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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.11.2016

Stephenie Meyer: "The Chemist - Die Spezialistin"Action, Nervenkitzel, Gefühlskino

Von Kolja Mensing

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Die Schriftstellerin Stephenie Meyer bei einem Auftritt in Madrid am 4. März 2013 (dpa / picture alliance / EFE / J.J. Guillen)
Die Schriftstellerin Stephenie Meyer bei einem Auftritt in Madrid am 4. März 2013 (dpa / picture alliance / EFE / J.J. Guillen)

Verstand trifft auf Gefühl, das kennt man aus den Liebesromanen des 19. Jahrhunderts: "Die Spezialistin" von Stephenie Meyer erzählt von einer unmöglichen Liaison zwischen einem sensiblen, emotional aufgeschlossenen Mann und einer analytisch denkenden Frau, die mit dem Konzept "Liebe" nichts anfangen kann.

Juliana Fortis ist auf der Flucht. Sie hat als Verhörspezialistin für eine geheime Regierungsbehörde gearbeitet und weiß zu viel über die schmutzigen Anti-Terror-Einsätze der USA. Dann wird sie von einem Tag auf den anderen plötzlich rehabilitiert: Sie soll einen Terroristen verhören, der einen tödlichen Grippevirus in Umlauf setzen will. Juliana Fortis zögert nicht lange. Sie packt eine Handvoll Chemikalien und einen Satz Einweg-Spritzen ein, und dann macht sie sich in einem zu einem Labor umgerüsteten Bauernhaus in West Virginia an die Arbeit. Endlich darf sie wieder das tun, was sie am besten kann: einem Menschen unvorstellbare Schmerzen zufügen.

Auf den ersten Blick hat Stephenie Meyer mit ihrem neuen Roman das Fach gewechselt."Die Spezialistin" – im Original "The Chemist" –  beginnt als knallharter Thriller. Bekannt geworden war Meyer vor zehn Jahren mit ihrem Debüt "Bis(s) zum Morgengrauen" – und der darauf folgenden Serie von vier Romanen rund um die Teenagerin Bella, die sich in einen Vampir verliebt. Die "Bis(s)"-Saga zielte mit ihrer Mischung aus Herzschmerz, High School und Horror auf eine jüngere Leserschaft und wurde zu einem der größten All-Age-Erfolge der vergangenen Jahre: Weltweit sollen die Romane sich 155 Millionen mal verkauft haben, 11 Millionen Stück davon in Deutschland. Und jetzt: ein Neustart mit Verfolgungsjagden und Folterszenen?

Ganz so einfach ist es nicht. Stephenie Meyer kombiniert wieder zwei Genres. Die Thriller-Handlung sorgt in ihrem neuen Roman für Action und Nervenkitzel, parallel dazu gibt aber wieder ganz großes Gefühlskino. Das Verhör, dass die "Spezialistin" durchführen soll, ist eine Falle – und der angebliche Terrorist ein unschuldiger und extrem gutaussehender Lehrer namens Daniel. Während Juliana und er immer weiter in eine Verschwörungsgeschichte rund um Biowaffen und verdeckte Anti-Terror-Einsätze hineingezogen werden, verlieben sie sich ineinander.

Zum ersten Mal miteinander schlafen dürfen sie nach rund 400 Seiten, Bella und ihr Vampir Edward mussten darauf bekanntlich ganze drei Bände warten. Ansonsten ist das romantische Grundmuster allerdings ähnlich: "Die Spezialistin" erzählt von einer unmöglichen Liaison, in diesem Fall zwischen einem sensiblen, emotional aufgeschlossenen Mann und einer analytisch denkenden Frau, die mit dem Konzept "Liebe" nichts anfangen kann: "Ich beurteile alles auf Grundlage von Bedarf und Bedürfnissen. Der Rest ist für mich ... Wischiwaschi".

Verstand trifft auf Gefühl, Jane Austen auf Jason Bourne: Stephenie Meyer schließt ihren Thriller nahtlos an den englischen Liebesroman des 19. Jahrhunderts an, was gelegentlich zu unfreiwilliger Komik führt, wenn Juliana und Daniel zum Beispiel Hand in Hand in ein Feuergefecht ziehen, nur um kurz darauf auf dem Rücksitz eines Humvees einen akademischen Diskurs über "sense" und "sensibility" zu führen.

Am Ende ist es allerdings vermutlich genau diese pragmatische Montagetechnik, die Stephenie Meyer zu einer der derzeit erfolgreichsten Autorinnen der Welt macht: "Die Spezialistin" ist aus Bauteilen zusammengesetzt, die extrem unterschiedlich sind, einem gleichzeitig aber alle vertraut vorkommen, bishin in einzelne Bilder hinein. Wenn Juliana Fortis sich aus einem fahrenden Auto wirft, versucht sie "die Bewegung nachzuahmen, die sie bereits hundertmal im Film gesehen hat". Auf gewisse Art ist das beruhigend:  "Neu" ist an dem "neuen Roman" von Stephenie Meyer eigentlich gar nichts.

Stephenie Meyer: "The Chemist - Die Spezialistin"
Aus dem Amerikanischen von Andrea Fischer und Marieke Heimburger
S. Fischer, Frankfurt am Main 2016
624 Seiten, 22,99 Euro

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