Seit 07:40 Uhr Interview

Montag, 18.06.2018
 
Seit 07:40 Uhr Interview

Zeitfragen | Beitrag vom 13.06.2018

SpiritualitätIndische Gurus heute

Von Antje Stiebitz

Beitrag hören Podcast abonnieren
Guru Sri Mata Amritanandamayi Devi - auch Amma genannt - umarmt eine Anhängerin während einer Veranstaltung am 04. April 2016 in Neu-Dehli, Indien. (picture alliance / dpa / Rajat Gupta)
Wer möchte nicht mal von einer echten Guru umarmt werden? Amma nimmt Menschen als Ausdruck von Liebe und Mitgefühl in den Arm. (picture alliance / dpa / Rajat Gupta)

Die Faszination für indische Gurus ist in Europa ungebrochen. Sie umarmen wie Amma viele Menschen an einem Tag, laden zur "Meditation 4.0" ein oder kämpfen für den Erhalt der Flüsse. Sie sind auch Geschäftsleute und mächtige Akteure der Gesellschaft.

Maharishi Mahesh Yogi: "Die Sonne scheint immer in aller Fülle. Es kann geschehen, dass sich Wolken sammeln, lass sie kommen und gehen. Sie gehen genauso, wie sie gekommen sind, schenke ihnen keine Beachtung. Gehe Deinen Weg weiter. Wenn sie auf Deinem Weg liegen, gehe Deinen Weg durch die Wolken hindurch. Versuche nicht, sie zu vertreiben, lass Dich nicht von ihnen zurückhalten. Genauso wie sie gekommen sind, werden sie auch wieder gehen. Wolken stehen nie still. Wenn Du gerne eine Pause machen möchtest, damit Du zusehen kannst, wie sie sich wieder auf den Weg machen, dann warte, solange der Wind sie fortbläst. Es geschieht, um Deinen Weg freizumachen."

Im indischen Ashram traf der kanadische Filmemacher Paul Saltzman zufällig die Beatles - und machte viele Fotos von ihnen. (Paul Saltzman / Beatles Story )Im indischen Ashram traf der kanadische Filmemacher Paul Saltzman zufällig die Beatles - und machte viele Fotos von ihnen. (Paul Saltzman / Beatles Story )

Mit solchen Überlegungen und mit den Techniken der Transzendentalen Meditation beeindruckte Maharishi Mahesh Yogi die Beatles so nachhaltig, dass sie sich gemeinsam aufmachten und den Guru am Fuße des Himalaya in der indischen Pilgerstadt Rishikesh besuchten. Fotografien zeigen den "kichernden Guru" im Schneidersitz auf einem Podest sitzend. Zu seinen Füssen die Blumenkinder, wortwörtlich, denn alle tragen sie Blumengirlanden um den Hals. Nicht nur die Beatles scharten sich um die Ikone des Hippie-Mystizismus der 60er-Jahre, auch weitere Pop- und Filmgrößen, wie die Beach Boys, Donovan, Clint Eastwood, Mia Farrow.

Mit Meditation, dem Singen von Mantren und dem Hören spiritueller Vorträge ergründeten seine Jünger den Sinn des Lebens neu und wollten kosmisches Bewusstsein erfahren. In Europa gilt Maharishi Mahesh Yogi als Wegbereiter für hinduistische Philosophie und spirituelle Praktiken im Westen. Auch wenn vor ihm bereits Swami Vivekananda oder Paramhansa Yogananda in den USA lehrten: erst der Pop-Guru Maharishi Mahesh Yogi erreichte mit Hilfe der Beatles ein breites Publikum.

"Meditation 4.0"

Indische Gurus mit langen Haaren und Bärten sind auch heute gegenwärtig: Auf Plakaten lädt uns Sri Sri Ravi Shankar lächelnd zur "Meditation 4.0" ins Berliner Maritim Hotel ein. In der Buchhandlung ermuntert uns Sadhguru auf einem Buch-Cover zu "Inner Engineering" und im Velodrom, einer der größten Veranstaltungshallen Berlins, können wir uns von dem weiblichen Guru Amma umarmen lassen.

