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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 21.08.2014

StörenfriedFalsche Schablonen der richtigen Welt

Echtes menschliches Verhalten zerschlägt wirtschaftswissenschafliche Modelle

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Der österreichisch-britische Nationalökonom, Politologe und Sozialphilosoph Friedrich August von Hayek, aufgenommen am 30.6.1981 beim traditionellen Nobelpreisträger-Treffen in Lindau. Hayek starb am 23.3.1992 in Freiburg. (dpa / picture alliance / Wirginings)
Der österreichisch-britische Nationalökonom, Politologe und Sozialphilosoph Friedrich August von Hayek, (dpa / picture alliance / Wirginings)

Spieltheoretiker meinen, ihre Modelle würden die Realität spiegeln - nur handelten die Menschen nicht immer rational. Auch als der Wirtschaftstheoretiker Friedrich von Hayek behauptete, der Markt ordne sich selbst, störte der Mensch.

Friedrich von Hayek, spricht Englisch mit starkem Akzent:

"Ladies and gentlemen, in the hope to be able to offer something which will be of interest not only to economists ..."

Die Stimme eines großen Wirtschaftswissenschaftlers: Friedrich von Hayek.

Er war einer der einflussreichsten Ökonomen des letzten Jahrhunderts. 1974 wurde ihm der "Wirtschaftsnobelpreis" verliehen. 1983 sprach von Hayek beim Treffen der Nobelpreisträger in Lindau am Bodensee. Sein Thema: "Spontane Ordnung".

Spontane Ordnung, das bedeutete für von Hayek: Wenn sich Preise entsprechend Angebot und Nachfrage frei bilden können und alle "Verzerrungen" und "Eingriffe von außen" unterbleiben, könne sich der Markt selbst regulieren. Deshalb, sagt Friedrich von Hayek, können Marktstrukturen grundsätzlich besser Ressourcen verteilen als jede Planung. Der Markt weiß es besser.

Ungefähr zur gleichen Zeit, als von Hayek in Lindau seinen Vortrag hielt, stießen zwei amerikanische Spieltheoretiker bei Kapitalmärkten auf einen merkwürdigen Effekt: Unter der Bedingung, dass alle Händler vernünftig handeln und der Markt transparent ist, findet überhaupt kein Handel statt!

Wie das sein kann? Das ergibt sich aus den Annahmen, die dem Modell zugrunde liegen: Alle Händler sind rational; sie handeln eigennützig und widerspruchsfrei. Sie wissen, dass die anderen sich ebenso rational verhalten werden. Alle verfügen in diesem vollkommen transparenten Markt über den gleichen Kenntnisstand. Jedes Kaufangebot muss auf einer neuen, bislang unbekannten Information beruhen - aber diese Information wird schon durch das Angebot bekannt. Niemand würde deshalb ein Angebot annehmen und sich so übervorteilen lassen.

Große Kluft zwischen Spieltheorie und Realität

Dieser Kapitalmarkt ist so effizient - dass er zum Stillstand kommt.

In Wirklichkeit wird an der Börse natürlich gehandelt. Der so genannte "No trade"-Lehrsatz ist ein Paradox, das sich aus den Grundannahmen ergibt - und in der Spieltheorie finden sich einige solche Widersprüche.

Die Spieltheorie ist die wissenschaftliche Methode, mit der die Interaktion der wirtschaftlich Handelnden untersucht wird. Ihre Modelle sollen mathematisch handhabbar machen, wie Unternehmen und Individuen sich verhalten.

Allerdings lag zwischen den spieltheoretischen Modellen und dem tatsächlichen Verhalten immer eine große Kluft - erklärt Armin Falk, Wirtschaftswissenschaftler von der Universität Bonn.

"Die Spieltheorie hat theoretische Prognosen gemacht, und weil sie eben sehr konkret die Entscheidungen auch beschreiben kann, also welche Anreize gelten hier, was ist genau das prognostizierte Gleichgewicht, gegeben die Strategien, gegeben die Informationen, die die Akteure haben und so weiter, konnte man sagen: 'Okay, wenn sie jetzt rational sind und wenn wir jetzt diese Annahmen im Laborkontext implementiert haben, dann sollte im Gleichgewicht folgendes passieren.' Und dann hat man eben festgestellt: 'Moment mal, die Leute machen ja was anderes.'"

"Die Leute machen etwas anderes" - schon Anfang der 50er-Jahre probierte der Mathematiker Merrill Flood spieltheoretische Modelle aus. Seine Versuchspersonen waren die Sekretärinnen in dem Forschungsinstituts, an dem Flood arbeitete. Er versprach einer Angestellten zehn Dollar und zusätzlich noch weitere fünf Dollar, wenn sie sich mit einer Kollegin über die Verteilung des Geldes einigen könne.

Sekretärinnen teilen gerecht untereinander

Damit hatte die Sekretärin in jeden Fall zehn Dollar sicher. Diesen Betrag konnte sie noch erhöhen, wenn sie eine Kollegin fand, die ihrem Verteilungsvorschlag zustimmte. Wie würden die beiden die fünf zusätzlichen Dollar aufteilen?

Ein schwieriges spieltheoretisches Problem. Die Sekretärinnen ignorierten es einfach. Sie teilten die Summe untereinander zu genau gleichen Teilen, 7,50 Dollar für jede. Vielleicht sind sie mit dem Geld ins Kino gegangen.

Manfred Holler: "Also, das ist nicht irrational. Es ist nur irrational, wenn ich das Geld allein als Maßstab hernehme. Das tun die Menschen aber nicht."

Das sagt Manfred Holler, einer der bekanntesten deutschen Spieltheoretiker. Vorhersagen über tatsächliches Verhalten lassen sich seiner Ansicht nach mit der Spieltheorie kaum treffen.

Manfred Holler: "Ich mein, ich unterrichte wahrscheinlich seit zwanzig Jahren Spieltheorie, und wenn ich nachher also die Prüfungen anschau, dann seh ich, dass selbst Leute, die ein Vierteljahr, halbes Jahr Spieltheorie machen, sich ganz leicht verrechnen, die Situation falsch einschätzen, das Modell nicht anwenden können. Und dann frage ich mich: Warum soll man das von einem Entscheider erwarten, der mit Spieltheorie nichts zu tun hat? Fehler können wir alle machen. Das bedeutet aber nicht, dass das Modell falsch ist."

Das Modell stimmt, nur die Welt ist anders.

Weiterführende Information

Einblicke in die Denkfabrik eines großen PaaresStationen der Wirtschaftsgeschichte (Deutschlandradio Kultur, Lesart, 13.01.2013)
Die sichtbare Hand des Marktes (Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 19.07.2011)
Freiheit als höchster Wert (Deutschlandradio Kultur, Lesart, 09.01.2011)
Mahnungen eines Liberalen (Deutschlandradio Kultur, Lesart, 11.07.2010)

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