Donnerstag, 24.05.2018
 

Die Reportage | Beitrag vom 25.12.2017

Spiritualität in Brasilien"Ein Wunder, ein großes Wunder"

Von Tom Noga

Beitrag hören Podcast abonnieren
(Tom Noga)
Wunderheilerin Alani legt die Hand auf. (Tom Noga)

Alani ist 13 und die populärste jugendliche Wunderheilerin Brasiliens. Angeblich heilt sie schwerste Krankheiten durch bloßes Handauflegen. Der blinde Marcelo kommt jede Woche zum Wundergottesdienst. Er glaubt daran, irgendwann einmal wieder sehen zu können.

"Hallo, ich heiße Alani Valle dos Santos. Die Welt kennt mich als Missionarinha Alani. Ich bin 13 Jahre alt."

A Missionarinha, die kleine Missionarin, sitzt im Regieraum ihrer Kirche: schwarze, schulterlange Haare, schlichtes, knöchellanges Kleid, Ballerinas an den Füßen. Die Bezeichnung Regieraum ist übertrieben. Tatsächlich handelt es sich um einen Verhau aus Plexiglas-Scheiben: oben offen, mit Schiebetür und Scheibe mit Blick auf den Altar, der nur aus einem gläsernen Schreibtisch besteht.

Und die Kirche: eine fensterlose Lagerhalle mit Wellblechdach im Zentrum von Såo Gonçalo, einer Trabantenstadt, eine Autostunde entfernt von Rio de Janeiro.

"Es gibt ein Video von mir, an die Sache selbst kann ich mich nicht erinnern, weil ich erst 3 Jahre alt war. Eine Frau kam zu mir. Sie hatte einen Oberschenkelhalsbruch, konnte weder stehen noch gehen. Ich habe meine Hände auf sie gelegt und plötzlich stand sie auf und fing an, ganz normal zu gehen. Dieses Video, es wühlt mich immer wieder auf. Ich kann nicht anders als Menschen zu heilen. Jede Woche kommen andere Leute zu mir, mit Krebs oder AIDS, allen möglichen Krankheiten."

Angeblich über 7.000 Menschen geheilt

Alanis Vater betritt den Regieraum, ein großer Mann mit Raspelschnitt, in Stoffhose und langärmeligem Hemd, perfekt gebügelt. Adauto dos Santo ist Pastor der Missão Internacional de Milagres, der internationalen Mission der Wunder. Selbsternannter Pastor. Er packt einen neuen Verstärker aus. Dem alten hat ein Kabelbrand den Garaus gemacht. Und der neue, der ist eine Spende. Wie alles hier, sagt Pastor Adauto und schließt das Gerät an.

Über 7.000 Menschen hat Alani bisher geheilt. Von Dengue und Zika, Leber- und Nierenleiden, Herzproblemen und Gastritis, Lungen- und Blasenentzündung. So jedenfalls erzählt es Pastor Adauto. Genau genommen sagt er: A Missionarinha habe diese Menschen geheilt. Wenn er von dem spricht, was er ihre Mission nennt, benutzt er nie den Namen seiner Tochter.

"Wir haben früh gemerkt, dass sie etwa Besonderes ist. Als sie 14 Tage alt war, habe wir eine Feier für sie gemacht, mit Kuchen und allem, um sie Gott vorzustellen. Das war in einer Schule. Ein Pastor hat sie hochgehoben. Und plötzlich stieg Nebel auf und bedeckte alles. Wirklich. Das war gewaltig."

"Das erste Wunder, so hat mir mein Vater erzählt, habe ich mit 51 Tagen vollbracht. Eine Frau kam zu ihm, sie hatte einen großen Tumor im Darm. Sie sah aus, als sei sie schwanger. Als er für sie beten wollte, hörte er eine Stimme, die ihm befahl mein Händchen auf den Bauch der Frau zu legen. Als ich die Frau berührte, fiel sie nach hinten und die Schwellung an ihrem Bauch ging zurück. Alle konnten es sehen."

"Das war überwältigend. So was hatte ich noch gesehen. Klar, zuerst war ich erschrocken. Dann begannen die Leute in der Kirche, Gott zu preisen. Einige brachen in Zungenrede aus, sie redeten in fremden Sprachen. Eine Person erhobt sich und sagte: Heute segne ich das Wirken der Missionarinha."

Seitdem, so Pastor Adauto, vollbringt die Missionrinha Wunder. Erst in der Kirche eines Freundes, seit vier Jahren in seiner eigenen.

