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Montag, 18.12.2017

Zeitfragen | Beitrag vom 29.11.2017

Streit um wissenschaftliche Fakten"Wahrheit ist Verhandlungssache"

Von Lydia Heller

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Ein Säugling wird geimpft (imago)
Streitthema Impfen - obwohl Experten dazu raten, setzen sich manche Eltern über deren Rat hinweg (imago)

Klimawandel? Eine Erfindung! Impfen? Viel zu gefährlich! – Fakten werden nur noch dann als Fakten akzeptiert, wenn sie ins eigene Weltbild passen. Erkenntnisse von Wissenschaftlern werden angezweifelt, ihr Status als Experte einfach bestritten.

"The IFS, the IMF, the chief exec of the NHS and most of the leaders of the trade unions in Britain – all say that you, Boris and Nigel are wrong. Why should the public trust you over them?"

Juni 2016. In einem Fernseh-Interview konfrontiert der Moderator den damaligen britischen Justizminister Michael Gove mit Experten-Warnungen vor einem Brexit. Warum also, fragt er, sollten die Leute trotzdem auf Brexit-Befürworter wie Gove hören? Antwort:

"I think the people of this country have had enough of experts …"

Die Leute haben die Nase voll von Experten

Zusammen mit "Lügenpresse" und "Fake News" – mit der Ablehnung der Überbringer von Fakten, stehen zunehmend die Fakten selbst in der Kritik – und mit ihnen diejenigen, die einen Großteil davon produzieren: die Wissenschaftler.  

"Es wird zum Beispiel regelmäßig der Trust-Report erhoben, das Edelman-Trust-Barometer, das für unterschiedliche Institutionen abfragt: Wem schenkt man Vertrauen."

Ingrid Brodnig. Die Journalistin recherchiert seit Jahren zu Hass und Lügen im Internet.

"Und da sieht man, dass akademische Experten und technische Experten an Vertrauen verloren haben und mittlerweile sogar im Ranking gleich hoch sind wie Menschen wie man selbst."

Menschen vertrauen eher Freunden als Fachleuten? Keine neue Erkenntnis. 2010 hatten Forscher der Yale Law School, der George Washington Law School und der University of Oklahoma Probanden Studien verschiedener Wissenschaftler gezeigt. Schätzten sich die Probanden als eher konservativ ein, bekamen sie Studien zu lesen, die den Klimawandel als menschengemacht nachwiesen – schätzten sie sich eher liberal ein, bekamen sie Studien über die sichere Lagerung von Atommüll. Ergebnis:

"Wenn sich herausstellte, dass der Wissenschaftler Ergebnisse in seinen Untersuchungen drin hatte, die einem widersprechen, dann wollten diese Studienteilnehmer diesen Wissenschaftler nicht mehr als Experten einstufen, dann hieß es: Nein, der ist kein Experte."

Formeln stehen auf einer schlecht gewischten Tafel am 29.10.2012 in Berlin in einer Vorlesung "Mathematik für Chemiker" im Walter-Nernst-Haus auf dem Campus Adlershof der Humboldt-Universität.  (picture-allicance / dpa / Jens Kalaene)Geglaubt wird nur, was ins eigenen Weltbild passt - egal was Experten dazu sagen. (picture-allicance / dpa / Jens Kalaene)

Der Theorie der kognitiven Dissonanz zufolge geraten Menschen in einen emotionalen Spannungszustand, wenn Informationen nicht mit ihren Überzeugungen übereinstimmen. Die Information abzuwerten ist dann eine Möglichkeit, diese Spannung zu reduzieren. Die Strategie allerdings ist oft schon für die individuelle Psycho-Hygiene nicht sinnvoll – sie hat eine politische Dimension, wenn es um Informationen von gesellschaftlicher Relevanz geht.

Misstrauen gegenüber Forschung

"Ich geb ein Beispiel: Impfen ist eines der politisch umstrittensten Themen, weil eine falsche Studie einst zum Schluss kam, dass Impfen Autismus hervorruft. Nein, es gibt keinen wissenschaftlichen Zusammenhang, es gibt extrem viel Forschung dazu und immer dann, wenn neue Wissenschaft kommt, dann heißt es: Ahja – das ist sicher von der Pharmalobby bezahlt. Nein – ich glaube, wir müssen das Verständnis fördern, was Wissenschaft ist – und dass auch eine Studie redlich sein kann, selbst wenn sie mir widerspricht."

Aber – auch jenseits des Wunschs, eigene Überzeugungen bestätigt zu finden, herrscht Misstrauen hinsichtlich der "Redlichkeit" von Forschung. Zum Teil zu Recht: Renommierte Fachzeitschriften wie Nature und Science etwa stehen in der Kritik. Vorwurf: Sie publizierten vorrangig Studien, die neue, positive Ergebnisse vorweisen. Viele lassen sich nicht in weiteren Studien bestätigen, über die gescheiterten Reproduktions-Versuche aber werde nicht berichtet. Ein anderes Problem: "P-Hacking" – die Jagd nach statistisch signifikanten Korrelationen in erhobenen Daten, ohne Hypothese und ohne Aussage darüber, wie groß ein gefundener Effekt an sich ist. Nicht zuletzt trägt die advocacy science – Wissenschaft im Dienst der Politik etwa – dazu bei, dass Forschung an Glaubwürdigkeit verliert.

"Also es gibt ein bestimmtes Ziel, beispielsweise Energiewende – was sind die Strategien, um dieses Ziel zu erreichen? Und dann mache ich eine Expertenkommission, die sollen mir drei Optionen geben, … die muss effizient sein, die muss akzeptiert werden und so weiter ..."

Ortwin Renn, Wissenschaftlicher Direktor des Institute for Advanced Sustainability Studies in Potsdam:

"Ob ich dann noch mal nachdenke, ob vielleicht die Ziele der Energiewende doch nochmal hinterfragt werden müssen, das ist dann häufig etwas, was dann in dieser zielgerichteten Advocacy Science nicht zum Durchbruch kommt. Wir brauchen auch diese alte, klassische Form der Wissenschaft, die sicherlich nicht wertfrei ist, die aber nicht gleich auf Verwertung aus ist."

Auch deren Ergebnisse allerdings sprechen nicht für sich. Sondern müssen beurteilt werden.

Die neuen Medien haben "Umgehungsstraßen" gebaut 

Joachim Trebbe, Kommunikationswissenschaftler an der Freien Universität Berlin:

"In dem Moment, wo sich Menschen über irgendeine Sache unterhalten, gibt es unterschiedliche Perspektiven, das betrifft sogar – ob es draußen regnet. Für den einen ist es Regen, für den anderen nicht …"

... und wessen Ansicht – und auch: wessen Interessen – sich durchsetzen, das wurde lange unter anderem über öffentliche Debatten in Zeitungen, Radio und Fernsehen ausgehandelt. Die aber entscheiden klassischerweise zunächst – zwar nach berufsethischen Kriterien und Qualitätsmaßstäben, aber dennoch: darüber, welche Inhalte überhaupt zur Debatte stehen.  

"Jetzt haben aber die neuen, digitalen Medien sozusagen Umgehungsstraßen gebaut. Die es erlauben, aus diesen Verhandlungsprozessen auszusteigen – siehe Twitter und Trump – und zu sagen: ich will meine Partikularinteressen nicht über Journalisten vermitteln, sondern ich vermittle sie selbst. Weil ich die Wähler, die Zuschauer, meine Kunden selbst erreichen kann. Deswegen sind diese Verhandlungsprozesse elitär geworden, sie betreffen nur noch die Partikularinteressenten, die an diesen alten Öffentlichkeiten hängen."

Die Tatsache, dass klassische Medien traditionell als Filter fungieren und Themen setzen – erscheint so als Vorenthalten von Informationen, als Manipulation. Und wer innerhalb der traditionellen Vermittlungsprozesse auftaucht, erscheint als Sprachrohr einer Elite.

"Und da hilft in den Wissenschaften nichts anderes als Transparenz"

"Wenn ich eine Fragestellung formuliere, dann ist die durch meine persönliche Ideologie gesteuert. Also zu sagen: Wie kommt diese Hypothese zustande? Da ist auch die Forderung nicht Objektivität. Sondern, dass dann gekuckt wird: nicht, ist die These subjektiv beeinflusst, sondern: ist sie nach den Regeln der Kunst abgeleitet? Von dem, was Wissenschaft heute weiß. Es ist völlig klar, dass andere Leute aus dem gleichen Zeug andere Thesen machen könnten. Und damit ist es intersubjektiv nachvollziehbar. Das ist unser Anspruch. Bei Wissenschaft."

Und ein guter Ansatz für das Berichten über Wissenschaft – wäre das auch.

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