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Fazit | Beitrag vom 06.06.2018

Streit um Documenta-KunstwerkKassel wird Obelisk eventuell verlieren

Susanne Völker im Gespräch mit Eckhard Roelcke

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Obelisk von dem aus Nigeria stammenden US-Künstler Olu Oguibe in Kassel auf der documenta 2017. In dem Kunstwerk ist auf den vier Seiten des Jesus-Zitat "Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt" in Deutsch, Türkisch, Englisch und Arabisch eingraviert. (imago stock&people)
Obelisk des Künstlers Olu Oguibe in Kassel: Auf den vier Seiten steht in unterschiedlichen Sprachen ein Bibelzitat. (imago stock&people)

Die Situation im Streit um den Obelisk von Kassel, einen der Publikumslieblinge der vergangenen Documenta, ist verfahren. Die Stadt will, dass er umzieht, der Künstler verweigert das. Jetzt droht der Verlust des Kunstwerks.

600.000 Euro wollte der amerikanisch-nigerianische Künstler Olu Oguibe eigentlich für sein Kunstwerk haben, für das er 2017 mit dem Bode-Preis ausgezeichnet wurde. Die Stadt Kassel schaffte es, durch Spenden 126.000 Euro zu sammeln und Oguibe akzeptierte. Allerdings entschieden die Stadtverordneten, der Obelisk solle weg vom zentralen Königsplatz, sagte im Deutschlandfunk Kultur die Kulturdezernentin von Kassel Susanne Völker.

Streit um den Standort

Denn während der Documenta würden andere Spielregeln für Kunst im öffentlichen Raum gelten, erklärte Völker. Ausführliche Prüfungen, unter anderem der städtischen Bauverwaltung, hätten ergeben, dass der Königsplatz nicht gut geeignet sei.

Das fertiggestellte documenta-Kunstwerk, ein etwa 16 Meter hoher Obelisk, von US-Künstler Olu Oguibe ist am 23.05.2017 auf dem Königsplatz in Kassel (Hessen) zu sehen. Die documenta 14 in Kassel geht vom 10.06.2017 bis zum 17.09.2017.  (dpa / picture alliance / Swen Pförtner)Obelisk inNoch steht er: der Obelisk auf dem Königsplatz. (dpa / picture alliance / Swen Pförtner)

"Wir haben nach Alternativen gesucht, die dem Anliegen des Künstlers entsprechen. Einen lebendigen, weltoffenen, internationalen Ort in Innenstadtnähe." Die Wahl sei auf den Holländischen Platz gefallen, an dem auch das künftige Documenta-Institut entstehen solle. Dieser Ort sei Oguibe "nicht so willkommen" gewesen, da er am Rande der Innenstadt liegt.

Hat Kassel der AfD nachgegeben?

Der AfD-Stadtverordnete Thomas Materner hatte im vergangenen Jahr den Obelisk als "entstellende Kunst" bezeichnet. Auf den vier Seiten des Kunstwerkes steht in goldener Schrift auf Deutsch, Englisch, Arabisch und Türkisch das Bibelzitat: "Ich war ein Fremdling, ihr habt mich beherbergt".

Völker stritt ab, sich der AfD zu beugen. "Es geht mitnichten um eine politische Debatte und schon gar nicht geht es darum, dass die AfD mit dieser tatsächlich infamen Äußerung einen Druck ausgeübt hat, denn die Stadt hat sich mit dieser Spendenaktion sehr um den Erhalt dieses Obelisken bemüht."

"Eine sehr bedauerliche Situation"

Die Stadtverordneten entschieden über den Ankauf und den Standtort eines Kunstwerkes. Diese hätten nun einen "sehr schmalen Entscheidungskorridor", da Oguibe das Kunstwerk an den Platz gekoppelt habe.

Die Verordneten könnten derzeit nur entscheiden, ob das Kunstwerk auf dem Königsplatz bleiben solle - oder es Kassel verlassen werde. "Insofern ist das tatsächlich eine sehr bedauerliche Situation. Wir hätten uns sehr gefreut, wenn wir hier in konstruktiven Gesprächen mit dem Künstler möglicherweise zu einer anderen Lösung gekommen wären", so die Kulturdezernentin.

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