(Tom Noga)Carlos Alberto betet, damit sein Auge geheilt wird (Tom Noga)

Jeden Mittwoch ist Wundergottesdienst um drei Uhr nachmittags und um sieben Uhr abends.Die ersten Gläubigen kommen - für brasilianische Verhältnisse - leise und ruhig. Eine ältere Dame ächzt die Treppe hinauf. Hinter ihr eine Familie: Vater, Mutter, zwei Töchter. Und ein Ehepaar: Carlos Alberto und Ana Maria. Pastor Adauto begrüßt sie.

"Ich bin wegen meiner Augen hier. Sie zwei Monaten sehe ich verschwommen, auf einem Auge habe ich einen Schatten. Gestern bin ich auf der Straße gegen einen Baum gelaufen."

Carlos Alberto rechtes Auge ist geschwollen. Der Augapfel, blutunterlaufen, quillt aus der Höhle.

"Seit Langem sage ich: Komm hier her. Aber er wollte nicht, immer hatte er eine Ausrede. Es ist übernatürlich hier. Letzte Woche hatte ich starke Rückenschmerzen hier. Die Missionarinha hat für mich gebetet. Und ich war geheilt. Ich habe eine Hitze in meinem Körper gespürt, als ob die Krankheit herausgedrängt würde. Gott sei Dank habe ich kaum noch Schmerzen. Ich kann wieder arbeiten, so gut wie ohne Schmerzen."

Der Journalist Tom Noga (privat)Der Autor (privat)Der Autor über seine Eindrücke: "Ich hatte solches Mitleid mit Carlos, dessen Auge nach dem Wundergottesdienst noch genauso geschwollen war wie vorher. Aber er hat sich nicht getraut seiner angeblichen Heilung zu widersprechen."

Ana Maria ist Putzfrau, Carlos Alberto Anstreicher. Sie wohnen einen Straßenblock hinter der Kirche in einem winzigen unverputzten Haus. Ursprünglich war es einstöckig, aber als ihre beiden Söhne selbst Familien gegründet haben, hat Carlos Alberto im Eigenbau zwei Etagen drauf gesetzt.

Der Gottesdienst beginnt mit Danksagungen, vorgetragen von Alanis Mutter Sandra, die vor dem Altar auf und ab geht.

"Für unser Leben, unsere Familie, unsere Liebsten. Für unseren Glauben und Gottes Präsenz in unserem Leben." Dann übernimmt ihr Mann, Pastor Adauto.

Seine Kirche ist nicht voll, nur 60, 70 Personen mögen es sein. Ein Mann in der ersten Reihe rutscht von seinem Stuhl und kniet nieder. Er faltet die Hände über der Sitzfläche des Stuhls und beginnt laut zu beten.

"Sieh auf diesen Sünder, oh Herr, und hab Mitleid mit ihm. Schenke ihm deine Gnade und deine Präsenz. Lass ihn teilhaben an deinem Königreich. Und, oh Herr, heile sein Leiden!"

Auftritt mit ernster Miene

Alanis erster Auftritt. Mit ernster Miene greift sie zum Mikrofon, den Blick gesenkt. dann singt sie: ein Lied über Wunder, so der Text, wie sie nur Gott in seiner Größe vollbringen kann.

Der Mann in der erste Reihe hat sich gesetzt. Er heißt Marcelo und kommt von der Ilha de Paquetá, einer Insel in der Bahía de Guananbara, der Bucht an der Rio de Janeiro und São Gonçalo liegen. Die Bahía de Guananbara sieht malerisch aus, stinkt aber wie eine Kloake, weil Abwässer aus den Städten dort ungeklärt verklappt werden.

"Von Paquetá nehme ich die Fähre nach Rio. Die braucht zwischen 50 und 70 Minuten. Von Rio auf die andere Seite der Bucht nach Niterói sind’s weiter 20. Und von dort mit dem Bus nach São Gonçalo je nach Verkehr 30 bis 50 Minuten."

Inklusive Umsteigen braucht Marcelo zwischen zwei und drei Stunden - für ein Strecke. Ein weiter Weg so oder so. Aber für ihn ganz besonders, denn Marcelo ist von Geburt an blind.

"Ich habe diesen Stock hier. Ich schlage damit auf den Boden, um nicht in ein Loch zu fallen. Ich treffe immer nette Leute. Sie helfen mir in den Bus oder raus, auf die Fähre oder wieder hinab. 90 Prozent der Menschen sind gut, 10 Prozent lassen zu wüschen übrig."

Jeden Mittwoch besucht Marcelo den Wundergottesdienst in der Kirche der Missionarinha, sonntags in seiner freikirchlichen Gemeinde auf der Ilha de Paquetá. Einmal im Monat geht er zu einem Candomblé-Ritual. Überall betet er, endlich sehen zu können.

