer während einer Aufführung des Stückes "Discotropic" von niv Acosta (Maria Baranova)

Das heißt auch, sich die Deutungshoheit über den eigenen Körper zurückzuerobern. Zum Beispiel mit Twerking – kreisenden, ruckartigen Hüftbewegungen, die man aus dem Hip-Hop kennt.

"Es ist eine Bewegung, die dem schwarzen Körper sehr vertraut ist. Mit Twerking erinnern wir uns an unsere Vorfahren – und es hat auch heilende Kräfte. So spiele ich mit der Absurdität, dass Twerk sexualisiert wird. Wenn du es in einer weißen Umgebung machst, wird dieser Move mit Angst belegt. Und wir scheißen darauf. Wir twerken nicht zu eurem Vergnügen, wir twerken für uns."

Unseren Vorurteilen voraus

Es geht hier nicht um den Dialog. Es ist eine kraftvolle Demonstration, was Schwarzsein bedeutet – und zukünftig bedeuten könnte.

"Wir müssen nicht auf die Zukunft warten, um zu machen, was wir wollen. Wir können das jetzt tun. Und das versucht Discotropic: die Zukunft in die Gegenwart zu holen."

Die Performance in den Sophiensaelen löst das ein. Die Zuschauer wohnen einer Selbstvergewisserung bei, von vier starken schwarzen Tänzercharakteren, die unseren Vorurteilen weit voraus sind.


Im Interview mit unserer Autorin Cara Wuchold spricht niv Acosta darüber, wie kräftezehrend die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität auf der Bühne ist. Er erzählt von den heilenden Kräften des Twerkings und erklärt, was er an Beyoncés politischem Engagement kritisch sieht.

niv Acosta: "If you're trying to conform to this industry, to get as rich as Beyoncé, you probably have to compromise a ton, and that includes subscribing to the mechanism that is opressing your own people."

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