Mata Amritanandamayi, auch bekannt als Amma, umarmt eine Frau in Cergy-Pontoise, nahe Paris. Amma umarmt auf ihren Veranstaltungen jeden, der sich dies wünscht. Es wird gesagt, dass sie in den letzten 30 Jahren bereits 30 Millionen Menschen umarmt hat. (picture alliance / dpa / Abaca Gouhier Nicolas)Amma umarmt auf ihren Veranstaltungen jeden, der sich dies wünscht. Es wird gesagt, dass sie in den letzten 30 Jahren bereits 30 Millionen Menschen umarmt hat. (picture alliance / dpa / Abaca Gouhier Nicolas)

In der großen Arena sitzt Mata Amritanandamayi, kurz Amma genannt, in einem weißen Sari auf einer Sesselbank. Amma stammt aus dem südindischen Bundesstaat Kerala, ist klein, rundlich, doch ihr Strahlen ist groß. Ihr Name bedeutet Mutter, ihre Anhänger betrachten sie als einen Avatar-Guru. Das heißt, sie verkörpert einen spirituellen Aspekt und gilt als Lehrerin. Als Ausdruck von Liebe und Mitgefühl umarmt sie Menschen. Das ist ihr Markenzeichen. Männer, Frauen und Kinder gehen vor ihr auf die Knie und sie nimmt einen nach dem anderen in den Arm, hält jeden für einen Moment fest. In zwei Tagen drückt die "göttliche Mutter" 15.000 Menschen an ihre Brust.

Der "grüne Guru"

Was macht einen Guru aus? Was steckt hinter dem Phänomen der indischen Gurus? Auf dem Flug von Frankfurt in die südindische Stadt Chennai werfe ich einen Blick in die "Times of India" und lese auf dem Titelblatt eine Ankündigung: Sadhguru, weißer Rauschebart und beigefarbener Turban, ruft zur einer Rally for Rivers auf. Die Idee ist, mit Hilfe von Massenkundgebungen und dem Pflanzen von Bäumen das Bewusstsein für Indiens Flüsse zu steigern. In einem Monat hält Sadhguru in zwanzig indischen Städten seine Kundgebungen ab. Die Zeitung hat ein Zitat des Gurus abgedruckt:

"Seit Jahrtausenden haben uns unsere Flüsse genährt. Wenn wir sie jetzt innerhalb von einer Generation umbringen, ist das ein klares Statement, dass uns die Zukunft unserer Kinder egal ist."

Gurus hatte ich mit Yoga und spirituellen oder religiösen Inhalten gleichgesetzt. In Chennai erlebe ich einen Guru, der sich scheinbar im größeren Stil für die Umwelt engagiert.

Guru - das Wort stammt aus dem Sanskrit und bedeutet Lehrer. Der Guru verleiht Wissen und führt seine Schüler aus der Dunkelheit ins Licht. Das Adjektiv guru wird als gewichtig oder schwer übersetzt. Während wir den Begriff Guru in Europa oft für jemanden verwenden, der eine besondere Fähigkeit hat, ist seine Bedeutung im südasiatischen Kontext umfassender. Der Guru gilt als Lehrer, Berater, er übernimmt die Elternschaft für seine Schüler und zwar auf den Ebenen des Intellekts sowie des seelisch-emotionalen und körperlichen Erlebens. Der Schüler wird als Shishya bezeichnet, was man ungefähr so übersetzen kann: "einer der zu züchtigen ist oder unterwiesen werden soll".

In einem populären Mantra, das zu Ehren des Gurus gesungen wird, heißt es:

"Schöpfer der Einheit des Universums, Gott Vishnu, göttlicher Meister Shiva, Meister der absoluten Wahrheit, allwaltender Gott, ich verneige mich vor Dir, unumschränkter Meister." (Zitat aus: "Om Guru Brahma", Rudraksha, Sacred Incantations, Mantras & Chants from India &Tibet, Poumi)

Sadhguru heißt eigentlich Jaggi Vasudev. Er wurde 1957 in Mysore, einer Stadt im Südwesten Indiens, geboren. Mit 13 Jahren begann er Yoga zu lernen und studierte später englische Literatur. Er interessierte sich für Reisen und Motorräder und machte eine Geflügelfarm auf. Sein Erleuchtungs-Erlebnis hatte er mit 25 Jahren. Die indische Journalistin Bhavedeep Kang hat mit ihm über dieses Erlebnis gesprochen und beschreibt es in ihrem Buch "Gurus. Stories of India´s Leading Babas":

"Plötzlich, ohne Vorwarnung, fühlte er eine unbeschreibliche Einheit mit dem Universum. Es fühlte sich ekstatisch, glückselig, jenseits von jeder Logik an. Er würde es auf verschiedene Art und Weise beschreiben als "ein völliges nach Hause kommen", "ein ständiges betrunken sein", "wilde Leere", als "die schönste Sache, die passieren kann" oder als "Leben ist dort alles ... ein reines Pulsieren einer Masse von Energie."

Jaggi Vasudev – Sadhguru - begann Yoga-Kurse zu geben, gründete 1994 die Isha Foundation und eröffnete in der Nähe der südindischen Stadt Coimbatore seinen Ashram, das Isha Yoga-Zentrum. Dort leben heute über tausend Männer, Frauen und Kinder. Weltweit hat die Isha Foundation 150 Zentren. Die dort angebotenen Yoga-Programme sollen inzwischen rund zwei Millionen Menschen absolviert haben. Sadhguru ist Mystiker, Yogi, Ehemann, Vater, Geschäftsmann, Autor und Entertainer. Außerdem erwarb er sich den Ruf eines "grünen Gurus", weil er durch groß angelegte Aufforstungsprojekte Millionen Bäume pflanzen ließ. Mit der Rally for Rivers und dem Pflanzen weiterer Bäume wollen er und seine freiwilligen Helfer der Verschmutzung und Austrocknung der Flüsse entgegenwirken.

(...)

Schätzungen zufolge sollen 2030 nur noch 50 Prozent des Wassers zur Verfügung stehen, das zum Überleben auf dem Subkontinent nötig ist. Flüsse wie der Kaveri, Krishna oder die Narmada waren bislang ganzjährige Flüsse. Seit rund zehn Jahren trocknen sie aus und haben sich zu saisonalen Flüssen entwickelt. Hier in Tamil Nadu, erklärt Sadhguru, sei die Wasserversorgung besonders gefährdet:

"Chennai braucht circa 110 Millionen Liter Wasser täglich, aber Ihr habt nur 55 Liter zur Verfügung. Ich möchte gerne wissen, wie oft Ihr duscht. Denn wir leben in einer Kultur, in der wir morgens niemals vor die Tür treten, ohne uns gewaschen zu haben. Aber es wird die Zeit kommen, in der wir uns gegenseitig fragen, ob wir eine Sonntags- oder Montagsperson sind. Wann hast Du geduscht? Das wird bald ein größeres Problem sein, als Ihr jetzt glaubt, weil die Wasserressourcen so schnell austrocknen."

(...)

Sadhguru will der Krise dadurch begegnen, dass er an den Ufern der Flüsse und Nebenflüsse, einen Kilometer breit, Bäume pflanzt. Ihm sei bewusst, erklärt er, dass auch diese Maßnahme nicht ausreiche, um die Gewässer zu retten, aber es sei immerhin ein Anfang. Dann beschwört er sein Publikum:

"Das ist Eure Zeit! Tamil Nadu, das ist Eure Zeit in der Krise. Es ist an der Zeit, sich über Kasten, Gier, Religion und Partei-Zugehörigkeit hinwegzusetzen und das zu tun, was getan werden muss. Zeigt der Welt, dass wir keine unselige Generation sind!"

(...)

Der Guru und seine "Familie"

In der Jantar Mantar Road, unweit des hektischen Connaught Place, eines der wichtigsten Wirtschafts- und Finanzzentren in Neu Delhi, treffe ich Swami Agnivesh. Der 78-Jährige sitzt in einem nüchternen Raum an einem Besprechungstisch, diskutiert mit zwei Mitarbeitern, telefoniert. Der Turban, den er trägt, ist orange, ebenso sein Gewand. Der Swami gehört zum Arya Samaj, einer hinduistischen Reformbewegung, die sich vor allem auf die Veden als religiöse Autorität beziehen. Sein Name Agnivesh, was so viel wie "Verkörperung von Feuer" bedeutet, wurde ihm nach seiner Initiation zum Sannyasin gegeben. Damals legte er den Schwur ab, dass er der materiellen Welt entsagt und sein Leben spirituellen Zielen widmet:

"Tatsächlich wurde Bildung im alten Indien und auch heute noch teilweise durch eine Institution vermittelt, die wir als Gurukul bezeichnen. Gurukul wird als die Familie des Gurus übersetzt. In dieser Familie gilt der Guru als Dreh-und Angelpunkt. "

Das Gurukul-System sieht vor, dass Guru und Schüler in einer Art Seminar oder einem Ashram zusammenleben. Mädchen und Jungen leben getrennt.

