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Sonntag, 19.11.2017

Tonart | Beitrag vom 02.11.2017

Stephan Eicher vertont Suter-TexteHeimatsongs der anderen Art

Von Olga Hochweis

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(Vera Hartmann)
Der Autor Martin Suter und der Musiker Stephan Eicher (Vera Hartmann)

Einsamkeit ist ein wiederkehrendes Motiv auf "Songbook", der Platte von Schriftsteller Martin Suter und Musiker Stephan Eicher. Die gemeinsame Sprache der Kindheit – das Berndeutsch – ist nicht das einzige, was die beiden Künstler verbindet.

Martin Suter und Stephan Eicher sitzen vor dem Café Balistar und beobachten die Passanten. Sie haben beschlossen, dass es nicht zu kühl ist zum Draussensitzen, und weigern sich, die Decken zu benutzen, die über den Lehnen der Bistrostühle hängen. In Decken gehüllt vor einem Café zu sitzen ist ihnen dann doch zu schweizerisch.

Aber draußen sieht man die Passanten besser. Passanten zu beobachten ist eine gute Inspirationsmethode, wenn einem eventuell einmal nichts einfällt. Bei Suter und Eicher natürlich ein seltenes Phänomen.

Pure Selbstironie kennzeichnet Martin Suters Geschichten über seine "Zusammenarbeit" mit Stephan Eicher. Es sind ausgedachte Anekdoten darüber, wie die beiden gemeinsam gute Lokale aufsuchen oder beim Monopoly-Spiel auf teuren Zürcher Straßen Hotels bauen, Kühe auf der Alm betrachten oder im Nebel auf Schweizer Bergen unterwegs sind. Lustige Schweiz-Klischees im scharfen Kontrast zur feierlichen Intimität der Musik:

"Lieder, die manchmal doch sehr melancholisch sind, und manchmal auch was  sehr Tragisches haben, daß da eine Leichtigkeit reinkommt, die bei Martin Suter und bei mir auch vorhanden ist. Es hat ein bisschen Zucker im Kaffee, dass der besser runtergeht…"

Zwei Schweizer mit der Gabe des Augenblicks

Stephan Eicher selbst hat literweise Kaffee getrunken während der Vertonungen der Songtexte von Martin Suter. Die beiden kennen sich seit mehr als einem Jahrzehnt, haben nach zwei, drei gemeinsamen Songs schnell Feuer gefangen für mehr: ein ganzes Album.

Die Legendenbildung über ihre angeblich intensiv gepflegte Freundschaft, etwa beim Kristalle-Sammeln in den Bergen, spielen sie auch bei öffentlichen Auftritten weiter, nach dem Motto "Die Leute wollen Geschichten hören."

Und doch gibt es tatsächliche Gemeinsamkeiten. Beide sind Schweizer mit der Gabe des Außenblicks: Suter hat lange Zeit in Guatemala und auf Ibiza gelebt. Stephan Eicher - Sohn einer Jenischen-Familie – ist nach Aufenthalten in Paris und in Brüssel seit zwölf Jahren in der Camargue zu Hause.

In allen möglichen Sprachen hat er schon gesungen, den berühmten "Eisbär" mit seiner New Wave-Punk-Band Grauzone damals 1981 sogar im verpönten Hochdeutsch.

"Um das Schweizer Publikum zu ärgern. Das machte man sicher nicht: hochdeutsch. Wir haben den Zweiten Weltkrieg nicht begonnen (lacht)…"

Sprache als emotionaler Rückzugsort

"Songbook" wird den Schweizern wieder Freude machen: Es ist gänzlich in Mundart, genauer im Berndeutsch verfasst – der Sprache, mit der sowohl Suter als auch Eicher aufgewachsen sind. All die Jahre ist es beiden ein geistiger und emotionaler Rückzugsort geblieben:  

"Es ist so ein geheimer Garten, der weitergewuchtert hat, aber da wurde keine Autobahn gebaut durch diese Sprache in meinem Verständnis. Das ist so ein verwunschenes Häuschen irgendwo in einem Garten, der weiter gewuchtert hat all die Jahre in mir, da hat‘s keinen Flugplatz gegeben, keinen U-Bahn-Anschluss – der ist einfach so geblieben. Ein Ende-der-Kindheit-Ort."

Eine nachdenkliche Rückschau

Ein Herbst-Album ist das geworden. Einsamkeit ist ein wiederkehrendes Motiv. Die nachdenkliche Rückschau, Trennung, Versöhnung, gemeinsam alt werden, Vertrauen wagen.

Die Intimität in Suters Lyrik spiegelt sich akustisch: Nah am Mikrofon, flüsternd, fast sprechend zelebriert Stephan Eicher den kehligen Guttural-Sound des Berndeutsch, das ihn beim Singen eine Oktave tiefer führt als in anderen Sprachen. Eingebettet ist seine Stimme in eine heimelige, aber auch luftige Decke aus Gitarren, Streichquartett, Piano, oder auch mal eines Banjos.

Gleich zwei Produzenten (keine Schweizer wohlgemerkt!) – ein Niederländer und ein Kanadier – haben fast gegensätzliche Akzente gesetzt:

"Das Farbige, das Grandiose, das Ausladende ist von Reyn Oudehand. Und das Konzentrierte, ein bisschen Protestantische ist von Martin Gallop."

Und manchmal gibt‘s beides zusammen im selben Song: das Grandiose und das Protestantische. Ganz so wie die Schweiz selbst das auch vereint …

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