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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.10.2010

Sterben für den Glauben

Düsseldorfer Rheinoper zeigt Francis Poulencs Märtyreroper "Dialogues des Carmélites"

Von Stefan Keim

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Im Opernhaus Düsseldorf wird "Dialoge der Karmelitinnen" aufgeführt. (Jochen Quast)
Im Opernhaus Düsseldorf wird "Dialoge der Karmelitinnen" aufgeführt. (Jochen Quast)

Die Geschichte ist historisch: 1794, während der Französischen Revolution, gingen 16 Nonnen freiwillig auf das Schafott. Sie lehnten es ab, ihrem Glauben abzuschwören. Francis Poulenc komponierte darüber in den 50er-Jahren eine Oper, "Dialoge der Karmelitinnen".

Mit geschorenen Haaren und in weißen Gewändern stehen sie zusammen und singen. Machtvoll tönt ihr "Salve Regina". Die Karmelitinnen warten auf ihre Hinrichtung. Mitten in den Choral fällt das Beil der Guillotine, gnadenlos, immer wieder. Nach jedem Schlag geht eine Sängerin von der Bühne. Bis am Schluss nur noch Blanche dort steht, die junge Frau, die am Anfang der Oper ins Kloster gekommen war, um ihrer tiefen Lebensangst zu entkommen. Nun hat sie den Sinn ihres Lebens gefunden und die Furcht besiegt. Sie geht mit den anderen in den Märtyrertod.

Das Ende von Francis Poulencs Oper "Dialoge der Karmelitinnen" drückt einem fast die Luft ab. Einige der Nonnen hat man kennengelernt, die lebenslustige junge Constance zum Beispiel oder die fanatisch an den Sinn des Märtyrertums glaubende Mère Marie. In dieser Oper gibt es keine Liebesgeschichte, sondern fast ausschließlich Gespräche über den Tod. Der Titel "Dialoge der Karmelitinnen" klingt unspektakulär, aber das Stück ist spannend wie ein Psychothriller. Es geht um die Angst, die jede Nonne mit sich herumträgt und ihre Überwindung durch den Glauben.

Natürlich ließe sich die Geschichte aktualisieren und auf islamistische Selbstmordattentäterinnen übertragen. Doch Regisseur Guy Joosten lässt sie in einem zeitlos-abstrakten Umfeld spielen, und das ist gut so. Auf einer kargen schwarzweißen Bühne, über der im zweiten Teil die Figur des gekreuzigten Jesus schwebt, entfaltet sich ein intensives Kammerspiel. Von Anfang an beherrscht der Tod alle Gedanken. Die Revolution dringt zwar erst später in die Mauern des Klosters ein, aber gleich zu Beginn ist die alte Priorin sterbenskrank. Die inzwischen 70jährige Sopranistin Anja Silja, die in den 60er-Jahren durch große Wagnerrollen in Bayreuth berühmt wurde, singt diese Frau, die im Todeskampf an Gott zweifelt. Sie hat die Rolle schon oft gesungen und jeden Ton, jeden Gedanken verinnerlicht. Auch wenn die Stimme manchmal kratzt, sind ihre Szenen große Momente, erfüllt von Wahrhaftigkeit.

Den von Axel Kober dirigierten Düsseldorfer Symphonikern fehlen wie so oft Zwischentöne und Präzision. Aber die Sängerinnen sind fantastisch. Neben Anja Silja überzeugen Anett Fritsch als mit heftigen Ängsten kämpfende Blanche und die junge Alma Sadé, die als Constance Leichtigkeit und Fröhlichkeit versprüht. Die sehr ruhige Inszenierung wirkt vor der Pause manchmal wie ein katholisches Exerzitium, gewinnt aber an Dichte und Innenspannung. Die "Dialoge der Karmelitinnen" beschwören alte christliche Werte, die Märtyrerinnen sind eindeutig Heldinnen. Das mag man mögen oder nicht, aber das Stück erzählt intensiv und ernsthaft davon, wie Menschen zu Glaubenskriegern werden. Darin liegt seine aufwühlende, politische Dimension.

Die nächsten Vorstellungen:
28. und 30. Oktober, jeweils 19.30 Uhr
7. November 18.30 Uhr
11. November 19.30 Uhr
14. November 15 Uhr


Zum Thema:
Homepage der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf

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