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Tonart | Beitrag vom 09.03.2017

Stephin MerrittEin Leben in 50 Songs

Von Christoph Reimann

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Sänger Stephin Merrit von der Band "The Magnetic Fields" (Imago)
Sänger Stephin Merrit von der Band "The Magnetic Fields" (Imago)

Mit seiner Band "The Magnetic Fields" und dem Album "69 Lovesongs" (1999) schuf Stephen Merritt einen Klassiker der alternativen Popmusik. Jetzt veröffentlicht er mit "50 Song Memoir" eine Musikerbiografie in Songform, Miniaturen über Hippie-Mütter und Gay-Bars.

"Rock’n’Roll will ruin your life
Rock’n’Roll will ruin your life and make you sad"

Der Rock’n’Roll wird Dein Leben ruinieren. Diesen gut gemeinten Ratschlag, doch etwas anderes zu machen, bekommt Stephin Merritt im Jahr 1979.

"Als ich 14 war, musste ich meiner Mutter hoch und heilig versprechen, bloß kein Profi-Musiker zu werden. Das habe ich auch gemacht. Heute mache ich mit ihr Witze darüber, dass ich so professionell ja auch nicht bin."

Stephin Merritt untertreibt. Klar, unter dem Pseudonym "The Magnetic Fields" und auch mit seinen anderen Projekten verfolgt er eine Lo-Fi-Ästhetik aus Ukulele und billigen Synthesizern. Aber die hat er perfektioniert. Spätestens mit dem Album "69 Love Songs" von 1999, einem Klassiker der alternativen Popmusik.

Für jedes Lebensjahr ein Song

In 69 Songs besingt er darauf die Liebe in all ihren Facetten. Klug, berührend und mit viel trockenem Humor. Mit dem neuen Album "50 Song Memoir" will Merritt daran anknüpfen. Nur dass er jetzt jedem seiner 50 zurückliegenden Lebensjahre einen Song widmet, aufgeteilt auf fünf CDs mit je zehn Songs.

"Meine Mutter hat eine Zeitleiste für die erste Lebenshälfte erstellt, und mein Manager eine für die zweite. Dadurch habe ich erst erfahren, dass ich sechs Monate lang auf Hawaii gelebt habe, 1973, als ich acht war."

Stephin Merritt kommt 1965 auf die Welt. Seine Mutter ist, wie er selbst sagt, ein Hippie und zieht ständig mit ihm von einem Ort zum nächsten. Davon singt Merritt in den Songs auf dem neuen Album, genauso über durchtanzte Nächte im legendären New Yorker Club "Danceteria", über Zwei-Zimmer-WGs mit drei Mitbewohnern, dazu Katze, Hund und Ungeziefer.

Und über seine Lautstärkeempfindlichkeit, wegen der er sich auf der Bühne häufig ein Ohr zuhält, singt er auch. Interessant ist, dass manche eigentlich einschneidenden Erlebnisse nicht auftauchen, zum Beispiel sein Coming-out.

"Das war einfach keine große Sache. Meine Mutter war die Einzige, vor der ich mich outen musste. Ich war 14, wir saßen in einem chinesischen Restaurant, und ich habe mich verplappert. Sie ist dann für ungefähr 30 Sekunden in Tränen ausgebrochen und meinte: Jetzt werde ich nie Enkelkinder haben. Da habe ich gesagt: Hör auf zu heulen, du weißt, dass du eh keine gekriegt hättest. Ich mag keine Kinder."

Wenn Musiker auf ihren Alben besonders viel über sich preisgeben, wird das im englischsprachigen Raum oft als "confessional" bezeichnet, als Beichte. Davon ist Stephin Merritt aber weit entfernt. Zum einen, weil er nicht den Eindruck macht, sich für irgendetwas zu schämen. Zum anderen, weil er doch nur so viel von sich erzählt, wie er möchte.

Erst mit Mitte 30 nimmt er Kontakt zu seinem Vater auf. "No need for fathers", singt er im entsprechenden Song, und es zerreißt einem das Herz. Aber wenn man ihn fragt, weshalb es bis zum Kennernlernen so lange gedauert hat, sagt er nur:

"I think I should keep this private."

"50 Song Memoir" ist eine Musikerbiografie in Songform, die trotz zweieinhalb Stunden Spielzeit kaum Längen hat. Leider sind die Lieder nicht so weise, nicht so allgemeingültig wie auf "69 Love Songs". Man muss sich schon für Merritt interessieren, sich auf seine trockenen und nicht immer stringenten Beschreibungen einlassen.

Von Abba gelernt

Aber musikalisch sind die Songs dem Klassikeralbum absolut ebenbürtig. Entstanden sind viele der Stücke nach bewährtem Vorgehen: in den Gay Bars, die Merrit besucht.

"Beim Songschreiben sitze ich nicht an einem Instrument, weil ich glaube, dass man sich sonst schnell wiederholt. Wenn man stattdessen dabei nur einen Stift in der Hand hat, steht einem die ganze Welt offen. Aber meine Musik schreibe ich nie auf. Ich halte mich an das, was ich von Abba gelernt habe: Wenn dir die Melodie nicht im Kopf bleibt, wird sie auch anderen nicht im Kopf bleiben."

Sagt Stephin Merritt über "50 Song Memoir", sein neues Album unter dem Pseudonym The Magnetic Fields, ab morgen ist es zu haben. Und weil so viele seiner Songs in Bars entstehen, hat er den Kneipen dieser Welt natürlich auch einen Song gewidmet. "Be true to your bar".

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