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Nachspiel | Beitrag vom 16.07.2017

SportunterrichtWie Kinder Niederlagen und Demütigungen verarbeiten

Von Paul Vorreiter

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Staffellauf - Sportunterricht einer dritten Klasse der 28. Grundschule "Johann Strauß" in Berlin-Marzahn. (picture alliance / dpa / Miguel Villagran  )
(picture alliance / dpa / Miguel Villagran )

Für viele Kinder bedeutet der Sportunterricht permanente Demütigung. Auch unser Autor befürchtete immer, als letzter übrig zu bleiben, wenn Mannschaften gewählt wurden. Mit der Sportwissenschaftlerin Inga Reimann-Pöhlsen hat er darüber gesprochen, wie Kinder Niederlagen im Sportunterricht verarbeiten.

Lehrer: "So, Jungs. Wir wählen. Team 1. Martin, du suchst aus!"

Martin: "Ok, ich nehm' Jonas!"

Lehrer: "Team 2! Ähhm, Sebastian, du darfst aufrufen!"

Sebastian: "Ok…Tom!"

Lehrer: "Team 1 jetzt wieder!"

Martin: "Hannes!"

Sebastian: "Ääääh…Thorsten!"

Nur nicht Letzter sein!

Nein, nicht schon wieder: Sportunterricht in der Schule. Ich sitze auf einer langen Holzbank am Rande der Turnhalle. Es muffelt nach Axe-Deo aus der Umkleide und im Licht der Sonne werden die Turnmattten heiß, die den Geruch von altem Leder in der Halle zirkulieren lassen. Noch 45 Minuten bis zur Pause und auf dem Programm steht: Fußball. Und ich warte, bis mich jemand ins Team wählt. Es fallen viele Namen: Jens, Patrick, Simon, aber ganz lange kein Paul. Das hat einen Grund. Weil ich schlecht spiele. Und Woche für Woche habe ich im Unterricht nur einen Gedanken. Erspart mir diesen Moment! Ich will nicht als Letzter ins Team geholt werden.

Martin: "Ok, äääh…Paul!"

Nochmal gut gegangen. Es ist noch einer auf der Bank übrig geblieben und das bin nicht ich!

Inga Reimann-Pöhlsen ist Sportwissenschaftlerin und hat ein Buch über Niederlagen im Sportunterricht geschrieben. Sie hat Interviews mit Kindern ausgewertet, die erzählten, wie sie damit umgegangen sind, wenn im Sportunterricht mal was schief gelaufen ist: Also das eigene Team verlor, sie sich ungerecht vom Lehrer behandelt fühlten, einer Niederlage aus dem Weg gehen wollten, so wie ich.

Im Team nur geduldet

Frau Reimann-Pöhlsen, ich hatte immer Angst vor dem Moment, als die Teams gewählt werden. Die Vorstellung, Letzter zu sein hieß für mich: Du bist der schlechteste hier und das kratzte ganz schön am Ego und kam auch beim Schwarm schlecht an. Welche Niederlagen können Kinder und Jugendliche noch im Sportunterreicht erleben?

"Viele Sechs- bis Zehnjährige haben sich in der gleichen Weise wie Sie zu dem Thema geäußert. Sie sind dann bereits vor Spielbeginn traurig und fühlen sich im Team eigentlich auch nur geduldet. Manchmal sind das dann aber auch die Schuldzuweisungen der eigenen Teamkollegen, die weh tun, selbst wenn die Niederlage an sich ganz gut verkraftet wurde."

Als dann das Spiel begann, bin ich immer dort ins Feld gelaufen, wo der Ball gerade nicht war. Denn, klar: Wer so gut wie nie parieren muss, der stellt sein Unvermögen auch nicht unter Beweis, und wer nie sieht, dass ich schlecht spiele, wählt mich beim nächsten Mal auch nicht als Letzten ins Team. War das eine gute Strategie, Frau Reimann-Pöhlsen?

"Also, wenn ich hier mal vorsichtig etwas Positives heraushöre, dann, dass Sie sich nicht aufgegeben haben. Also, Sie haben eine erfolgreiche Strategie gesucht, um das Leid zu lindern, aber im Grundschulsport geht es vielen so, wie es Ihnen hier ergangen ist. Jetzt muss ich aber dazu sagen, dass die Kinder sich in dem Alter im Prozess des Heranwachsens und Reifens befinden. Und da werden in der Regel unterschiedlichste Strategien ausprobiert, verworfen und auch neu kreiert, bevor so der passende Weg entdeckt wird."

Das Verarbeiten von Niederlagen sollte Teil des Unterrichts sein

"Wenn sie verloren haben, dann verlassen sie das Spielfeld, um erstmal innerlich zur Ruhe zu kommen. Einige Kinder werden aggressiv, sie toben laut rum und schimpfen, was allerdings auch mehr ein Mechanismus ist, denn kurze Zeit später, wenn sie sich beruhigt haben, dann sind sie auch wieder ansprechbar. Sie wollen eigentlich auch nur, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt, dass sie ihre psychischen Grundbedürfnisse nach Anerkennung, nach Freunden, nach Ordnung, nach Spaß und nach Selbstwerterhalt, dass die erfüllt werden."

Jetzt sind ja Kinder und Jugendliche nicht die Einzigen, die in der Turnhalle auf der Matte stehen. Was könnten eigentlich die Lehrer tun, damit die Kinder Spaß am Sport entwickeln?

"Ein Punkt ist, dass das Verarbeiten von Niederlagen genauso im Sportunterricht integriert werden sollte wie kleine Übungsreihen zum Erlernen eines Spiels. Dieses Thema ist meines Erachtens bisher nicht ausreichend beachtet worden, das heißt nicht in der Literatur beschrieben worden oder in der Lehrerfortbildung oder in den Studiengängen behandelt." 

Ich habe es mir schon so gedacht. Der Lehrer ist schuld. Wenn er besser ausgebildet gewesen wäre, dann wäre ich schon in der Jugend vielleicht sportlich gewesen. Nein… Ach, ich glaube, ich will es mir schon wieder leicht machen und mich drücken. Nein, ich habe dazugelernt: Mit Niederlagen kann man auch positiv umgehen.

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