(Tom Noga)Der blinde Marcelo sucht Hilfe bei der Wunderheilerin (Tom Noga)

In Brasilien war Religion immer ein bunter Mix. Der Katholizismus der Europäer traf auf die Naturreligionen der Völker aus dem Regenwald und der Sklaven aus Westafrika. In den letzten Jahrzehnten haben evangelikale Kirchen aus den USA Brasilien erobert - und Neugründungen inspiriert: ein paar große wie die Igreja Universal do Reino de Deus und viele kleine wie die Missão Internacional der Missonarinha. Auf diesem Nährboden sind schon immer Wunderheiler gesprossen. Zur Zeit, so schätzt man, sind es rund 1.000. Die 13-Jährige Alani ist die bekannteste.

Mangelnder Glaube als Krankheitsursache

Die Predigt. Zum Thema: Krankheiten.

In Pastor Adautos Sicht haben Krankheiten letztlich keine körperlichen, sondern spirituelle Ursachen: mangelnder Glaube, mangelnde Hingabe. Und generell: ein falsches, nicht gottgefälliges Leben. Es ist die Ouvertüre für Alanis Auftritt. Doch zuvor möchte Pastor Adauto noch eine Botschaft loswerden.

Der Unterhalt seiner Kirche kostet Geld. Darum bittet er die Gemeinde um Großzügigkeit bei der Kollekte. Zwei Helfer verteilen Umschläge. Ana Maria, die Frau vom augenkranken Carlos, kramt in ihrer Tasche, holt einen zerknitterten blauen Geldschein heraus: zwei Reais, rund 60 Cent. Sie tuschelt mit ihrem Mann. Carlos Alberto legt fünf Reais dazu. Verschämt steckt sie das Geld in den Umschlag. Marcelo, der Blinde, spendet 20 Reais - den Schein haben seine Eltern ihm Zuhause herausgesucht.

Pastor Adauto bittet die Kranken nach vorn. Sechs Personen reihen sich nebeneinander auf. Als erster ist Carlos Alberto dran. An welcher Krankheit er leide, fragt Pastor Adauto.

Carlos Alberto erzählt, dass er nicht mehr richtig sieht. "Auf einem oder auf beiden Augen?", fragt Pastor Adauto. "Auf dem rechten", antwortetet Carlos Alberto und schaut den Pastor unsicher an. "Keine Angst, das wird schon", gibt der zurück, "schon Adam in der Bibel hatte Angst, es war das erste Gefühl, das er verspürte."

Zwei Helfer bauen sich hinter Carlos Alberto auf - falls er fällt, sollen sie in auffangen. Alani legt ihm die Hände auf die Stirn und betet: mit geschlossenen Augen. Unhörbar, nur ihre Lippen bewegen sich.

"Öffne deine Augen. Du hast gesagt, Du hattest etwas da drin. Einen Schatten. Und nun?"

Carlos Alberto blickt auf, Verunsicherung im Gesicht. Was soll er jetzt sagen?

"Immer noch ein Schatten? Nicht mehr? Wirklich nicht? Guck dich noch mal um." Pause. "Nichts mehr? Du siehst klar? Nicht mehr? Wirklich nicht? Guck hier her. Und nach dort. Kein Schatten mehr? Wen kennst Du hier in der Gemeinde?"

Carlos Alberto deutet auf Ana Maria.

"Du bist seine Frau? Er hatte wirklich etwas an den Augen? Und jetzt sieht er wieder normal! Ohne den geringsten Schatten!"

Vier weitere Gläubige bekennen an diesem Abend, geheilt worden zu sein. Ein Mann und eine Frau können nach Knieproblemen wieder gehen. Bei einer anderen Frau sind die Schmerzen im Arm verschwunden, bei einem anderen Mann am Rücken. Marcelo aber kann immer noch nicht sehen. Fünf Heilungen an einem Abend.

"Ich bin mir sicher", sagt Pastor Adauto, "dass Ihr bezeugen werdet, wie Gott heute Abend durch die Missionarinha gewirkt hat."

"Lieber Gott, ich mache, was Du willst"

Nach dem Gottesdienst. Die meisten Gläubigen machen sich auf den Weg. Ungewöhnlich für Freikirchen, bei denen sonst Gemeinschaft über den Gottesdienst hinaus gepflegt wird.

