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Tonart | Beitrag vom 13.02.2018

Stuart Murdoch von Belle & Sebastian"Ich träume immer noch neue Songs"

Dirk Schneider im Gespräch mit Stuart Murdoch

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Stuart Murdoch, Sänger der britischen Indie-Pop Band Belle & Sebastian (picture alliance / dpa / Henrik Josef Boerger)
Stuart Murdoch, Sänger der britischen Indie-Pop Band Belle & Sebastian (picture alliance / dpa / Henrik Josef Boerger)

Unter dem Titel "How To Solve Our Human Problems" veröffentlicht die Band Belle & Sebastian drei EPs, verteilt über drei Monate. Die Musiker aus Glasgow kehren damit zu ihren Wurzeln als mysteriöses schottisches Kollektiv zurück.

Dirk Schneider: "How To Solve Our Human Problems", wie löst man die Probleme der Menschheit, ein großer Titel für ein Album. Welche Probleme wären das denn genau, und wie löst man sie?

Stuart Murdoch: Der Titel stammt von einem Buch, an das ich gerade heute wieder gedacht habe. Es ist ein buddhistisches Buch, das ein Mann geschrieben hat, der in den 80er-Jahren aus Nepal nach England kam. Er hatte sich zur Aufgabe gemacht, einen modernen Buddhismus in den Westen zu bringen, der für uns verständlich ist und hier funktionieren kann. Ja, ein ziemlich dicker Titel ist das, und ein ziemlich schmales Buch. Es handelt vor allem vom Problem des Leidens, und er schreibt darin über die Ängste der Menschen, ihre Eifersucht, ihre Wut. Und er glaubt daran – und ich auch, nachdem ich dieses Buch studiert habe – dass die Lösung nicht darin liegt, die Welt zu verändern, sondern unseren Geist, unsere inneren Konflikte.

"Endlich normale Leute auf dem Cover"

Schneider: Auf den Covers der drei EPs, die jetzt erschienen sind, sind Fotos von Ihren Fans. Wie sind diese Fotos entstanden?

Murdoch: Ach, wir wollten einfach mal, tja, normale Leute auf dem Cover haben. Meistens haben wir die Fotos für unsere Cover ja in Glasgow gemacht, und am Ende sind Freunde von uns darauf gelandet oder Bandmitglieder. Dieses Mal haben wir unsere Hörerinnen und Hörer um Mithilfe gebeten. Ungefähr tausend Leute haben uns Bilder geschickt, und davon kamen etwa 80 in die engere Auswahl. Mit ihnen haben wir uns dann in London getroffen, es waren Menschen von überall her, und das war wirklich ein sehr lustiger Tag. Aber auch sehr anstrengend. Aber ich glaube, wir haben wirklich von allen gute Bilder gemacht.

Schneider: Und was für eine künstlerische Entscheidung war das? Wie Sie ja eben schon sagten, früher war das Belle & Sebastian-Universum auf den Coverfotos zu sehen, und nun haben Sie das gewissermaßen für Ihre Fans geöffnet. Das ist ein großer Schritt, oder?

Murdoch: Wir hatten schon immer eine gute Beziehung mit unseren Fans. Wir berücksichtigen sie nicht dabei, wenn wir unsere Musik machen, aber danach sind wir sehr offen mit ihnen, das war schon immer so. Es hat aber auch mit dem Titel des Albums zu tun, der weniger persönlich ist, sondern einen universelleren Anspruch behauptet. Dazu passt auch ein universelleres Artwork, mit ganz unterschiedlichen Menschen.

Auf der Suche nach dem alten Geist?

Schneider: Ihr letztes Album "Girls In Peacetime Want To Dance" hat wohl viele Ihrer Hörer etwas irritiert, mit den Eurodisco-Anklängen darauf, das war schon musikalisch ein Bruch. Während dieses Album nun wirklich wirkt wie die Quintessenz dieser Band, Belle & Sebastian, ein Album, von dem man sich vielleicht früher schon hätte vorstellen können, dass Sie es einmal machen würden, wenn Sie älter und weiser sind. Jetzt ist dieses Album ja kein reguläres Album, sondern eine Sammlung von drei EPs. Als Album wäre es die Nummer zehn, und ich habe mich gefragt, ob Sie auf diese Weise vielleicht dieses Jubiläum umgehen wollten?

Murdoch: Nein, diesen Gedanken hatte ich wirklich nie. Nein, ganz und gar nicht. Es gibt viele Dinge, vor denen man sich im Leben fürchten kann, aber Jubiläen gehören für mich nicht dazu. Aber es freut mich, dass Sie dieses Album als eine Art Quintessenz unserer Band wahrnehmen. Das könnte auch daran liegen, dass wir es auf diese Weise aufgenommen haben: Dass wir nach Glasgow zurückgekehrt sind, dass wir die Produktion selbst übernommen haben, in kleinen Studios aufgenommen haben, das könnte ein Grund sein, warum es, zumindest aus Ihrer Sicht, gelungen ist.

Immer noch so aufgeregt wie früher

Schneider: Sie werden ja auch älter, aber Sie klingen immer noch wie früher, wie ein etwas schwächlicher junger Mann – das ist natürlich Ihr Markenzeichen, und dafür werden Sie geliebt. Aber wie bewusst sind Sie sich des Klangs Ihrer Stimme, und spielt das auch eine Rolle für die Wahl Ihrer Themen? Gibt es Dinge, über die Sie vielleicht gerne singen würden, von denen Sie aber glauben, dass sie nicht zu Ihrer Stimme passen?

Murdoch: Das ist interessant. Ich selbst denke nie, dass es etwas gäbe, das ich mit meiner Stimme nicht singen könnte. Aber tatsächlich sagt meine Frau manchmal zu mir, dass ich nicht auf eine bestimmte Weise singen sollte, dass sie meine wütende Stimme nicht mag, meine Punk-Stimme, und warum ich nicht singen würde wie früher. Aber in meiner Wahrnehmung gibt es nichts, das ich nicht wenigstens versuchen könnte zu singen. Aber ich glaube, wenn man seine Songs selbst schreibt, hat man schon sehr stark im Kopf, was man singen kann und was vielleicht nicht. Manchmal ist es schon herausfordernd. Ich wache immer noch häufig nachts auf, mit Songs im Kopf, und ich nehme dann ein bisschen was auf dem Telefon auf. Und zum Beispiel "Too Many Tears", eine Art Soul-Song, ist auf diese Weise entstanden. Und ich hatte große Lust ihn zu singen und zu sehen, ob ich wie ein Soulsänger singen könnte. Aber ich werde sicherlich immer wie ich klingen.

Schneider: Sind Sie immer noch aufgeregt, wenn Sie neue Musik veröffentlichen, oder hat sich das nach 20 Jahren gelegt?

Murdoch: Ich bin immer sehr aufgeregt, wenn wir Musik schreiben und aufnehmen. Aber was die Reaktionen auf die Musik angeht – ich lese keine Besprechungen unserer Musik. Und nach 20 Jahren erwarten die Leute aber vielleicht auch nichts allzu Aufregendes von uns. Aber manchmal bekommt man eine schöne Überraschung, jemand schickt eine Email, wie sehr ihm ein Stück von uns gefällt. Und natürlich haben wir auch unsere Konzerte, und da merken wir schon, ob die Leute die Musik mögen oder nicht.
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