Strukturabbau in Sachsen-Anhalt

Wenn das Krankenhaus schließt…

Marktplatz mit Kirche und Rathaus in Genthin
Nach der Schließung des Krankenhauses: Die Genthiner machen sich Sorgen um die Zukunft ihrer Stadt. © imago/Schöning
Von Christoph Richter · 02.03.2018
Erst die Grundschule, dann die Post, schließlich das Krankenhaus: Werden in einer Kommune Strukturen abgebaut, sinkt die Attraktivität der Region. Menschen ziehen weg und bei den Zurückgebliebenen macht sich Perspektivlosigkeit breit – wie in Genthin in Sachsen-Anhalt.
Große Möbelwagen mit dem roten Johanniter-Schriftzug stehen vor der Tür des früheren 35-Betten-Krankenhauses in Genthin, einer 15.000 Einwohner-Stadt an der Bahnstrecke Berlin-Magdeburg. Kühlschrank große Gerätschaften werden abtransportiert.
Bis Ende September war das Johanniter-Krankenhaus Genthin noch in Betrieb. Jetzt sind die Rollläden runtergelassen, das Klinik-Gelände ist verwaist. Die Menschen in der Stadt sind erschüttert, dass man ihr völlig intaktes Krankenhaus einfach so geschlossen hat.
"Katastrophe, fehlt allen. Versteht keiner …"
Versteht keiner, meint eine Frau. Ihren Namen will sie nicht nennen. 40 Jahre hat sie als Buchhalterin für die Johanniter gearbeitet. Nächstes Jahr hätte das rot geklinkerte Krankenhaus, das sich in einer parkähnlichen Anlage befindet, das 150. Gründungsjubiläum gefeiert. Doch dazu kommt es nun nicht mehr.
Erst im Sommer gab es deshalb eine Demonstration. Anwohner zogen mit einem Sarg durch die Straßen und trugen die Stadt symbolisch zu Grabe. Denn der Struktur-Rückbau versetzt die Menschen in Genthin in große Sorge.
"Langsam aber sicher stirbt die Stadt, ja das Gefühl hat man."
"Was haben wir denn noch in Genthin? Eine tote Stadt."

40 Kilometer bis ins nächste Krankenhaus

Das Krankenhaus Genthin war landesweit als Diabetes-Klinik anerkannt und besaß neue, hochmoderne Diagnostik-Apparaturen wie einen Computertomographen. Technik, die nun ins 40 Kilometer entfernte Stendal gebracht wurde - ins dortige Johanniter-Krankenhaus.
"Viele Menschen, die nicht fahrtüchtig sind, wie kommen die so schnell nach Stendal, wenn was ist? Man hat ja nicht immer jemand, der dabei helfen kann. Ich kenne das …"
Andere werden ins Krankenhaus nach Brandenburg an der Havel oder nach Burg fahren müssen. Zwischen 30 und 40 Minuten Fahrtzeit braucht man dorthin schon, sagen die Genthiner. Nach Meinung des Sozialverbandes Deutschland ist eine "adäquate Versorgung der Patientinnen und Patienten gefährdet". Der Sozialverband verweist auf eine Empfehlung des sogenannten Gemeinsamen Bundesauschuss, kurz GBA. Das ist das oberste Gremium der Selbstverwaltung von Ärzten, Krankenkassen und Krankenhäusern in Deutschland. Der Bundesausschuss spricht von einer Gefährdung der flächendeckenden Versorgung, wenn Patienten mehr als 30 Minuten brauchen, um ins nächste Krankenhaus zu gelangen. 99 Prozent aller Deutschen haben nach Angaben des GBA damit kein Problem. Die Menschen in Genthin jetzt aber schon.
Beate Bröcker, die Staatssekretärin im Sozialministerium von Sachsen-Anhalt, versteht die Aufregung nicht. Durch den Wegfall des Krankenhauses wird in Genthin keine medizinische Versorgungslücke entstehen, sagt sie.
"Es ist jetzt halt so, wie es ist. Das ist nicht eine Frage, glücklich oder unglücklich. Sondern es ist eine Frage, was findet stattdessen da statt …"
… doch genau das ist bis heute völlig ungeklärt.