Carlos Alberto erhebt sich langsam. Er wirkt unschlüssig, als wüsste er nicht, wie er sich verhalten soll. Optisch ist keine Veränderung zu erkennen: Immer noch ist ein Augapfel blutunterlaufen und geschwollen. Ana Maria tätschelt die Wange ihres Mannes. "Wie hast Du die Heilung erlebt", fragt sie ihn. Carlos Alberto zögert und zögert und zögert.

"Als Gott mich geheilt hat, war alles um mich herum irgendwie rot. Ich habe gesagt: Lieber Gott, ich mache, was Du willst."

"Aber was hast Du gefühlt? Nur Du kannst das beschreiben. Das möchte ich wissen."

"Ääääh, wie die Leute sahen und es im Evangelium steht. Überwältigend, verstehst Du. Plötzlich war da eine Wolke".

"Übernatürlich?" "Genau." "Übernatürlich! Bei ihm hat diese Art der Heilung sehr gut angeschlagen. Wäre er früher hier her gekommen, hätte er längst geheilt sein können."

"Ja, mit Sicherheit."

Jeden Mittwoch Wundergottesdienst

Marcelo setzt seinen Rucksack auf und fährt den Blindenstock aus. Es ist halb zehn abends. Gegen Mitternacht wird er Zuhause auf der Ilha de Paquetá sein. Jeden Mittwoch tritt er im Wundergottesdienst vor die Bühne, jeden Mittwoch betet Alani dafür, dass er wieder sehen kann. Warum wirken ihre Gaben bei ihm nicht?

"Das werde ich oft gefragt: Warum heilt Gott dich nicht? Gott heilt so viele Menschen. Ich bin einfach noch nicht an der Reihe."

Eine Viertelstunde später. Carlos Alberto und Ana Maria sind längst gegangen. Pastor Adauto überprüft die Anlage - der Klang heute war ihm zu dumpf und indirekt. Alani sitzt auf einem Stuhl: aufrechte Haltung, apathischer Gesichtsausdruck. Wie fühlt es sich an, Menschen zu heilen?

"Ich bin doch nur Gottes Instrument. In Wahrheit ist er es, der heilt. Bei der Heilung spüre ich Gottes Kraft in mir. Durch diese Kraft kann ich Dinge tun, die anders sind, nicht normal. Es macht mich glücklich, Menschen zu helfen, die meine Hilfe brauchen."

Alani blickt auf der Uhr. Es ist spät geworden, wie jeden Mittwoch. Und morgen früh um 8 Uhr beginnt der Unterricht in der Schule.

"Mein Traum ist es, Ärztin zu werden. Das ist einen Arbeit, die dem ähnelt, was ich in der Kirche mache. Ich fände es schön, den Menschen auch als Ärztin zu helfen."

"Das ist ein Artikel aus der Zeitung Folha de São Paulo. Sie war damals 5 Jahre alt."

Pastor Adauto hat eine Mappe aufgeschlagen. Darin alle Artikel, die je über Alani geschrieben wurden.

"Das ist eine Lokalzeitung. Hier "Veja", die größte Illustrierte Brasiliens. Und das ist aus dem Magazin 'Época', da war sie sechs. Nach diesem Artikel wollten alle Fernsehsender Brasiliens etwas mit ihr machen."

(Tom Noga)Pastor Adauto sammelt seit Jahren die Zeitungsberichte über seine Tochter (Tom Noga)

So penibel wie die Zeitungsartikel hat Pastor Adauto auch Alanis Fernsehauftritte archiviert. Sie sind auf ihrer Website abrufbar und auf ihrem You-Tube-Kanal. Darunter auch ihr größtes Wunder: die Heilung des fünfjährigen Richard. Er war angeblich ohne Nieren geboren worden.

Überprüfen lässt sich der Fall nicht, wie viele andere auch. Die Eltern des Jungen kommen nicht mehr in Pastor Adautos Kirche. Und ihre Nachnamen kennt er nicht.

Niedrige Lebensqualität in São Gonçalo

In seinem früheren Leben war Pastor Adauto Autohändler. Nun lebt er von seiner Kirche. Auf den ersten Blick nicht schlecht. Alani besucht eine Privatschule. Ihr Vater fährt einen japanischen Geländewagen - die Spende eines Gläubigen, wie er betont. Und für ein Häuschen hat es auch gereicht. Ein sehr bescheidenes. Anderseits: in São Gonçalo. Wer will hier schon leben?

