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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 01.06.2016

Syrischer Arzt im FlüchtlingsheimDer einsame Brückenbauer

Von Nathalie Nad-Abonji

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Der Arzt Yaver behandelt, vermittelt, übersetzt und schlichtet in einem Flüchtlingsheim.  (imago/Reporters)
Symbolbild: Der Arzt Yaver behandelt, vermittelt, übersetzt und schlichtet in einem Flüchtlingsheim. (imago/Reporters)

Viele Geflüchtete lassen sich in einem Heim auf Rügen von dem Arzt Yaver behandeln, der selbst aus Syrien geflüchtet ist. Er vermittelt, übersetzt und schlichtet – bis Details aus seinem einstigen Leben in Aleppo bekannt werden.

"Wir erreichen jetzt den Bahnhof Prora, bitte in Fahrtrichtung links aussteigen."

"Willkommen in Prora."
"Hallo, Nathalie!" 
"Wie geht es dir?"
"Gut. Und dir?"
"Mir geht es auch gut. Alles gut? Hattest du eine gute Reise?"


Es ist das erste Mal, dass ich Yaver besuche, seit er mit anderen Flüchtlingen in der Jugendherberge von Prora auf Rügen überwintert. Wir kennen uns aus der Notunterkunft in Rostock, wo Yaver die ersten Wochen nach seiner Ankunft in Deutschland verbrachte. Er war wie Hunderttausend andere aus Syrien geflüchtet. Mit seinem besten Freund und dessen Familie. Sie gaben sich als Cousins aus, um in Deutschland nicht getrennt zu werden. Als der Winter kam, sammelten meine Freunde warme Sachen und kauften Stiefel für sie.

"Are you wearing the shoes?
"Ja, das sind die Schuhe von Rieke."
"Sind sie gut?"
"Ja, sehr, sehr gut."
"Es ist kalt geworden."
"Sehr, sehr kalt…"

 
Wir hielten Kontakt, freundeten uns an. Ich bin beeindruckt mit welcher Energie Yaver daran arbeitet, sich ein gutes Leben aufzubauen. Der 29-Jährige hat Medizin studiert und möchte in Deutschland seinen Facharzt machen. Für mich strahlt er schon jetzt die Besonnenheit und Güte eines guten Mediziners aus. Ich war baff, als vergangenen Oktober, nach wenigen Wochen, seine erste sms auf Deutsch kam –ohne Sprachkurs.

"Ich finde, du sprichst gut."
"Ja, ich spreche gut. Aber ich bin nicht zufrieden. Ich bin nicht zufrieden mit mir. Ich investiere nicht viel Zeit. Mein Deutsch ist deshalb so gut, weil ich oft und viel mit Deutschen spreche."

Warten in Prora

Prora, ein Ortsteil von Binz auf Rügen. Und der Name des Nationalsozialistischen Seebades, das nie zu Ende gebaut wurde. Größenwahnsinnig: Fünf aneinandergereihte Häuserblocks, von Hitler gedacht als "Kraft durch Freude" –Feriendomizil für das arbeitende Volk. Heute hebt sich nur einer von den anderen, zerfallenden Betonriesen ab, in frischem weiß gestrichen. In der Jugendherberge verbringen nun Familien und Schulklassen ihren Sommerurlaub. In diesem Winter jedoch wartet Yaver hier mit 200 anderen Flüchtlingen auf seinen Asylbescheid – mit Blick auf die Ostsee.

"Habe ich dir schon erzählt? Mein Bescheid ist gekommen und ich soll mich jetzt im Jobcenter registrieren. Ich suche jetzt eine Wohnung. Wir können sagen, dass mein Leben jetzt beginnt."

Das müssen wir feiern, sage ich. Wir kommen am Fuß der breiten Treppe an, die zum Eingang hochführt. Die Raucher stehen in der Kälte. Syrische Männer auf der einen Seite. Die Mitarbeiter des Wachdienstes und die Betreuer eines Sozialträgers auf der anderen. Für Yaver sind sie auch Arbeitskollegen.

Yaver betreut im Namen des Trägers die Flüchtlinge medizinisch. Es wundert mich nicht, dass auch die Sozialarbeiter sofort Yavers Fähigkeiten erkannt hat und sie nutzt. Es dauert nicht lange, bis der junge Arzt auf dem schmalen Flur von einer Frau angesprochen wird. Sie trägt ihren kleinen Jungen auf dem Arm. Yaver öffnet die Tür zu einem karg eingerichteten Raum. Vor dem Fenster steht eine Krankenliege. Darauf ein roter Notfallrucksack.

