Sonntag, 21.01.2018

Lesart / Archiv | Beitrag vom 22.07.2017

Steffen Schroeder: "Was alles in einem Menschen sein kann"Ein TV-Kommissar als ehrenamtlicher Vollzugshelfer

Steffen Schroeder im Gespräch mit Florian Felix Weyh

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Der Schauspieler Steffen Schroeder (Deutschlandradio - Andreas Buron)
Der Schauspieler Steffen Schroeder ("SOKO Leipzig") ist ehrenamtlicher Vollzugshelfer. (Deutschlandradio - Andreas Buron)

Micha ist 38, war früher Neonazi und sitzt seit mehr als 17 Jahren wegen Mordes im Gefängnis. Sein Kontakt zur Außenwelt ist inzwischen zusammengeschrumpft auf eine Person: seinen Vollzugshelfer. Und der ist kein Geringerer als ein TV-Kommissar.

Seit 2013 betreut der Schauspieler Steffen Schroeder, bekannt als Kommissar Kowalski aus der ZDF-Serie SOKO Leipzig, als ehrenamtlicher Vollzugshelfer einen Häftling: Micha, 38 Jahre alt, Mörder und ehemaliger Neonazi. Zu lebenslanger Haft verurteilt sitzt Micha inzwischen seit mehr als 17 Jahren im Gefängnis.

"Ich bin da so ein bisschen reingeschlittert", sagte Schroeder im Deutschlandfunk Kultur über sein Engagement. "Ich bin ja nebenher noch Botschafter beim Weißen Ring, der Opferorganisation, und irgendwann wollte ich mich mal auf der Täterseite umsehen, sprich: in der Straffälligenhilfe, und darüber bin ich auf dieses etwas ungewöhnliche Ehrenamt gekommen."

Er besuche Micha alle zwei bis drei Wochen, so der Schauspieler. Dieser habe inzwischen so gut wie keinen Kontakt mehr zur Außenwelt. Insofern habe er, Schroeder, als Vollzugshelfer eine große Verantwortung. "Und es ist auch manchmal eine Belastung, wo man sich wünscht, da wären noch andere. Es ist eben ein sehr ungleiches Verhältnis, wenn man so der einzige Mensch im Leben des anderen ist. Aber man kann das nur abwarten und gucken, was dann ist. So versuche ich das jedenfalls zu handhaben."

Lebenslänglich sind meist mehr als 15 Jahre

In seinem Buch "Was alles in einem Menschen sein kann" beschreibt Schroeder Michas Geschichte: Dieser habe einen extrem gewalttätigen Vater gehabt und sei selbst schon sehr früh durch Gewaltdelikte aufgefallen. "Er ist schon als Jugendlicher zweimal inhaftiert worden für jeweils zwei Jahre, ist also quasi im Knast auch letzten Endes sozialisiert, was die Sache, denke ich, auch besonders schwierig macht."

Ob Micha jemals eine zweite Chance bekommen wird? Steffen Schroeder weiß es nicht: "Die Schwierigkeit bei lebenslänglich ist, dass die meisten Menschen denken, das würde mehr oder weniger 15 Jahre bedeuten und dann kommt man raus, wenn man sich nicht völlig danebenbenimmt. Das entspricht nicht der Realität. Man kann nach 15 Jahren erstmals begnadigt werden, es sind aber die aller-, allerwenigsten, die nach 15 Jahren wirklich rauskommen. Der Durchschnitt liegt in Deutschland so bei um die 20 Jahre. Ich kenne Häftlinge in Tegel, die sitzen da seit 39 Jahren."

Steffen Schroeder: "Was alles in einem Menschen sein kann"
Verlag Rowohlt Berlin 2017
304 Seiten, 16,99 Euro

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