"Mit einer Million Einwohnern ist São Gonçalo die zweitgrößte Stadt im Bundesstaat Rio de Janeiro. Aber das Lebensniveau war war schon immer gering: viele Arme, viele Geringverdiener. In den letzten Jahren ist São Gonçalo stark gewachsen, Aber ohne Strukturen. Es fehlt an Schulen, Wasserversorgung und Gesundheitswesen sind miserabel. Und wir haben mit extrem hoher Kriminalität zu kämpfen. Sie ist in den letzten Jahren gestiegen, weil vor der Fußball-WM drübe in Rio versucht wurde, die Favelas zu befrieden. Viele Banden haben sich damals nach São Gonçalo abgesetzt. Heute gilt São Gonçalo als eine der gefährlichsten Städte im ganzen Bundesstaat."

Ein paar Hundert Kinder treten in Alanis Fußstapfen

Sandra bringt die Kollekte. 759 Reais, knapp 200 Euros. In Brasilien ist das viel Geld. Aber nicht genug, um in Saus und Braus zu leben. Natürlich hat Pastor Adauto eine Marktlücke gefunden im Geschäft mit dem Glauben. Kinderprediger existieren in Brasilen schon länger, aber das Segment der jugendlichen Wunderheiler hat er als erster entdeckt. Heute gibt es im Land ein paar Hundert Kinder, die in Alanis Fußstapfen treten - ohne auch nur annähernd ihre Popularität zu erreichen. Dass es Pastor Adauto dabei vorrangig ums Finanzelle geht, bestreitet er vehement.

"Diese Stadt braucht Hilfe, wie viele Städte im Staat Rio de Janeiro und in ganz Brasilien. Als Kirche bieten wir diese Hilfe. Wir leisten Sozialarbeit, indem wir Jugendliche von der Straßen holen. Jugendliche, die mit Drogen zu tun haben, die kriminell geworden sind, die keine Familie haben, die arbeitslos sind und nichts mit ihrer Zeit anfangen können. Ihnen öffnen wir unsere Türen. Und was die Heilungen angeht: Wer zu mir in die Kirche kommt, dem wurde medizinisch nicht geholfen. Der wurde von Ärzten betrogen oder kann sich medizinische Hilfe nicht leisten. Wer Hilfe im Glauben sucht, hat sie von den Ärzten nicht bekommen."

Zwei Wochen später. Carlos Alberto sitzt mit seiner Frau Ana Maria in einer Saftbar gegenüber der Kirche, das Auge immer noch geschwollen und blutunterlaufen. Aber der Schleier auf den Augen ist nicht zurückgekehrt. Sagt Carlos Alberto. Das hat sogar ein Arzt bestätigt, ergänzt Ana Maria.

"Ich habe die Ergebnisse gesehen. Der Arzt hat gesagt: "Sie haben das nicht mehr." Ein Wunder, ein großes Wunder. Amen."

(Tom Noga)Der Vater der Wunderheilerin predigt (Tom Noga)

Die beiden gehen hinüber zum Gottesdienst. Diesmal predigt Alani: dass Wunder möglich sind, wenn wir nur stark genug glauben. Und alle Krankheiten heilbar. "Halleluja", ruft Carlos Alberto. Marcelo, der Blinde, sitzt wieder in der ersten Reihe. Heute geben vier Personen an, dass Alani sie geheilt hat. Marcelo ist wieder nicht darunter.

"Ich komme wieder, damit sie wieder die Hände auf meine Augen legt. Auch wenn sie mich nicht heilt, spüre ich in diesem Moment Frieden und Ruhe."

Mehr zum Thema

Sklaverei in Brasilien - "Sie lebten mit Rindern in einem Stall"
(Deutschlandfunk Kultur, Weltzeit, 18.12.2017)

Korruptionsskandal um Präsidenten - Polit-Beben in Brasilien
(Deutschlandfunk Kultur, Weltzeit, 13.06.2017)

Gelbfieber in Brasilien - Die Furcht vor einer Epidemie wächst
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 19.04.2017)

Die Reportage

Wo Inklusion aufhörtDer Schulhof
Paulina (zweite von rechts) mit ihren Schwestern. (Elin Rosteck)

Paulina ist 13, gehörlos und geht in eine Regelschule. Sie kommt gut mit, aber auf dem Schulhof wird sie gemieden. Elias geht auf eine Förderschule für Hörgeschädigte und hat dort viele Freunde. Aber er lebt in der Welt der Behinderten. Was ist besser? Mehr

Organtransplantationen Das bange Warten
Ein Styropor-Behälter zum Transport von zur Transplantation vorgesehenen Organen wird am 27.09.2012 in Berlin am Eingang eines OP-Saales vorbei getragen. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

Sie warten auf ein neues Herz, eine neue Leber, Lunge oder Niere. Dabei müssen sie ständig mit der Angst leben, das Sterben könnte schneller kommen als das Organ. Alltag in einem Transplantationszentrum.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur