Seit 17:05 Uhr Studio 9

Mittwoch, 25.04.2018
 
Seit 17:05 Uhr Studio 9

Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.06.2013

Stillstand, der einen vorwärts bringt

Die soziale Skulptur der Künstlerin Yael Bartana in Köln

Von Ulrike Gondorf

Podcast abonnieren
Die Kunstaktion fand vor dem Kölner Dom statt. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Die Kunstaktion fand vor dem Kölner Dom statt. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Nicht bewegen und kein Wort sagen, zwei Minuten lang - das ist für manche gar nicht einfach. Doch die israelische Künstlerin Yael Bartana hat genau das 200 Menschen vor dem Kölner Dom abverlangt. Eine Aktion, mit der sie an den Sinn des Gedenkens erinnern wollte.

Wer auf dem Roncalliplatz stehen bleibt, tut das höchstens, um einen Moment an den steil aufragenden Türmen des Kölner Doms hinaufzuschauen oder sich zu einer der zahllosen Stadtführungen zu versammeln, die dort in allen Sprachen starten.

Heute morgen war der Platz in heftigem Dauerregen ziemlich leer. Die größte Gruppe stand vor dem überdachten Eingang des angrenzenden Römisch-Germanischen Museums. Dort hatte ein Blechbläserchor Aufstellung genommen, und Punkt 11 Uhr gaben die Musiker das Signal für "Zwei Minuten Stillstand".

Die Menschen, unter Schirmen zusammengedrängt oder in Regencapes vermummt, wurden Teilnehmer eines gemeinsamen Moments. Von den Rändern drängten Neugierige hinzu, blieben ebenfalls stehen.

Nachdenken übers Innehalten

Die israelische Künstlerin Yael Bartana hatte diese Aktion für das Theaterfestival "Impulse" konzipiert; in Anlehnung an das Holocaust-Gedenken, das in Israel alljährlich das gesamte öffentliche Leben für zwei Minuten zum Stillstand bringen. Aber bewusst nicht mit einem eng oder ausschließlich definierten Hintergrund, erläutert Impulse-Chef Florian Malzacher:

"Das wollten wir zum Anlass nehmen für ein Projekt, darüber nachzudenken - wie kann Gedenken aktiv funktionieren und wie kann es in die Gegenwart und die Zukunft weisen. Es ist ein offen formuliertes Projekt in dem Sinne, dass jeder für sich herausfinden muss, wessen er gedenkt. Also dass es nicht darum geht, das zu definieren."

Neben dem Roncalliplatz gab es noch einen zweiten Schwerpunkt der Aktion: die Keupstraße in Köln-Mülheim. Dort hat das Nagelbomben-Attentat des NSU stattgefunden.

"Das ist nur eine Möglichkeit gewesen, das gemeinsam zu tun. Ansonsten ist jeder aufgerufen gewesen, das zu tun, wo er will. In Mannheim und Heidelberg sind Straßenbahnen stehen geblieben - es ist eine verzweigte Aktion."

Die Teilnehmer sind beeindruckt

Viele prominente Kölner haben sich dem Projekt unter der Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters angenommen; der erste FC Köln unterbrach beispielsweise sein Training. Sicher hätte die Aktion im Stadtbild noch weitere Kreise gezogen, wenn nicht der Regen die Leute abgehalten oder schnell wieder vertreiben hätte.

Teilnehmerin: "Bei so einem Wetter laufen alle davon und versuchen in einen warmen Winkel zu kommen."

Die Teilnehmer, die auf dem Roncalliplatz aushielten, zeigen sich trotzdem beeindruckt von dem Erlebnis.

Teilnehmerin: "Schon was das in Bewegung gesetzt hat an Diskussionen im vorhinein und jetzt bin ich gespannt, was das weiter in Bewegung setzt. Es sind ja Schulklassen hier gewesen und Leute dazugekommen, die nichts vorher wussten."

Diese inhaltliche Offenheit hat auch Kritiker auf den Plan gerufen, die eine Trivialisierung des Holocaust-Gedenkens befürchten und ihren Protest auf dem Roncalliplatz mit Musik und Gesang unmittelbar nach Ende der Schweigeminuten zum Ausdruck brachten.

Andererseits hat diese Offenheit dem Projekt von Yael Bartana eine Aktualität eingetragen, die Künstlerin und Festival nicht vorhersehen konnten, als das Konzept entstand: Auch für die Protestbewegung in der Türkei hat das stumme Verharren große Symbolkraft gewonnen. Für einige Teilnehmer wurde "Zwei Minuten Stillstand" so auch zu einer Solidaritätsaktion.

Teilnehmerin: "Als ich von dem Projekt gehört hab, dachte ich, das ist interessant. Für mich ging's zunächst um eine Unterbrechung von Abläufen, die uns sicher mal guttut, und dann sah ich diese Bilder von dem Mann in der Türkei auf dem Platz, woraus sich ein stiller, vehementer Protest ergibt, der sich unangreifbar macht. Und natürlich kann man das nicht tun, ohne diese aktuellen Bilder im Kopf zu haben und an diese Proteste in der ganzen Welt zu denken."

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsEs geht immer nur um Gewalt
Auf der Stirn einer Person zwischen den Augenbrauen steht "NO!". (imago / Photocase)

Gewalt in der Kunst in allen Facetten: die "Süddeutsche Zeitung" fahndet nach Brutalem in der Musik, der "Tagesspiegel" betrachtet das Filmgeschäft und es bleibt die Frage, wie sich Gewalt in der Kunst zu realer Gewalt verhält.Mehr

weitere Beiträge

Fazit

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur