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Kompressor | Beitrag vom 09.12.2016

Susan Philipsz im Kunstverein HannoverZerstörte Instrumente erzählen vom Krieg

Von Anette Schneider

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Susan Philipsz "War Damaged Musical Instruments (shofar)", 2016 (Courtesy Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, und Tanya Bonakdar Gallery, New York), aufgenommen im Kunstverein Hannover (Raimund Zakowski)
Susan Philipsz "War Damaged Musical Instruments (shofar)", 2016 (Courtesy Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, und Tanya Bonakdar Gallery, New York) (Raimund Zakowski)

Mit ihrem Klangkunstwerk "Lowlands" gewann Susan Philipsz 2010 den Turner Prize. Nun erzählt die Künstlerin im Kunstverein Hannover jüdisch-deutsche Geschichte - mithilfe von verstörenden Klängen aus im Krieg zerstörten Instrumenten.

"Die Räume haben eine ganz besondere Akustik, mit der ich arbeiten wollte. Gegen die ich ankämpfen wollte. So entwickelte ich Arbeiten, die sich gegenseitig überblenden und miteinander harmonisieren. Das war das erste, was ich vom Kunstverein wahrnahm: Diese besondere Akustik, und die Vorstellung, wie hier ein Klang nach den anderen rufen würde."

In den sieben unterschiedlich großen und als Rundgang angelegten Sälen verweben sich nicht nur Töne und Klänge, die abbrechen, pausieren, um dann wieder neu anzusetzen und sich miteinander zu verweben. Auch die Geschichten, die Susan Philipsz mit diesen Klängen in den eigens für den Kunstverein Hannover entstandenen, ortsbezogenen Werken in der Ausstellung "Returning" erzählt, und deren Hintergründe in einem Textheft erklärt werden, verbinden und überlagern sich, brechen ab, beginnen neu, wobei die besten verstörenden Sinnbildern von Verfolgung, Flucht und Überleben gleichen.

Susan Philipsz lässt Vergangenheit in der Gegenwart aufscheinen

Und so ist es ein großes Glück, dass Kuratorin Ute Stuffer es schaffte, diese ungewöhnliche Künstlerin nach Hannover zu locken. Denn:

"Susan Philipsz gelingt es auf ganz eindringliche und besondere Weise die Vergangenheit in der Gegenwart aufscheinen zu lassen, so, dass sie uns berührt."

Es beginnt harmlos. In einem Saal stehen auf sieben Podesten sieben Plattenspieler. Jeder spielt – mit Pausen – einen einzigen Ton. Mit der ersten Arbeit, in der sie Schallplatten verwendet, erinnert Philipsz an ihren Erfinder Emil Berliner, Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie aus Hannover. Eigentliches Thema aber ist die Zerlegung des um 1600 entstandenen Liedes "Seven Tears" von John Dowland, das damals Inbegriff einer modisch zur Schau getragenen süßlichen Melancholie war.

"Wenn man die Töne voneinander trennt, wird die Harmonie aufgebrochen: mal bricht sie ab. Dann fügt sie sich wieder zusammen, bewegt sich durch den Raum. Der Klang verändert sich ständig." 

Susan Philipsz "Seven Tears", 2016 (Courtesy Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, und Tanya Bonakdar Gallery, New York) - Ausstellungsansicht im Kunstverein Hannover (Raimund Zakowski)Susan Philipsz "Seven Tears", 2016 (Raimund Zakowski)

Die Künstlerin Susan Philipsz, aufgenommen 2015 (Villa Aurora)Die Künstlerin Susan Philipsz (Villa Aurora)

Wenige Schritte weiter verwandelt sich die modische Melancholie in existentielle Not: In einem 30 Meter langen Saal hängen an jeder Seite drei schmale Lautsprecher. Aus ihnen klingen sechs Orgeltöne einer Orgel, die Susan Philipsz in der hannoverschen Villa Seligmann entdeckte, dem Europäischen Zentrum für Jüdische Musik. Das Instrument entstand 1910 für ein jüdisches Krankenhaus in Berlin, die dann, so Ute Stuffer...

"… zur Zeit des Nationalsozialismus nach Rheinland-Pfalz gelangte, in eine christliche Kirche. Und Anfang der 90er-Jahre wiederentdeckt worden ist in dieser Kirche, als eine ursprüngliche Synagogenorgel identifiziert und 2011 in die Villa Seligmann zurückgebracht worden ist."

Für ihre Ton-Aufnahmen verwendete Susan Philips nicht die automatische Luftzufuhr, die makellose Töne garantiert, sondern einen Blasebalg.

"Das tritt immer mal wieder auf: ... Das Volumen des Blasebalgs. Diese Lunge des Instruments. Ein Knarren, .... dass wir teilweise dachten: 'Boah, wie im Innern eines riesigen Schiffs!'. Also wirklich das physische Produzieren von Musik, was hier auch in den Vordergrund gestellt wird."

Luft, der Atem, die Metapher für das Leben, wird in der Ausstellung immer wichtiger – und erreicht im letzten Raum einen schrecklichen Höhepunkt.

Widderhorn - eines der ältesten Instrumente der Welt

Von der Decke hängt ein Lautsprecher, an der Wand ein kleines Foto einer plattgedrückten Schofar. Die Arbeit ist Teil einer Serie über im Krieg zerstörte Musikinstrumente. Das Widderhorn, eines der ältesten Instrumente der Welt, gehörte einer jüdischen Familie in Hannover, die es auf ihrer Flucht vor den Faschisten zurücklassen musste.

"Das Horn, das man für Zeremonien in Synagogen verwendet, war jahrelang unter einem Berg Kohlen versteckt. Als man es fand, war es völlig verformt. Aber es lassen sich noch Töne mit ihm produzieren. Nur ist es ein zerbrochener Klang." 

Was man als fast körperlich spürbare Beklemmung fühlt: Aus dem Lautsprecher dringen Atmen, Keuchen, die mühsamen Versuche, Luft in das Horn zu pressen. und dann – endlich! – ein Ton!

"Susan Philipsz ist gerade daran interessiert, dieses von Krieg und der Flucht gezeichnete Instrument zu revitalisieren. Ihm neues Leben einzuhauchen. .... Und diese Klangskala durchlaufend, geben diese Klanginstallationen ganz wunderbar eine Vorstellung von Krieg, Trauma aber auch Kraft oder was es bedeutet, zu überleben."

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