"Die Gurukuls gibt es, damit der Lehrer nicht nur mündlich unterrichtet, sondern auch durch sein Verhalten und Benehmen."

Jeder Guru kreiere an seiner Schule eine individuelle Atmosphäre, woran seine "Familie" erkennbar sei. Mit sechs oder sieben Jahren werden die Kinder in den neuen Kreis aufgenommen. Ein Ritual markiert die Bindung an den Guru. Während dieser Zeremonie sitzen die Eltern des Kindes auf der einen Seite des Ritualplatzes, erklärt Swami Agnivesh, der Lehrer auf der anderen Seite. Die Mutter hält das Kind auf ihrem Schoß:

"Wenn die Zeit gekommen ist, den Faden um den Hals des Kindes zu binden, dann übergibt die Mutter das Kind in den Schoß des Gurus. Dazu spricht sie Folgendes: Ich habe das Kind für neun Monate in meinem Leib getragen, nimm du es jetzt in deinem Leib auf. Und der Lehrer antwortet: Jetzt nehme ich das Kind in meinen Leib auf."

Ab jetzt übernimmt der Guru die geistige Vaterschaft für das Kind. Von den Eltern wird erwartet, dass sie sich von ihrem Kind trennen. Für die nächsten 15 oder 16 Jahre, erklärt der Swami, bleibt der Schüler bei seiner neuen Familie.

"Die Idee besteht darin, dass sich der Schüler selbst mit Ideen, Gedanken und intellektuellem Wachstum ausrüstet, aber auch mit einer Mission. Es ist nicht genug, Bildung zu vermitteln und den Intellekt zu schärfen. Man muss immer auch die Emotionen und das Herz erreichen." 

Wenn Swami Agnivesh von Mission spricht, meint er damit den ständigen Kampf gegen Unwissenheit, Ungerechtigkeit und Armut. Zusätzlich stehe jeder Schüler in der Pflicht, eine Entscheidung zu treffen:

"Etwas, dass Dir einen Grund gibt zu leben. Etwas, wofür Du bereit bist, den körperlichen und physischen Komfort Deines Lebens zu überschreiten."

Swami Agnivesh hat seine Bestimmung im gesellschaftlichen Engagement gefunden. Er gründete 1981 die "Bonded Labour Liberation Front", eine Nichtregierungsorganisation, die sich für Menschen einsetzt, die in Schuldknechtschaft geraten sind. Außerdem wurde er 2004 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet, weil er sich intensiv für die Toleranz zwischen den Religionen Asiens einsetzt.

(Auszüge aus dem 1. Teil der Sendung)

Das ganze Manuskript als PDF und als Textdokument

Den 2. Teil der Sendung, der am 20.6.2018 um 19:30 Uhr auf Deutschlandfunk Kultur gesendet wird, können Sie vorab hier hören:

Mehr zum Thema

Ein Besuch bei Jaron Lanier - "Verlasst die sozialen Netzwerke!"
(Deutschlandfunk Kultur, Breitband, 02.06.2018)

Doku-Serie über Bhagwan - Als es den Ashram nach Oregon zog
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 08.04.2018)

Irrtümer über Tantra - Wie kam der Sex in den Buddhismus?
(Deutschlandfunk, Tag für Tag, 02.05.2018)

Zeitfragen

Leben mit dem StotternWie ein Erdbeben im Mund
Mund einer sprechenden Frau (imago )

"Das ist so, als wenn Sie mit einem Auto auf eine rote Ampel zufahren und die Bremse funktioniert ab und zu nicht." - Der Stotternde lebt in einer Welt ständigen Kontrollverlustes. Das ist für ihn selbst und sein Gegenüber eine permanente Herausforderung.Mehr

Panspermie-TheorieKam das Leben aus dem All?
Der Komet McNaught war 2007 zu sehen. (ESO)

Die Panspermie-Theorie hat viele Kritiker in der Wissenschaft – aber auch leidenschaftliche Fans. Könnten Viren oder Bakterien aus dem Weltraum das Leben auf der Erde gesät haben? Jüngste Forschungsergebnisse geben der Astrobiologie neuen Auftrieb.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur