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Donnerstag, 23.11.2017

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.05.2013

Stimmen aus dem Dunkel

Oliver Kontny: "Iranian Voices - Republik der Verrückten", Buchfunk, 2013, 1 CD

Andi Hörmann

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Iranische Frauen auf einem Basar in Teheran. (picture alliance / dpa / Abedin Taherkenareh)
Iranische Frauen auf einem Basar in Teheran. (picture alliance / dpa / Abedin Taherkenareh)

In der internationalen Hörspielreihe "Iranian Voices" hat der deutsche Dramaturg Oliver Kontny dokumentarisches Material mit einem berühmten iranischen Liebesepos verwoben – Geschichten von Menschen zwischen Ausgrenzung und Aufbegehren.

"Heute Nacht sind mehr Menschen auf den Dächern als je zuvor... Und sie rufen alle Allahu Akbar. Lauter und lauter. Was ist das für ein Land...?"

Knapp 80 Millionen Einwohner. Eine Fläche fünfmal so groß wie Deutschland. Der Iran - einst Monarchie, heute islamische Republik.

"...Was ist das nur für ein ein Land, in dem wir alle unschuldig inhaftiert sind?"

Mit pointierten Episoden wie aus einem fiktiven Justiz-Drama erzählen Stimmen aus dem iranischen Volk von den Schattenseiten einer Bevölkerung zwischen Ausgrenzung und Aufbegehren. "Iranian Voices - Republik der Verrückten" ist eine Hörspiel-Collage mit Geschichten aus einem traumatisierten Land: ein depressiver Student, der im Park einen Mann küsst; ein Richter, der immer wieder Frauen zum Tode verurteilt; eine Sechzehnjährige, die ihren Vergewaltiger erschlägt.

"Am Zeitungsstand brannte noch Licht. Dieser Mann da hatte ein Messer in der Hand. Und der andere, der jetzt tot ist, hielt dem Mädchen den Mund zu und ließ seine Hosen herunter. Dann sah ich wie das Mädchen aus dem Kiosk rannte und der Mann, der jetzt tot ist, ihr nach. Er warf sich auf sie und wollte sie wieder hineinzerren. Da nahm sie einen der Steine, mit dem sie die Zeitungsstapel beschweren und schlug ihn ihm auf den Kopf."

Die zentrale Geschichte des Hörspiels ist "Leila und Madschnun" – ein ursprünglich arabisches Märchen aus dem 7. Jahrhundert.

"Es war einmal ein Beduine, der hatte einen Sohn. Der Sohn war sehr hübsch und der Beduine hatte ihn sehr lieb uns schickte ihn sogar zur Schule. Doch leider wurde aus dem Sohn nichts. Nichts! Nix..."

Die Liebesgeschichte um den Beduinen Madschnun, der seine angebetete Leila nicht heiraten darf und vom unglücklich Verliebten zum einsamen Dichter wird: In dem Hörspiel wird der Herz-Schmerz als oszillierender Stereo-Effekt inszeniert: Die Texte kreisen und verdrehen dem Hörer den Kopf. Religiöser Fanatismus und staatliche Unterdrückung werden zu einer Art satirischem Reigen. In hypnotisierenden Dialogen verschwimmen die Grenzen zwischen Tätern und Opfern.

"Sehen sie nur, was ich da für eine Schlangengeburt an meiner Brust genährt habe!
Aber sie leben ja noch.
Ja, ich leben noch, aber meine Ehre ist dahin. Nur Schande ist mein Schicksal. So ward mir im Munde das Süße zu Gift.
Ja ja, aber Orchan, sie sind beschuldigt der Zuhälterei, des Besitzes und Verkaufs von Betäubungsmitteln...
Es tut mir alles so leid, ich schäme mich..."

Autor Oliver Kontny hat das Hörspiel "Iranian Voices - Republik der Verrückten" mit akustischer und dramaturgischer Raffinesse umgesetzt. Kontny studierte selbst Iranistik und arbeitet für Theater und Film."

"Sag mal: Das ist aber jetzt weniger diese Genervtheit, oder? Oder hörst du die noch durch? Brauchst du die? Willst du die? Oder?
Ne, das ist ja so, dass du jetzt...
Ja, ja. O.k, ich versuche es mal."

Das Hörspiel "Republik der Verrückten" lebt ganz besonders von den eindringlichen Kompositionen des deutsch-türkischen Gitarristen Marc Sinan. Seine experimentierfreudige Musik macht aus den Originaltönen, Geräuschaufnahmen und szenischen Text ein plastisches Hörerlebnis, das unter die Haut geht: gebrochen und zugleich harmonisch, zwischen Hoffnung und Enttäuschung – ganz wie ein orientalisches Märchen.

Besprochen von Andi Hörmann

Oliver Kontny: Iranian Voices – Republik der Verrückten
Buchfunk
1 CD, Laufzeit 55 Minuten, 14,90 Euro

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