Der Dreijährige Karim hustet schon länger. Die leichten Medikamente, die Yaver zur Verfügung stehen und die er dem Jungen bereits vor Tagen gegeben hat, brachten keine Besserung. Der Mediziner aus Aleppo darf selbst keine Medikamente verschreiben. Fälle wie diesen, überweist er an einen niedergelassenen Arzt im Nachbarort. 

Ein neues Projekt für Yaver

Während er den kleinen Jungen mit dem Stethoskop abhorcht, kommt der Leiter der Flüchtlingshilfe des Trägers herein. Er ist für Eintausend Menschen und sechs Gemeinschaftsunterkünfte verantwortlich. Einmal im Monat inspiziert er das provisorische Arztzimmer. Heute ist er auch gekommen, weil er etwas mit Yaver besprechen möchte. 

Leiter: "Wenn du eine Wohnung hast. In dieser Zeit würden wir gerne ein neues Projekt mit dir realisieren… so etwas wie ein mobiler Flüchtlingsarzt. Du bekommst ein Auto und eine Krankenschwester vom ASB. Und überall, wo wir kranke Flüchtlinge haben, betreust du sie. Es ist deutschlandweit das erste Projekt dieser Art. Und es ist nur möglich, weil du neben Arabisch, auch Persisch sprichst."

Yaver spricht Persisch, weil er im Iran Medizin studiert hat. Für ein Studium in Syrien hätten seine Schulnoten nicht gereicht. Ganz simpel. Die Tatsache, dass er im Iran gelebt hat, wird ihm später noch das Leben schwermachen. In den ersten Monaten war Yaver erst mal eine große Hilfe – vor allem für die Betreuer der Geflüchteten. Wenn es etwas Wichtiges zu besprechen oder zu klären gab, konnte er spontan übersetzen. Dolmetscher für Persisch sind am entlegensten Zipfel Deutschlands Mangelware.

Leiter: "Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat (…) ein Projekt gestartet, das qualifizierte Flüchtlinge auch in der Unterkunft arbeiten dürfen. Das läuft vergleichbar wie mit diesen Ein-Euro-Jobs, dass sie bis zu 80 Stunden im Monat arbeiten dürfen und bekommen auf ihr Sozialgeld diese Stunden mit einem Euro und fünf Cent mehr vergütet. Und in diesem Rahmen ist er auch gerade angestellt."

Schon im Sommer 2016 soll er die medizinische Betreuung von über Eintausend Menschen übernehmen. Der Syrer wird dann auch wie ein Deutscher Arzt verdienen. 

Leiter: "Wir konzipieren das Projekt, aber wenn du dazu noch Ideen, Ergänzungen hast, kannst du das ergänzen.
Yaver: "Das klingt nach einem richtig guten Projekt."

Drohendes Unheil für Yaver

Ich freue mich sehr über diese frühe Anerkennung für Yaver. Es scheint gut zu laufen für ihn, in Deutschland. Einzig, dass er in der Erstaufnahmeeinrichtung von seinem besten Freund und dessen Familie getrennt wurde, bekümmert ihn etwas. Er ahnt nicht, was sich da bereits über ihm zusammenbraut…

Als ich mit Yaver aus dem provisorischen Arztzimmer auf den Flur trete, steht dort eine Gruppe Männer. Sie sehen besorgt aus. Yaver hört zu und erklärt mir, worum es geht.

Yaver: "Alle hier sind etwas angespannt und ängstlich, weil sie nicht wissen, wohin sie gehen sollen, wenn sie dann endlich ihren Bescheid haben. Sollen sie hier in Mecklenburg bleiben oder in eine große Stadt ziehen? Wie sollen sie eine Wohnung finden? Das macht ihnen Sorgen."

Für Yaver ist es einfacher: Er versteht bereits recht gut Deutsch. Er hat einen Laptop geschenkt bekommen, mit dem er nach Wohnungen suchen kann. Und Betreuer helfen ihm dabei, Vermieter anzurufen. Später am Nachmittag hat der junge Syrer seine erste Wohnungsbesichtigung in Greifswald. Ein Betreuer wird Yaver mit dem Auto hinfahren.

