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Montag, 20.11.2017

Studio 9 | Beitrag vom 27.10.2017

Sven Heuchert: "Dunkels Gesetz" "Country noir" in der deutschen Provinz

Von Kolja Mensing

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"Dunkels Gesetz" von Sven Heuchert (Verlag Ullstein/picture alliance/Foto: Daniel Reinhardt)
Abfall für alle? Nein: Stoff ohne Ende! (Verlag Ullstein/picture alliance/Foto: Daniel Reinhardt)

Verrostete Campingstühle, Plastiktüten, Weinbrand-Flaschen. An der belgischen Grenze sammelt sich Abfall für alle. Stoff ohne Ende für Sven Heuchert, der dort seinen Krimi "Dunkels Gesetz" spielen lässt.

"Country noir" ist ein verhältnismäßig junges Genre. Der amerikanische Autor Daniel Woodrell hat den Begriff in den neunziger Jahren in Verbindung mit seinem Roman "Stoff ohne Ende" geprägt. Die Handlung war in den Ozarks in Missouri angesiedelt, eine der zahlreichen ländlichen Regionen in den USA, die durch Armut, Hoffnungslosigkeit und Gewalt geprägt sind entstanden ist, und in den vergangenen zwanzig Jahren sind im Grenzland von Thriller, Western und Familienroman dann eine ganze Reihe düsterer Romane mit Blick auf diese white-trash-Parallelgesellschaft entstanden. Crystal-Meth-Küchen, Schrotflinten und verrostete Pick-Ups, haarsträubende Jagdunfälle, Selbstjustiz und Inzest: Das sind die Bausteine, aus denen diese Romane gemacht.

Für seinen Kriminalroman "Dunkels Gesetz" hat Sven Heuchert das Genre jetzt nach Deutschland geholt, besser gesagt, in die tiefste deutsche Provinz entlang der belgischen Grenze. Die ersten, kaputten Bilder – "am Straßenrand ein zweistöckiges Haus mit fehlenden Dachziegeln und abgeplatztem Lack an Türen und Fensterrahmen", "Getreidesilos, die Metallwände voller Vogeldreck" – könnten aus dem Mittleren Westen stammen.

Stoff ohne Ende - auch in Deutschland

Auch das Casting wirkt amerikanisch: Ein ausgebrannter Söldner – er heißt Richard Dunkel – muss als Security-Mann eine ehemalige Mine bewachen, die zum Endlager für Industrieabfälle umgenutzt werden soll. Er trifft auf traurige Schnaps-Trinker, alt gewordene Zuhälter und Kleinkriminelle, die vom großen Durchbruch im Drogengeschäft träumen, und als er sich in die Prostituierte und alleinerziehende Mutter Marie verliebt, die sich aus einem Trailer-Park in die Arme eines brutalen Tankstellenbesitzers gerettet hat, setzt er eine bedrohliche Kettenreaktion in Gang.

Das funktioniert: Sven Heuchert ist es tatsächlich gelungen, aus den scharfkantigen Genresplittern des amerikanischen "country noir" einen deutschen "Provinz noir" zusammenzusetzen - und gleichzeitig einen ganz eigenen Ton zu finden. Radikal verkürzte Dialoge wechseln sich ab mit sehr präzise formulierten Passagen, in denen Heuchert das Ornament eines abgehängten Alltags freilegt – und damit ein Stück Normalität, das nicht zum offiziellen Bildprogramm der Merkel-Republik gehört: verrostete Campingstühle, Plastiktüten vom Discounter, Zinn-40-Flaschen, ein Einmalrasierer im Waschraum eines Autohofs. Abfall für alle. Und dazwischen: Stoff ohne Ende. Auch in Deutschland.

Sven Heuchert: "Dunkels Gesetz"
Verlag Ullstein, 2017
192 Seiten, 14,99 Euro

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