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Nachspiel | Beitrag vom 06.08.2017

Sportpferde nach dem KarriereendeGnadenhof oder Luxusstall?

Von Kirsten Lemke

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Eine Frau streichelt ein Pferd. (Kirsten Lemke)
Was geschieht mit Sportpferden, wenn ihre Laufbahn beendet ist? - "Dann hat man es einfach lieb." (Kirsten Lemke)

Irgendwann kommt für jeden Sportler das Ende seiner Karriere, manchmal mit viel Ruhm als gefeierter Star, manchmal ganz unbeachtet und manchmal auch vorzeitig, weil der Körper der Belastung nicht mehr standhält. Das ist auch bei Sportpferden nicht anders.

"Und hier ist er, meine Damen und Herren, FRH Butts Abraxxas mit der Reitmeisterin und Mannschafts-Olympiasiegerin Ingrid Klimke in Begleitung ihrer Tochter Greta und der unentbehrlichen Pflegerin Carmen Thiemann – hier kommt er!"

Abschied von FRH Butts Abraxxas, kurz Braxxi. Mit dem Vielseitigkeitspferd wurde Ingrid Klimke zusammen mit der Mannschaft Europameisterin und zweimal Olympiasiegerin. Im Juni 2014 verabschiedete sie Braxxi beim Turnier in Luhmühlen feierlich aus dem großen Sport. Damals war der kleine Schwarzbraune 17 Jahre alt und frisch wie eh und je. Seine Reiterin schwärmt noch heute von der letzten großen Prüfung mit ihm, einige Monate zuvor im englischen Burghley:

"Das war für mich damals der schwerste Kurs, den ich jemals geritten bin, und beim ersten Mal abgehen kamen mir die Hindernisse so gewaltig vor, dass ich dachte, der kleine Braxxi, ob der das wohl schafft – manche Hindernisse waren so hoch und breit, da hätte ich ihn reinstellen können und die anderen drüber springen lassen, das waren gewaltige Abmessungen – Und dann ist Braxxi wirklich geflogen, der ist galoppiert, so schnell wie er konnte, der ist so hoch und weit gesprungen und war unglaublich clever. Und hat wirklich jedes Hindernis gemeistert. Als er ins ziel kam, war mir irgendwie klar, das war das Größte was er bis jetzt  geleistet hat. Und man soll ja immer dann Schluss machen, wenn man das Gefühl hat, jetzt ist er auf seinem Höhepunkt angekommen. Und dann war so mein erster Gedanke: das war glaub ich jetzt wirklich unser letzter Ritt." 

Der letzte Ritt auf internationalem Parkett. Aber für Braxxi bedeutete das noch lange nicht das Altenteil, sondern den Beginn seiner zweiten Karriere, diesmal mit Ingrid Klimkes heute 13jähriger Tocher Greta:

"Das Gute war, dass Greta eben sehr viel Spaß hat mit den Pferden und ihn auch mitgeritten hat und ich im Hinterkopf hatte, irgendwann kann er mal als Lehrpferd für Greta natürlich stark sein; als Professor ihr gute Tipps geben, und das war auch der Grund, warum ich gedacht hab, lieber jetzt aufhören."  

Ingrid Klimke und das Turnierpferd „Braxxi“ auf der Koppel. (Kirsten Lemke)Ingrid Klimke besucht ihren „Braxxi“ auf der Koppel: das hochbetagte Turnierpferd gehört für sie zur Familie. (Kirsten Lemke)

Suche nach neuer Berufung für die Pferde

Inzwischen hat Greta mit Braxxi viele Turnier-Platzierungen im Springen, in der Dressur und in der Vielseitigkeit bis zur Klasse L, der leichten Klasse, erritten. Da könnte man denken: kein Wunder, wenn das Kind mit Mutters Olympiapferd erfolgreich ist. Aber so einfach war das für Greta nicht – auch ein Olympiasieger will geritten werden, erzählt Ingrid Klimke:

"Ich hab immer noch das erste Geländetraining in Erinnerung. Da waren wir mit vielen anderen Ponies und Pferden auf dem Platz. Meine Mutter war dabei, und ich hatte schon gedacht, Braxxi ist ganz schön kernig, aber der wird sich ja wohl zusammen reißen, und auf einmal sauste ein schwarzer Blitz Runde um Runde um den Platz und wurde immer schneller, dass meine Mutter nur rief: Ingrid, jetzt mach doch irgendwas, und ich sagte: was soll ich jetzt machen, ich kann ihn auch nicht bremsen. Greta hat aber nicht geschrieen, erst hinterher geweint vor Schreck, aber ist alles gut gegangen."  

Besuch bei Braxxi auf der Koppel. Wie alle Pferde im Turnierstall von Ingrid Klimke in Münster kommt er täglich ins Freie; außerdem wird er regelmäßig geritten: Greta trainiert mit ihm, und ihre Mutter reitet manchmal mit ihm aus, ohne Sattel und Trense, nur mit einem Halsring. Auf Turnieren soll Braxxi jetzt mit 19 Jahren nicht mehr starten. Bleiben darf er trotzdem, auch dann, wenn er eines Tages gar nicht mehr geritten werden kann.

"Ich hab ja einen Turnierstall und kann leider nicht alle Pferde behalten, aber einen behalt ich eigentlich immer, und Braxxi wird derjenige sein, weil er einfach zur Familie gehört, dass wir ihn auf jeden Fall so lange, wie es geht bei uns behalten, aber ich kann mir auch vorstellen, ihn irgendwann später mal in eine Herde zu geben, in der er vielleicht im Offenstall mit vielen anderen Pferden zusammen ist, aber das wird er uns schon sagen, was er so gerne möchte."   

Ingrid Klimke ist nicht nur eine der besten deutschen Vielseitigkeits-Reiterinnen, sondern – wie ihr berühmter Vater Reiner Klimke – auch im Dressursattel erfolgreich. Letztes Jahr musste sie das Dressurpferd Dresden Mann verletzungsbedingt aus dem Sport verabschieden – mit nur elf Jahren. Sie selbst hatte ihn bis zur höchsten Klasse, dem Grand Prix, ausgebildet. Jetzt fühlt sie sich dafür verantwortlich, dass es ihm weiterhin gut geht:

"Eigentlich liegt mir das immer sehr am Herzen, dass die Pferde dann wieder eine neue Berufung haben – jemanden haben, der sie wirklich richtig pflegt, oder für den sie noch was Gutes tun können und dass sie sich einfach wohl fühlen." 

Manche Pferde haben Kleinigeiten, etwa einen Zungenfehler

Aber das kostet natürlich Geld. Egal ob das Pferd geritten werden kann oder nicht: es frisst, es braucht einen Tierarzt, einen Hufschmied, jemanden, der sich kümmert. Es ist also im Unterhalt keineswegs billiger als ein erfolgreiches Turnierpferd.

"Die Besitzer haben ihn als Fohlen gekauft, über Jahre in die Ausbildung investiert, und jetzt muss man sich vorstellen, dass er ja nochmal doppelt so lange irgendwo mit Tierarzt, Schmied und allem versorgt werden muss, von daher suchen wir da eine Lösung oder haben eine Frau gefunden, die sich um ihn kümmert, und wenn sie ihn später mal reiten kann, dass sie ein bisschen Spaß dran hat, dann hat er da auch wieder eine neue Aufgabe."

Denn wegen seiner Knieverletzung ist Dresden Mann zwar nicht mehr voll belastbar, aber als hervorragend ausgebildetes Pferd kann er einem weniger ambitionierten Reiter weiterhin viel Freude bereiten.

 "Das ist unser Alf – Alf ist 15 Jahre alt…als Parcourpferd eingesetzt."

Wenige Kilometer vom Turnierstall Klimke entfernt befindet sich die Westfälische Reit- und Fahrschule. Ihr Leiter Jörg Jacobs stellt die Schulpferde vor. 42 sind es zur Zeit, das älteste ist 24 Jahre alt. Die meisten haben schon eine Karriere als Turnierpferd hinter sich, wenn sie in die Reitschule kommen. Und oft sind es Pferde mit kleinen Mängeln:

"Wir bekommen zum Beispiel manchmal auch Pferde rein, die so Kleinigkeiten haben, einen leichten Zungenfehler, was natürlich in der Prüfung nicht gern gesehen wird, aber ich denke, wenn man die Ursachen dafür kennt, wir damit gut umgehen können, die dann natürlich super Lehrmeister sind für Nachwuchsreiter und ihre guten Erfahrungen aus dem Turniersport in den Lektionen, im Parcours weitergeben können."

Alf zum Beispiel verweigerte auf dem Turnier die Arbeit, sobald er die Startglocke hörte. Zuhause gibt es keine Glocke, und da springt er dann auch…

 "Das ist Paros, 21 Jahre alt, auch Springpferd…"

21 Jahre, das ist schon ein beachtliches Alter für ein Reitpferd. Mit dem  Turniersport hören die meisten schon viel früher auf. Nach der neuesten Statistik der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, dem Dachverband des Pferdesports, waren im vergangenen Jahr neun Prozent der registrierten Turnierpferde 16 Jahre und älter und nur knapp zwei Prozent 20 und darüber, also die absolute Ausnahme. Jörg Jacobs:

"Ich finds auch immer sehr wichtig, dass gerade die Pferde, die aus dem Sport rauskommen, anschließend mental eine Aufgabe haben. Das kennt man ja auch so aus dem menschlichen Bereich, wenn einer sein Leben lang seinen Job gemacht hat und er geht von heute auf morgen in Rente, dann ist so das Hauptproblem, dass ihm vom Kopf her eine Aufgabe fehlt."

In der Westfälischen Reit- und Fahrschule werden nicht nur Amateure, sondern auch Profis ausgebildet, zum Beispiel Pferdewirtschaftsmeister, die für die Abschlussprüfung gut ausgebildete und erfahrene Pferde brauchen. Unterrichtet werden alle drei Disziplinen, so dass die Pferde abwechslungsreich eingesetzt werden - mal im Dressurviereck, mal im Parcours, mal im Gelände. Außerdem kommen sie täglich in Gruppen auf die Weide.  Das hält sie fitt ! Aber irgendwann sind sie für den Schulbetrieb zu alt. Auch dann sieht die Westfälische Reit- und Fahrschule sich weiter in der Verantwortung. Sie sucht für jedes Pferd eine individuelle Lösung – zum Beispiel als Pflegepferd für Kinder oder Jugendliche. Aber ganz aus der Hand gegeben werden die ehemaligen Schulpferde nicht. Das regelt ein Vertrag:

"Wir haben immer noch die Oberhand über die Pferde, selbst wenn sie verkauft werden, wir möchten aber nach wie vor bestimmen können, wenn das Pferd mal irgendeinen Schritt egal in welche Richtung weitergeht. Die Pferde die vielleicht dann auch krankheitsbedingt so weit sind, dass sie nicht mehr geritten werden können, kommen dann aber irgendwo auf ihre Weideplätze."

Manche Reiter fühlen sich jahrelang verantwortlich

Isabell Werth (v.l.n.r.) mit ihren ehemaligen Teamkollegen Jessica von Bredow-Werndl, Matthias Alexander Rath und Kristina Bröring-Sprehe. (Uwe Anspach, dpa picture-alliance)Die ehemalige Olympiasiegerin Isabell Werth (ganz links) gehört zu den Reiterinnen, die sich auch später um ihr Pferd kümmern. (Uwe Anspach, dpa picture-alliance)

Auch viele Spitzenreiter übernehmen Verantwortung für ihre ehemaligen Erfolgspferde. Die Springreiterin Janne-Friederike Meyer war mit ihrem Lambrasco, liebevoll Mops genannt, Mannschafts-Welt- und –Europa-Meisterin. Jetzt erzählt sie über ihn wörtlich: "Mops genießt zusammen mit meinem ersten Erfolgs-Pferd Callistro das Rentnerleben auf dem Hof meiner Eltern. Er war schon immer sehr fressbegeistert und schlägt sich auf den schönen Weiden genüsslich den Bauch voll."  

Dressurreiterin Isabell Werth behält alle ehemaligen Pferde bis zu ihrem Tod bei sich, das ist für sie eine Selbstverständlichkeit. Sie sagt: "Die Pferde haben dazu beigetragen, dass ich da bin, wo ich bin". Der berühmte Gigolo hat zum Beispiel noch zehn Jahre lang sein Rentnerdasein genossen, bevor er wegen einer Verletzung im Alter von 26 Jahren eingeschläfert werden musste.

Nicht alle Reiter fühlen sich für ihre Pferde verantwortlich, wenn die keine Leistung mehr erbringen können. Das beobachtet  Esther Müller vom Deutschen Tierschutzbund:

"Die wirklich persönliche Bindung zum Partner Pferd kann man öfter vermissen im Reitsport. Die wirklich persönliche Bindung zum Partner wird oft verwechselt mit dem Sportgerät, und wenn das nicht mehr funktioniert, dann muss das weg, dann muss einfach ein neues her."