Der Flüchtling ist privilegiert und das wird ihm Probleme bereiten. Inzwischen ist ein weiterer Syrer zur Männergruppe gestoßen. Er heißt Adil und scheint den anderen etwas zu erklären. Yaver übersetzt für mich.

Yaver: "Er sagt, diejenigen, die bereits ihren Bescheid haben, müssen die Jugendherberge innerhalb einer Woche verlassen. Aber in einer Woche eine Wohnung finden, sich registrieren lassen, alles organisieren? Alle anderen, auch diejenigen die ihren Asylbescheid noch nicht bekommen haben, werden auf Gemeinschaftsunterkünfte in Barth, Bergen und Stralsund verteilt."

Alltag in der Unterkunft 

Es ist Januar, als ich Yaver das erste Mal in seiner Unterkunft besuche. Der Frühling ist da noch in weiter Ferne. Aber die Jugendherberge soll renoviert werden, bevor die Sommergäste an die Ostsee kommen. Ende Februar müssen alle Flüchtlinge woanders untergekommen sein. Manche von ihnen werden wieder auf einem Feldbett in einer Turnhalle übernachten müssen. Wenig später in der leeren Cafeteria der Jugendherberge. Yaver und sieben weitere Syrer sitzen um einen Tisch.

Yaver: "Das ist ´Deutsch-Praxis`. Wir machen das als Praxis. Du weißt, Sachen, die du lernst, musst du praktisch auch üben."

Yaver der Brückenbauer. Yaver, der die anderen motiviert. Jeden Tag kommt ein pensionierter Lehrer aus dem Nachbarort Binz und übt mit den Flüchtlingen Alltag auf Deutsch. Er macht das ehrenamtlich.

Lehrer: "So, wir haben gerade ein Brot gekauft. Ich habe erklärt, dass es Graubrot gibt und Schwarzbrot, was die Freunde ja nicht kennen aus Syrien. Sie kennen mehr Fladenbrot und was sie bevorzugt kaufen ist vielleicht Toastbrot."

Dann zieht der ehemalige Lehrer eine Syrienkarte aus seiner altmodischen Ledertasche. Als wäre sie magnetisch, beugen sich sofort alle Köpfe darüber.

Yaver: "Aleppo war eine sehr, sehr schöne Stadt. Es war so schwer für uns, unser Land zu verlassen. Wir lieben Syrien so sehr. Aber wenn es so gefährlich ist…"

Syrer: "Wir haben in Syrien gut gelebt. In a good situation. Ja, before the war – alles gut."

Yaver: "Alle waren safe. Zum Beispiel konntest du um drei Uhr nachts auf die Straße gehen und jeder war sicher. Alles war billig. Zum Beispiel ein Arbeiter mit 400 Dollar, konnte ein gutes Leben führen."

Weder Yaver noch ich ahnen, dass es vermutlich genau diese Sätze sind, die kurze Zeit später gegen ihn gerichtet werden. Nicht im Traum fällt mir ein, dass unter uns jemand am Tisch sitzen könnte, dem diese Aussagen missfallen, und der sie anderen weitererzählen wird. 

Mitgebrachte Konflikte

Yaver muss los, zur Wohnungsbesichtigung nach Greifswald. Ich wünsche ihm noch schnell Glück. Dann übergibt er mich an Nina, eine Sängerin aus Damaskus, die gut Englisch spricht. Dank Nina komme ich nun auch mit Frauen ins Gespräch. Sie erzählen, mit welchen Gefühlen sie ihre Kinder mit auf die Flucht über das Meer nahmen. Und von dem Augenblick, als sie ihren Liebsten die Rettungsweste überstreiften, ohne zu wissen, ob das orangene Plastikding sein Versprechen auf ein besseres Leben hält, oder den Tod bedeutet.

Nina: "Sie sagen, sie wollen mit dir sprechen, die da drüben.
Autorin: "Die Männer?"
Nina: "Ja, ich denke."

Ich bin so in unser Gespräch vertieft, dass ich erst spät die Männer bemerke, die sich vor uns aufgebaut haben. Etwa 15 junge syrische Männer. Noch nehme ich an, sie wollen mir von ihren Erlebnissen auf der Balkan-Route erzählen. Ich verstehe nicht, weshalb die Männer die Kinder wegschicken, die um uns herum hüpfen. Aber ich merke schnell, wie aufgebracht sie sind. Nina, die für mich übersetzen soll, während Yaver unterwegs ist, hält sich im Hintergrund und lässt stattdessen einen der Männer das Wort ergreifen.

Syrer: "Du hast die Aussagen eines Mannes aufgenommen. Er arbeitet als Arzt. Dieser Mann unterstützt Assads Regime. Er ist gegen die Freie Syrische Armee FSA und die anderen Gruppen. Er ist nicht vor der Assad Regierung geflüchtet. Er profitiert von dieser Krise in Syrien, um nach Europa zu kommen."

Autorin: "In meinem Feature geht es nicht um Politik…"

Syrer: "Ich spreche für die Mehrheit von uns. Als wir hörten, dass dieser Mann diese Aussagen ins Mikrofon gesprochen hat – wo er doch ein Gegner der Opposition und für das Assad Regime ist – waren wir sehr wütend. Damit du verstehst, warum hier alle so wütend auf diesem Mann sind: Jeder von uns ist aus seiner Heimat geflohen wegen Assads Regierung, dieser korrupten Regierung. Und nun verteidigt hier jemand genau dieses Regime. Das ist zu viel."

Warum gehen diese Männer davon aus, dass Yaver für Assad ist? Hat einer, in der Konversationsgruppe in der Cafeteria, das so gedeutet und es den anderen erzählt? Hatten sie schon lange den Verdacht? Und glauben nun, er habe versucht, mich hinter seiner verschlossenen Zimmertür für Assads Ideologie zu gewinnen? Oder geht es am Ende gar nicht um Assad?  

Ihr Wortführer bleibt freundlich.

Syrer: "Wir fürchten, dass er im Hintergrund die Fäden zieht. Er könnte Dinge tun, die uns schaden. In jeder Hinsicht. Es gibt ein Sprichwort bei uns: Was dich nicht tötet, macht dich stärker. Aber: was dich nicht tötet, kann dich verletzen."

Autorin: "O.k. I don’t know if I really understand..."

Für mich klingt das alles nach Verschwörung.

Yaver erzählt seine Geschichte

Wollen sie mir weismachen, dass Yaver ein Mitarbeiter des syrischen Geheimdienstes ist? Yaver ist zurück von seiner Wohnungsbesichtigung und bringt mich zur kleinen Bahnstation in Prora. Erst gehen wir schweigend. Dann erzähle ich ihm von den Männern. Yavers Kinn bebt vor Wut. Ich lasse mein Mikro bewusst aus. Den Tränen nahe, offenbart mir Yaver im Dunkeln, dass er Schiit ist. Er nimmt an, dass die anderen das über seinen Facebook-Account herausgefunden haben. Das ist der Grund für ihren Zorn, glaubt er. Er habe absichtlich mit niemandem darüber gesprochen. Auch nicht mit mir.

Sunnit oder Schiit, das spielte in Yavers Leben bisher keine Rolle. Sein bester Freund aus Kindheitstagen ist Sunnit, sagt er. Der, mit dem er nach Deutschland floh und den er als seinen Cousin ausgab. Yavers Brüder sind Brüder allesamt mit sunnitischen Frauen verheiratet. Ich lasse ihn mit einem mulmigen Gefühl zurück. Noch im Zug schicke ich ihm aufmunternde Nachrichten. Am darauffolgenden Wochenende verlässt Yaver nur zum Essen sein Zimmer in der Jugendherberge. Er schreibt, dass er so schnell wie möglich wegwill, aber die Wohnung in Greifswald nicht bekommen hat.

Ein paar Tage vergehen. Dann bekomme ich diese Nachricht:

"Hallo Nathalie, die Situation hier ist schlecht. Heute gab es einen Kampf mit mir. Das ganze Camp hat mich attackiert. Grüße von Yaver."

Als es eskalierte

Zwei Monate später. Es wäre eine schöne Geschichte geworden: Yaver der Brückenbauer. Ich hätte auch genügend Tonmaterial dafür gehabt. Aber die Realität hat uns beide eingeholt. Und die Wirklichkeit ist komplizierter. Ich lasse ein paar Wochen verstreichen. Dann entscheide ich mich dafür, nach einer Erklärung zu suchen, für das, was an dem Abend und in den Wochen danach in Prora passiert ist.

Andrea: "Ich hatte Angst – ich bin fünf Meter weggegangen, weil ich dachte, Prügelei und schlimmere Sachen. Zum ersten Mal Angst gehabt, dass da einer blutet. Nicht, dass mir etwas passiert, davor hatte ich gar keine Angst. Aber, dass ich sowas sehe, dass das richtig eskaliert und dass es zu Handgreiflichkeiten kommt."

Andrea war dabei als es zu dem Kampf kam, von dem Yaver mir geschrieben hat. Sie ist Betreuerin.

Andrea: "Es war Hass in den Augen. Das habe ich gesehen. "

Etwa 30 Männer gehen auf Yaver los. Die Wachdienst-Mitarbeiter wissen sich nur noch mit Herumbrüllen zu helfen. Und in dem sie mit ihren Elektroschockgeräten drohen.

Andrea: "Es war laut. Es war eine Traube. Dann habe ich gefragt, was los ist und da haben die aber alle nicht so wirklich geredet. Man versucht etwas zu verstehen. Ich habe immer bloß Assad, Assad, ISIS, Assad… mehr habe ich eigentlich gar nicht verstanden. Eine Woche davor, begann das Ganze: dass der eine meinte, er wäre gar kein richtiger Arzt. Er hätte sehen müssen, dass seine Hand gebrochen war. Dabei hat er gesagt, da ist nichts."

Ich erinnere mich, wie ich in Prora mit Yaver in seinem Zimmer saß, als es an die Tür klopfte, ein Geflüchteter seine Hand zeigte und um Hilfe bat. Yaver stand sofort auf und ging mit.

Andrea: "Aber sie haben es nur über seine Fähigkeiten als Arzt zu uns gesagt. Aber ich denke, da war mehr dran. Wir haben uns immer schon gewundert, warum sie darauf so herumreiten. Aber ich denke mal, da gab es schon vorher was, was wir nicht mitbekommen haben."

Es heißt, Yaver hätte öfter Bemerkungen gemacht, die anderen Flüchtlingen missfielen. Was für Äußerungen das konkret gewesen sein sollen, sagt Andrea niemand.

Andrea: "Aber ich denke, wir können uns da nicht einmischen, wir wissen zu wenig davon. Und ich könnte auch für niemanden Partei ergreifen. Das könnte ich auch gar nicht machen."

Was Yaver Andrea später bei einer Zigarette draußen erzählt, klingt genauso nach Verschwörung, wie das, was mir die Männer damals bei meinem Besuch in der Jugendherberge erzählten.

Andrea: "Da war ich sehr erschrocken – da habe ich kurz auch Angst gehabt, aber dann gedacht, ne, ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Der eine hätte einen Anruf bekommen und dieser Anruf hätte bedeutet, er soll jetzt Theater machen. Das wäre wohl einer von ISIS. Der soll jetzt in dem Moment Theater machen und diesen Streit anzetteln." 

Unklare Hintergründe des Streits

Bis heute ist Andrea und den anderen Betreuern nicht klar, worum es bei diesem Streit wirklich ging. Und mir auch nicht. Vielleicht hat Yaver nur das erzählt, was ihn gut dastehen lässt? Ich kann es nicht einschätzen. Weil ich die Sprache nicht verstehe, die Kultur und die Hintergründe nicht kenne. Genauso wenig wie Andrea und die anderen Betreuer.

Andrea: "Wir haben nachher einfach dafür gesorgt, dass bei uns Ruhe reinkommt. Einer musste raus. Wir können nicht 20 rausschmeißen. Das heißt, wir wollten gar keinen rausschmeißen. Wir wollten einfach Sicherheit schaffen. Dass wir ein vernünftiges Arbeiten haben und sie sich beruhigen."

Yaver in Sicherheit zu bringen, ist gar nicht so einfach. Er hat zu diesem Zeitpunkt noch keine eigene Wohnung. Den aufgebrachten Männern geht es zu langsam. Zwei Tage nach der Auseinandersetzung, wagen sie einen Sitzstreik vor dem Mitarbeiterbüro. Kurz darauf bringen Andrea und ihre Kollegin, Yaver in eine kleine Wohnung des Sozialträgers. In sicherer Entfernung von Prora.

Andrea: "Ich war immer sehr offen – bin ich immer noch. Aber ich bin trotzdem vorsichtiger. Ich bin nicht mehr ganz so naiv."

Das Gespräch mit Andrea führe ich in Bergen auf Rügen, wohin ein Teil der Flüchtlinge aus der Jugendherberge umgezogen ist. In ein verwaistes und etwas gammliges Hotel. Darunter auch Adil, der an diesem Abend in Prora versuchte, zwischen Yaver und den anderen zu vermitteln.

Ich spreche ohne Mikrofon mit ihm. Ich fürchte, es könnte sonst auch noch Adil Probleme bereiten, wenn jemand mitbekommt, dass er mir ein Interview gibt. Ich mache mir Vorwürfe, dass meine Anwesenheit – die Anwesenheit einer Journalistin, die mit offenem Mikro rumläuft – diese Eskalation befeuert hat.

Adil beschwichtigt. Er glaubt, dass es bei dem Konflikt gar nicht um die Person Yaver ging. Er wäre jedoch, als einziger Schiit in der Unterkunft, zum Stellvertretenden einer ganzen Gruppe gemacht worden, die Assad unterstützt. Und damit, nach Ansicht der jungen Männer, verantwortlich für ihr Leid und das ihrer sunnitischen Familien und Freunde.

Freund oder Feind – dazwischen gibt es nichts

Mit Adils Worten im Ohr fahre ich zu Yaver. Noch immer in der Wohnung des Trägers, kocht er sein Lieblingsgericht aus Malvenblättern. Wir plaudern über den Stand der Renovierungsarbeiten seiner neuen Wohnung, in die er bald einziehen möchte.
 
Yaver: "Sie sagen, sie sind noch nicht fertig und wollen die Wände streichen und den Boden neu machen, renovieren…"

Yaver kocht schweigsam weiter. Ich denke an die Männer, mit denen ich in der Jugendherberge gesprochen habe. Die Situation erinnert mich an das, was ich in den 90er-Jahren in meinem jugoslawischen Umfeld in der Schweiz beobachten musste: Die Radikalisierung junger Männer im Exil. Was zuvor kaum eine Rolle gespielt hatte, war mit dem Jugoslawienkrieg in den Vordergrund getreten. "Bosnier oder Kroate? Wenn du Serbe bist, bist du mein Feind." Gefördert durch das Gefühl der Ohnmacht, nichts für Freunde und Familie im Krieg tun zu können. Gepeinigt vom schlechten Gewissen, in Sicherheit zu leben.

Yaver: "In Deutschland sind die Menschen machtlos gegenüber dem Krieg. Aber es kommt immer wieder zu Diskussionen und dann siehst du den Hass in den Augen."

Eine weitere Ursache für den Konflikt zwischen Yaver und den anderen, so vermute ich, sind die Vorteile, die Yaver durch seine Sprachkenntnisse und seinen Beruf hat. Meine Interviews, der Laptop, seine Beschäftigung als Arzt, die besondere Unterstützung der Mitarbeiter – all das hat Konkurrenz gefördert. Arbeit und eine eigene Wohnung zu finden, ist für alle Geflüchteten existentiell. Und aus Sicht der jungen Männer in Prora ist Yaver ihnen, wie schon in Syrien, auch hier wieder zehn Schritte voraus. Darauf geht Yaver nicht ein.

Yaver: "Weißt du Nathalie, immer wenn ich Fairuz höre, denke ich an meine Heimat. An Syrien."

Selbst zwei Monate später möchte Yaver nicht über das sprechen, was in dieser Nacht in der Jugendherberge geschah. Er sagt, er habe immer noch Alpträume und hoffe, dass er das alles verdrängen könne, wenn er nicht darüber rede. Die Hinweise auf seine religiöse Herkunft habe er bei Facebook entfernt.

An seiner neuen Aufgabe, als mobiler Arzt Flüchtlingsheime zu besuchen, hält er fest. Obwohl Yaver nun weiß, welche Feindseligkeit ihm manche Landsmänner entgegenbringen könnten.

Yaver: "Es gibt sie noch, die Klugen, die darauf hinweisen, dass wir alle Syrer sind. Und dass wir lernen sollen wir Brüder zu leben, damit wir nicht als Idioten sterben."

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