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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 28.05.2018

Sterile GesellschaftDie Angst vor der Lebendigkeit

Von Astrid von Friesen

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Ein Rasenmähroboter des Typs Automower 315 der Firma Husqvarna fährt am 03.01.2016 in Hülben (Baden-Württemberg) über eine Wiese. Foto: Sebastian Gollnow/dpa | Verwendung weltweit (dpa)
Der Wunsch nach Perfektion im Garten: ordentlich, sauber und irgendwie leblos. (dpa)

Die deutschen Vorgärten spiegeln den Trend nach Keimfreiheit und Sterilität wider. Es sei eine Abkehr vom kreatürlichen Chaos und ein Gegensatz zu Menschlichkeit und Fehlbarkeit, sagt die Therapeutin und Pädagogin Astrid von Friesen.

Was haben Intimrasur, deutsche Vorgärten und die moderne Reproduktionsmedizin gemeinsam? Der gemeinsame Nenner ist: Sterilität. Der Begriff stammt eigentlich aus der Medizin und meint einen Zustand, der frei von Keimen ist, ebenso wie die weibliche und männliche Unfruchtbarkeit. Im übertragenen Sinne ist es auch eine geistige Unfruchtbarkeit beziehungsweise eine klinisch kühle, kalte oder nüchtern wirkende Haltung.

Haare als Ausdruck des Triebhaften

Hinter der Tendenz, den menschlichen Körper haarlos zu gestalten, versteckt sich der Wunsch nach Keimfreiheit: Intimhaare galten bisher als Erbe aus grauer Vorzeit, als Ausdruck des Triebhaften, Wilden und Animalischen. Im vergangenen Jahrzehnt wurde jedoch der asexuelle, quasi vorpubertäre Kleinmädchenkörper – magersüchtig und haarlos – bevorzugt. Immerhin dürfen bei jungen Männern die Barthaare seit einiger Zeit wieder sprießen.

Verachtung von Sexualität

Und in Japan gibt es seit einigen Jahren das Phänomen, dass junge Frauen bereits zu 50 Prozent und ein Viertel der jungen Männer Sexualität verachten, weil sie ihnen zu unästhetisch und schweißtreibend erscheint. Sie bevorzugen das klinisch reine digitale Sexangebot. Die Statistiker schlagen bereits Alarm, weil sich die Japaner durch diese körperliche und geistige Sterilität selbst abzuschaffen scheinen.

Rückzug in die Selbstisolation

Ihre Distanzwünsche unterstreichen sie zudem durch den oftmals getragenen Mundschutz, durch freiwillige Separation in Frauen- und Männerbars sowie – bei den Hikikomori – durch den jahrzehntelangen Rückzug in die Medienwelt in ihren Kinderzimmer. Die stärkste Selbstisolation, die bisher beobachtet wurde!

Eine andere freiwillige, körperliche Sterilität: Wenn sehr reiche Frauen, die ihren Terminkalender und ihren Körper schonen wollen und aus diesen Gründen eine Schwangerschaft vermeiden, diese sozusagen auslagern und sie stattdessen einer bezahlten Leihmutter zumuten! Und zum Stillen wird dann die traditionelle Nanny engagiert!

Stress der Selbstoptimierung

Was steckt dahinter? Der gesellschaftliche Anpassungszwang "richtig" zu sein, die extremen Hochleistungsbildungsansprüche gerade im asiatischen Raum machen den Stress der Selbstoptimierung deutlich, mit minütlicher Dokumentationspflicht durch Statusmeldungen, Checks und Selfies. Wir leben in Gesellschaften, in denen alles und jeder ständig evaluiert wird, wir haben alle zunehmend kritische Eltern- beziehungsweise Über-Ich-Stimmen im Hinterkopf, die durch mediale Überwachung Perfektion verlangen und damit alles Menschliche, Kreatürliche, Wilde zu nivellieren suchen.

Die dahinter aufkommende, jedoch unbewusste Angst signalisiert: Lieber zurück in die Phase der kindlichen Körper, ins Kinderzimmer zum lebenslangen Spielen, in die Stadtlandschaften voller Ödnis, auch um Risiken zu minimieren, die zum Erwachsenenalter dazu gehören. Doch – natürlich, möchte man sagen – gleichfalls auch Angst machen. Doch die will vermieden, nicht auf einer erwachsenen, diskursiven Ebene bewältigt werden.

Und da der Wunsch nach Perfektion einerseits kalt ist und zudem etliche dem Menschen abgewandte Aspekte birgt, könnte man die körperliche und geistige Sterilität als Gegensatz zur Menschlichkeit, zur Fehlbarkeit, zum kreatürlichen Chaos bezeichnen.

Astrid von Friesen (privat)Astrid von Friesen (privat)Astrid v. Friesen, Diplom-Pädagogin, Lehrerin, Gestalt- , Paar- und Trauma-Therapeutin, Supervisorin für soziale Berufe (Ärzte, Therapeuten, Lehrer usw.) und Eltern, Journalistin und Publizistin (Bücher, Radiobeiträge), unterrichtet an der TU Bergakademie Freiberg. Ihre letzten Bücher: "Schuld sind immer die anderen. Die Nachwehen des Feminismus: Frustrierte Frauen und schweigende Männer", 2006 ; "Ein Erziehungsalphabet: Von A bis Z – 80 pädagogische Begriffe".

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