Was dann aber mit dem ausgedienten Tier geschieht, darüber machen sich viele Menschen keine Gedanken, wenn sie ein Pferd kaufen, meint  Esther Müller:

"Was natürlich oft der Fall ist, dass die Leute nicht im Blick gehabt haben, es kann ja 30 Jahre alt werden. Und dann ist der mit 10 nicht mehr leistungsfähig oder hatte eine Verletzung oder oder – wenn das Pferd Glück hat, geht es noch mal als Lehrpferd irgendwo anders hin oder wird neu vermittelt und hat dann eine schöne Zeit."    

Stuten können bei guter Veranlagung noch eine Weile für die Zucht genutzt werden. Ein Pferd, das für den Reitsport nicht mehr fitt genug ist, kann vielleicht vor der Kutsche gehen. Es gibt also verschiedene  Möglichkeiten, aber man muss sich darum kümmern, etwas Passendes zu finden. Dazu haben manche Pferdebesitzer offenbar keine Lust:

"Leute, die sichs einfach machen wollen, rufen den Pferdehändler an, der fragt nicht groß. Den rufen sie an, und der holt das Pferd am nächsten Tag ab. Das sind Fälle, wo wir  hören,  dass ein Pferd bei dem Händler war und bei dem Händler, dann sind sie vermittelt worden und wieder zurück und und und – und das geht zum Teil über Jahre bis sie dann, wenn sie Glück haben, doch mal in guten Händen landen."  

Tierarzt darf nur unter bestimmten Voraussetzungen töten

Oder sie kommen auf einen der vielen Gnadenhöfe, die von Tierschutzvereinen und anderen gemeinnützigen Einrichtungen mit Spenden und Mitgliedsbeiträgen unterhalten werden. Für die Pferde allemal besser, als einfach nur weggestellt zu werden, sagt Esther Müller vom Tierschutzbund:

"Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Pferde, die einfach nur auf die Wiese gestellt werden, weggestellt werden, extrem schnell altern, weil ihnen die Beschäftigung einfach fehlt, und leider oft die Leute sich überhaupt nicht mehr dafür interessieren. Die sind dann irgendwo untergebracht, und was mit denen passiert, ist im Grunde dann egal."

Schließlich gibt es noch den radikalen Weg, ein nicht mehr nutzbares Pferd loszuwerden: indem man es tötet. Aber das ist nur bedingt erlaubt:

"Das erste, was einem da in den Sinn kommt, ist dass die Pferde zum Schlachter gebracht werden – das ist mittlerweile nicht mehr so üblich, weil das Sportpferd meistens als Nicht-Schlachtpferd registriert ist, damit es alle tierärztlichen Behandlungen bekommen kann. Schlachtpferd ist als Entsorgungsweg wirkich ganz ganz ganz selten."

Auch ein Tierarzt darf ein Pferd nur unter bestimmten Voraussetzungen töten:

"Ein Tierarzt ist verpflichtet, ein Pferd nur dann zu erlösen, wenn es einen vernünftigen Grund gibt. Und "ich habe keine Lust mehr" oder "der läuft nicht mehr im  Sport" ist natürlich kein vernünftiger Grund. Ist auch nach Tierschutzgesetz strafbar."

Trotzdem kommt es vor. Von einem besonders krassen Fall berichtet der Tierarzt Oliver Tinschmann, der seit 20 Jahren in der Nähe von Hannover eine Praxis für Pferde betreibt und sich auf alte und lungenkranke Pferde spezialisiert hat. Er wurde zu einem sechsjährigen Pferd gerufen, bei dem er eine chronische Bronchitis diagnostizierte – nicht selten bei Pferden und gut therapierbar, sagt er.

"Am nächsten Tag rief mich dann der Besitzer an und sagte, wenn ich ihm jetzt nicht garantieren könnte, dass das Pferd zu 100 Prozent sicher in einer ganz genauen Zeit  zu 100 Prozent gesund würde, dann würde er das Pferd jetzt einschläfern.Ich hab ihn dann auch gefragt, warum er das Pferd denn einschläfern wolle, es wär doch therapierbar, er sagte , er wollte das partout nicht, er hätte die Nase voll von dem Pferd, das Pferd hätte schon mal eine Kolik-Operation gehabt mit drei und hätte dann im Anschluss eine Hufrehe entwickelt, und jetzt wär es sechs und er hätte es kaum reiten können, und jetzt hätte er die Nase voll und jetzt wolle er das Pferd loswerden."  

"Als ob ein Pferd so ein Wegwerfartikel ist"

Tinschmann weigerte sich, das Pferd zu töten. Er wies den Besitzer darauf hin, dass das nach § 17 Tierschutzgesetz strafbar ist, wenn kein vernünftiger Grund vorliegt. Außerdem schaltete er den Tierarzt vom Veterinäramt ein. 

"Der war allerdings leider auch keine große Hilfe, denn der hat dem Besitzer ein Gutachten geschrieben, dass bei einem erneuten Auftreten der Erkrankung das Töten des Pferdes tierschutzrechtlich nicht zu beanstanden sei, um ein erhebliches Leiden an einer nicht heilbaren Erkrankung zu beenden. Das ist natürlich Unsinn, denn es liegt in der Natur einer jeden chronischen Bronchitis, dass  sie wieder aufflammt."

Am Ende hat ein anderer Tierarzt das Pferd auf Wunsch des Besitzers getötet:

"Da entsteht so der Eindruck, als ob ein Pferd so ein Wegwerfartikel ist, was einfach, wenns ausgedient hat oder wenns zu teuer wird, einfach entsorgt wird."

Tinschmann hat in diesem Fall Anzeige erstattet, aber das Verfahren gegen den Pferdebesitzer wurde eingestellt, ebenso seine Beschwerde gegen die Einstellung. So ist das meistens bei Verstößen gegen das Tierschutzgesetz, sagt der Tierarzt. Deshalb betrachten einige Menschen das seiner Erfahrung nach als Kavaliersdelikt:

"Also ein Einzelfall ist das sicher nicht; in vielen Fällen ist es auch das Geld, was die Rolle spielt – es gibt Menschen, die kaufen sich Pferde und können es sich eigentlich nicht leisten, und bei jeder teureren Erkrankung wird das Pferd dann euthanansiert, und dann wird gleich 14 Tage später ein neues Pferd gekauft, mit dem dann dasselbe passiert." 

Ganz so drastisch sieht es Esther Müller vom Tierschutzbund nicht. Dass ein Pferd grundlos getötet wird, ist ihrer Meinung nach eher die Ausnahme. Aber auch sie beklagt Defizite bei der Anwendung des Tierschutzgesetzes:

"Wir haben oft mit Tierschutzfällen, die über Amtsveterinäre an die Staatsanwaltschaft gehen, dass das Gericht nicht so entscheidet, wie wir uns das vorstellen, oder ein Schritt davor, auch der Amtstierarzt nicht so handelt, wie wir uns das vorstellen. Die Notwendigkeit einzugreifen wird aus unserer Sicht leider viel zu selten wahrgenommen."

Einen echten Luxusstall für Pferde im Ruhestand findet man im brandenburgischen Görlsdorf am Rande des Oderbruchs, kurz vor der polnischen Grenze. Claudia und Peter Karl Wirth betreiben hier einen Spezialhof für alte Pferde. Dabei sieht es hier erstmal gar nicht so luxuriös aus, im Gegenteil: die hundert Jahre alte Backsteinscheune wirkt eher unscheinbar, der Hof und die Koppeln sind etwas matschig. Der Luxus besteht darin, dass hier auf alle Bedürfnisse der alten Pferde eingegangen wird. Sechs sind es zur Zeit, und sie werden gerade von der Weide reingeholt. Die sehr geräumigen Boxen sind dick mit frischem Stroh eingestreut, darunter polstern Gummimatten den Boden, um es den Tieren zu erleichtern, sich hinzulegen. Die Krippen sind gefüllt mit einer breiigen Masse, einer Spezialmischung, die frisch angerührt worden ist. Dieses Futter können alte Pferde besonders gut fressen und verdauen.

Das offensichtlich älteste Pferd im Stall ist der kleine Fuchswallach Mignon:

"Dieses Pferd haben wir seit 9 ½ Jahren, und seit wir ihn haben, wird er auf Ende 20, Anfang 30 geschätzt. Wie alt der wirklich ist, wissen wir nicht."

350 Euro monatlich für die Box und das Futter

Mignon hatte einen langen Leidensweg, bevor er aufs Altenteil kam: erst als Polopferd, dann als Schulpferd, bis er auch das nicht mehr konnte…

"Der war multimorbide, hatte gelahmt, war herzkrank und sollte zum Schlachter, und dann haben wir ihn übernommen und medikamentös gut eingestellt."

Claudia Wirth stellt alle Pferde vor: der Schimmel hat Melanome, ein anderer Fuchs hat Arthrose, und der jüngste von allen, der 19jährige Alerio, war eigentlich noch nie wirklich reitbar, weil er Probleme mit dem Skelett hat. Sie bekommen Medikamente, einige werden mit einer Magnetfeldmatte behandelt, kurz: es ist fast wie im Altersheim.

"Es gibt so viele Parallelen zwischen alten Menschen und alten Pferden, dass ich darüber ein Buch schreiben könnte, vielleicht mache ich das auch irgendwann, es stellt sich damit auch die Frage, gibt es überhaupt Unterschiede zwischen Menschen und Tieren."   

Soviel Fürsorge kostet natürlich Geld: 350 Euro zahlen die Pferdebesitzer im Monat für die Box und das Futter, dazu kommen Kosten für Medikamente, Magnetfeldbehandlung, Tierarzt und Schmied.  Wenn das Pferd sehr alt wird, kommt da schon einiges zusammen:

"Dass das Ende mit einem alten Pferd sehr lang sein kann, das ist auch unser Ansinnen, darum kämpfen wir auch, und da unterstützen wir auch die Besitzer, dass ein Pferd einen Lebensabend hat mit besonders viel Lebensqualität."

Mit einem Gnadenhof hat das überhaupt nichts zu tun, sagt Claudia Wirth:

"Mit dem Wort Gnadenhof konnten wir uns noch nie anfreunden, weil wir finden, dass es keine Gnade ist, ein altes Pferd am Leben zu erhalten und ihn zu umsorgen, sondern es ist einfach die Pflicht jeden Pferdebesitzers, nicht nur die schönen Stunden zu genießen, sondern auch den Rest der sich anschließt, auch noch mit ihm zusammen durchzustehen." 

Ein 31 Jahre alter Wallach

Auf einer Reitanlage in der Nähe von Berlin holt Ilka Cierpka ihr Pferd Tabaqui’s von der Koppel. Sie besitzt den Wallach seit 24 Jahren, inzwischen ist er stolze 31. So alt werden nur wenige Pferde. Geritten wird er schon seit über zehn Jahren nicht mehr, und ein zweites Pferd kann sich seine Besitzerin nicht leisten.

Die Pferde Tabaqui‘s (31) und Eleve (28) zusammen auf der Weide (Kirsten Lemke)Senioren auf der Weide: der 31-jährige Tabaqui‘s und der 28-jährige Eleve. (Kirsten Lemke)

"Das ist dann einfach so, dass – was man letzlich mitkauft, wo man nicht drüber nachdenkt, wenn man ein junges Pferd kauft – dass man im Alter dann auch ein Pferd hat, was man möglicherweise nicht mehr reiten kann, und bei uns wäre das auch genauso gewesen, wenn er in früheren Jahren nicht mehr reitfähig gewesen wäre, er wäre eben einfach da gewesen."

Für viele Amateurreiter heißt das: aufs Reiten verzichten zu müssen, wenn das eigene Pferd alt wird. Was bleibt dann? Ilka Cierpka besucht ihr Pferd, so oft sie Zeit hat; sie putzt es, bringt ihm Möhren und beschäftigt sich mit ihm:

"Wir haben ne Menge miteinander erlebt, und er ist eben einfach da. Das ist einfach das emotionale Plus das man hat, dass man ihn hat, er ist da, er gibt ne Menge wieder. Viele Leute, die keine Pferde haben, verstehen das nicht, das ist ein Geben und Nehmen, ich in erster Linie Futter,  Stallmiete und Pflege, und er gibt mir Freundschaft, allein das Wiedererkennen, wenn das Auto vorfährt, weiß er Bescheid. Schon der erste Blick ist wie Nachhausekommen, und das ist es eigentlich, was die Freundschaft ausmacht."

Es gibt noch mehr Menschen, die ihre Pferde nicht aufs Abstellgleis stellen, wenn sie nicht mehr geritten werden können. Davon berichtet auch der der Fachtierarzt für Pferde, Oliver Tinschmann:

"Ich hab neulich noch eine Bekannte gefragt, was hast du denn für eine Meinung, was macht man, wenn ein Pferd für die Turnierlaufbahn nicht mehr weiter taugt und nicht mehr nutzbar ist, und da sagt sie ganz spontan: dann hat man‘s einfach lieb!"

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