Die Bevölkerung ist stinksauer

Der evangelische Johanniterorden will sich nicht in einem Interview äußern. Der Krankenhausbetreiber schreibt stattdessen in einer Stellungnahme, dass es keinen schleichenden Abgang der Johanniter aus Genthin gegeben habe. Die Schließung hätte laut Landeskrankenhausplanung 2019 ohnehin erfolgen müssen. Weil in Genthin jährlich eine Million Euro Verlust gemacht wurde, habe man jetzt schon die Notbremse gezogen.
"Selbstverständlich. Die Bevölkerung in der Region ist immer noch stinksauer, dass diese Entscheidung doch umgesetzt wurde. Gleichwohl gilt es für uns in Verantwortung Stehende zu gucken, wie es weitergeht. Es ist ja nicht unsere Entscheidung gewesen, dass das Krankenhaus geht. Da steht man etwas hilflos daneben, weil man es vor Ort auch verantworten muss."
Sagt Thomas Barz. Er ist der Bürgermeister, parteilos. Nennt sich Krisenverwalter. Und stöhnt darüber, dass Bund und Länder Geld für Trappgänse, Rot-Milane und Wölfe hätten, aber die Kommunen in der Provinz komplett ausbluten lassen würden.
Beschlossen wurde der Wegfall des Krankenhauses 2004, also vor 13 Jahren. Zu einer Zeit als der zwischen Magdeburg und Berlin liegende Landkreis Jerichower Land massiv vom wirtschaftlichen Niedergang und demografischen Wandel geprägt war. Ein Genthiner Traditionsbetrieb, ein zum Henkel gehörendes Waschmittelwerk, schloss 2009 seine Tore. Vor dem Mauerfall waren dort noch bis zu 1700 Menschen beschäftigt. 18 Grundschulen, 16 Sekundarschulen und fünf Gymnasien wurden in der Region dicht gemacht. Demografen hatten nämlich einen massiven Rückgang der Bevölkerung prognostiziert. Und sich gewaltig geirrt, wie der Bürgermeister heute betont.
"Natürlich. 2004, als dieser Beschluss damals gefallen ist – kein Mensch wusste doch, was 2017 kommt. Wir haben eine ganz andere Bevölkerungsentwicklung, wir hatten zwischendurch die Flüchtlingssituation. Wir haben ganz andere Zahlen, als sie sich damals dargestellt haben."

Ein falsches Signal

Mit seiner Stadt geht es längst wieder bergauf, sagt der Bürgermeister. Zehn neue Unternehmen seien in Genthin zwischenzeitlich neu ansässig geworden, die rund 500 Mitarbeiter beschäftigen. Der Industriepark sei heute nach Bitterfeld-Wolfen der zweitgrößte in Sachsen-Anhalt. In dieser Zeit das Krankenhaus zu schließen, sei ein fatales Signal.
"Ja, natürlich, da bricht im Stadtviertel was weg. Sei es der kleine Imbiss um die Ecke, sei es die Tasse Kaffee, die beim Bäcker getrunken wird. Das ist Wirtschaftskraft, Kaufkraft, die wegbricht, die man aber braucht, wenn man etwas wirtschaftlich betreiben will."
Für ihn ist ein Krankenhaus nicht einfach nur ein Krankenhaus. Sondern eine Einrichtung, die den Menschen Sicherheit vermittelt. Barz Vorwurf: Die Johanniter seien sich der Verantwortung für die Region nicht bewusst. Die Enttäuschung beim Bürgermeister sitzt hörbar tief. Er ist ein jungenhafter Typ aus Brandenburg. Mit übergeschlagenen Beinen sitzt er in seinem nüchternen Amtszimmer im Rathaus, ein neogotischer Backsteinbau mitten in Genthin. Er hat den Kampf für eine medizinische Versorgung seiner 15.000 Bürger noch nicht aufgegeben.
"Es gibt erste Pläne, wie wir damit umgehen, die Johanniter haben uns signalisiert, dass sie sich vollständig zurückziehen vom Standort. Aber wird sind ja nicht abgezogen, wir sind ja noch da. Wir überlegen jetzt wie wir das Gebäude, das Bettenhaus entwickeln können, welche Gesundheitsvorsorge da rein kann. Wir sind mit einem Operationszentrum im Gespräch, das diese Dienstleistung anbietet."
Damit aber müssten die Johanniter einverstanden sein. Denn es heißt, sie möchten ihr leerstehendes Klinik-Gebäude nur dann verpachten, wenn sich darin kein Konkurrent niederlässt.

Wenn eine Abwärtsspirale einsetzt

Das Krankenhaus, die Grundschule, auch die Schwimmhalle, das Kino, die Postfiliale oder der Tante Emma-Laden um die Ecke – das Stadtoberhaupt nennt all diese Einrichtungen Bevölkerungsstabilisierend, weil sie identitätsstiftend sind und das soziale Miteinander fördern. Für die Attraktivität von Kleinstädten und Dörfern, auch für junge Familien sind sie immens wichtig. Machen diese Einrichtungen dicht, kann das für eine Kommune verheerend sein und den Niedergang bedeuten.
"Für die Regionen, gerade die entlegenen Regionen, besteht dann die Gefahr, dass sich dann eine Abwärtsspirale auftut … "
… sagen Sozialgeografen - wie Manuel Slupina vom Berlin-Institut. Ein Think-Tank, der sich mit Fragen regionaler und demografischer Veränderung beschäftigt.
"… also, dass mit dem Weggehen der Menschen, mit den schrumpfenden Einwohnerzahlen immer mehr Versorgungseinrichtungen schließen. Dass die Attraktivität gerade dieser Dörfer weiter abnimmt. Und die kaum noch Möglichkeiten haben, neue Zuzügler zu gewinnen."
Ähnlich sieht es Klaus Friedrich, langjähriges Mitglied im Demografie-Beirat des Landes Sachsen-Anhalt. Wenn man sich die Statistischen Jahrbücher von 1991 bis 2015 ansieht, werde man sehen, wie sich die Wanderungsbewegung zwischen den neuen Ländern und dem früheren Bundesgebiet stabilisiert hat, so der Sozialgeograf. In den Jahren 2014 und 2015 gingen nur noch 3000 Menschen mehr weg als kamen:
"Ja, es ist vielleicht aus Sicht der planenden Behörden und Planungsverantwortlichen verständlich, dass man mittelfristige Planungen durchführt. Man muss sie aber immer wieder den konkreten veränderten Gegebenheiten anpassen, also nachjustieren. Und gerade in demografischer Hinsicht sind wir in Ostdeutschland in einer Situation, dass die Trends sich sehr kurzfristig ändern. Und derzeit können wir in Ostdeutschland eine Stabilisierung der demografischen Situation auf einem relativ niedrigen Niveau feststellen."

Junge Familien ziehen weg

So der emeritierte Professor von der Universität Halle-Wittenberg. Am liebsten wäre ihm, das Land Sachsen-Anhalt würde langfristige Vorgaben wie die Krankenhausplanung komplett über Bord werfen.
"Ja, wir sagen, schaut Euch die Situation in den betroffenen Regionen genauer an. Sagt nicht, das ist der ländliche Raum und das ist eine Kategorie, sondern schaut genau hin, wo die Bedarfe sind. Das muss man nicht auf Landkreisebene machen, da muss man noch tiefer hinuntergehen. Da muss man sich möglicherweise die örtliche Situation anschauen. Das heißt, ich würde dafür plädieren: Gebt den Menschen, die vor Ort das Bestimmen haben, den Kommunal-Verantwortlichen mehr Rechte und auch mehr Stimmrechte. Dann wird eine adäquatere und der Situation gerechtere Lösung erreicht."
Junge Leute – die sogenannten Familienwanderer – ziehen nur dann neu zu oder wandern eben nicht ab, wenn es am Ort die Schule oder den Bäcker gibt. Haltefaktoren bzw. Versorgungsanker nennen das die Soziologen. Und auch ein Krankenhaus sei ein wichtiger Faktor, um die Abwärtsspirale zu stoppen, meint Friedrich.
"Von ganz hoher Bedeutung für die Menschen dort. Um sich in der ländlichen Region als Subjekt zu fühlen, Identität zu entwickeln. Das sind ja wichtige Dinge zur Lebensgestaltung. Und wenn die wegbrechen sieht man das als Verlust von Identität. Sonst wird das Gefühl der Leute immer stärker, wir sind in einer abgehängten Region und wir leben in einer abgehängten Region. Und junge Leute wollen das nicht."
Von langfristigen, also über zehn Jahre laufenden Planungen sollte die Politik Abschied nehmen. Sozialgeograf Klaus Friedrich spricht von autoritärer Bevormundung durch die Landesparlamente und Bundesministerien, die aus der Ferne – wie mit einem Feldstecher - entscheiden würden, was für eine Region, eine Stadt oder ein Dorf das Richtige für die Zukunft ist. Sein Rat: Mit den Menschen vor Ort sprechen, sich nicht nur auf die Expertise von Fachleuten verlassen.

Die ländlichen Regionen bluten aus

Thomas Barz nickt. Der Wissenschaftler spricht ihm aus der Seele. Wenn die Jungen gehen und nur die Alten bleiben, dann veröden Kommunen wie Genthin, klagt der Bürgermeister. Das Johanniter-Krankenhaus hätte er am liebsten selber geführt.
"Vielleicht wäre es sogar so gewesen, wenn die Stadt Genthin in einer vernünftigen finanziellen Situation gewesen wäre. - Klammer auf, was nicht im Ansatz der Fall ist, Klammer zu. - Vielleicht wäre es ja möglich gewesen, das selber zu führen. Meinetwegen auch unwirtschaftlich."
Es gehe schlicht um das Überleben der Dörfer, der ländlichen Regionen, sagt Demografie-Experte Friedrich noch. Seiner Meinung nach wird die Bedeutung dieses Lebensraums für die Gesellschaft unterschätzt. Immerhin leben 20 Millionen Deutsche – also ein Viertel der Gesamtbevölkerung – auf dem Land. Er fordert nachhaltige Konzepte von der Politik.
"Ich bin dafür, dass wir überhaupt immer darauf setzen – selbst wenn es schwer wird – wieder junge Leute zu gewinnen, in diese Regionen zu kommen. Das sind innovative Leute, das können so genannte Raumpioniere sein. Und ich plädiere eigentlich immer für eine jungendorientierte Regionalpolitik. Das ist aber bei uns noch gar nicht stark verbreitet. Das Konzept, dass man an die Jugend denken muss. Als Träger von Innovation, als Träger von Zuzug, als Träger von Stabilisierung. Das ist noch nicht sehr stark verbreitet."
Alleine stemmen können Kommunen dies jedoch nicht. Sie benötigen Unterstützung – von der Politik, der Verwaltung, aber auch von Unternehmen und öffentlichen Institutionen. Im altmärkischen Seehausen im Dreiländereck Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Brandenburg gibt es dafür ein Beispiel: Agaplesion, eine gemeinnützige Aktiengesellschaft der evangelischen Kirche, betreibt in der 5000 Einwohner zählenden Kleinstadt das Krankenhaus.

Diagnosen aus der Ferne

Während im 70 Kilometer entfernten Genthin das Krankenhaus geschlossen hat, hält der Krankenhausbetreiber die kleine Klinik mit nur 112 Betten am Leben - mittels Tele-Medizin. In Seehausen können Patienten – ihr Durchschnittsalter beträgt 59 Jahre – beispielsweise mit einem geliehenen Computertomografen – kurz CT - behandelt werden. Da vor Ort aber keine Radiologen arbeiten, werden die Patienten-Daten ins saarländische Dillingen geschickt und dort auf einem Server abgelegt. Auf den die behandelnden Ärzte in Magdeburg oder Stendal dann Zugriff haben.
"Der Radiologe, der sich auf das System in Dillingen aufhängen kann, der kriegt eine Information, dass ein Bild zu befunden ist und kann sich dann das Bild anschauen. Wir sind glücklich und dankbar, dass man hier die Dinge pragmatisch sieht."
Erzählt Maria Theiß, die Krankenhausmanagerin. Weil man die Kosten für den Patiententransport zum nächsten CT einsparen kann, ist der Erhalt der Notaufnahme im Krankenhaus Seehausen gesichert. Eine Win-Win-Situation nennt Theiß das und lächelt.
"Also, das ist für uns eine sehr wichtige Sache. Weil ich komme als Krankenhaus, an einer Computertomografie als Diagnostikverfahren nicht mehr vorbei. Ich muss das anbieten. Wir hätten sonst ganz große Probleme, weiter so die Notfallversorgung aufrechtzuerhalten, wie wir das tun. Akute Baucherkrankungen, Knochenverletzungen - oft müssen die erstmal mit einer Computertomografie diagnostiziert werden. Damit der Arzt ein genaueres Bild kriegt, eine genauere Idee kriegt, an was leidet dieser arme Mensch jetzt."
Das geht aber nur, weil das Krankenhaus vom Land Sachsen-Anhalt dafür eine Sondergenehmigung erhalten hat. Denn eigentlich ist es nicht gestattet, dass Ärzte Diagnosen aus der Ferne erstellen.
Das Krankenhaus Seehausen ist ein helles lichtes Haus, außen rot verklinkert. An den Wänden hängen Bilder, gemalt von Kindern benachbarter Schulen, im Atrium lädt ein kleines Bistro zum Kaffee trinken ein. Hektik gibt es nicht. Stattdessen ist der Umgangston freundlich. Hier weiß man, um die Verantwortung für die Menschen in der Region.
"Wenn der Malermeister seine Aufträge vom Krankenhaus bekommt, dann kann auch er Arbeitsplätze schaffen. Und so setzt sich das fort. Und so wird auch eine Region wirtschaftlich am Leben erhalten. Dann geht mir der Edeka nicht aus dem Ort weg, weil hier genügend Menschen sind, die arbeiten, Geld haben, um dort einkaufen zu gehen. Und vielleicht siedelt sich mal wieder ein Gastronom an, wer weiß ..."
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