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Fazit | Beitrag vom 05.04.2018

Spionagevorwürfe gegen Julia KristevaViel Lärm um Nichts

Jürgen Ritte im Gespräch mit Elena Gorgis

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Die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Julia Kristeva ist im Portrait zu sehen mit einer großen, schwarzen Sonnenbrille. Ihre rechte Hand fasst an ihr rechtes Ohr. (imago stock&people/Anan Sesa)
Die Spionagevorwürfe haben Julia Kristeva zutiefst getroffen (imago stock&people/Anan Sesa)

Die gebürtige Bulgarin Julia Kristeva gilt als eine der bedeutensten Intellektuellen in Frankreich. Laut einer Akte soll sie in den 70er Jahren für den bulgarischen Geheimdienst gearbeitet haben. Einschätzungen von Jürgen Ritte.

Die Literaturwissenschaftlerin, Schriftstellerin, Feministin und Psychoanalytikerin Julia Kristeva bekam 1965 dank eines Stipendiums die Ausreisegenehmigung aus ihrem Geburtsland Bulgarien und lebt seitdem in Paris. Sie hatte jahrzehntelang einen Lehrstuhl für Literaturwissenschaft inne, zahlreiche Begegnungen und Kooperationen hatte sie – mit Roland Barthes, Michel Foucault, Jacques Derrida, Umberto Eco. Seit 1967 ist sie mit dem Erfolgsautor Philippe Sollers verheiratet.

Jetzt ist dem französischen Magazin Nouvelle Observateur eine bulgarische Akte zugespielt worden, die nahe legt, dass Julia Kisteva eine Spionin für den Bulgarischen Geheimdienst war. Angeblich soll sie ausspinoniert haben, wie die linke Szene und ins Besonderes die oppositionelle Szene in Frankreich tickt, so der Literaturwissenschaftler Jürgen Ritte. 

Über 300 Seiten auf Bulgarisch - kein einziger Beleg

Zwei Vorwürfe, für die es aber nicht einen einzigen Beleg in den Akten gäbe, die inzwischen nicht mehr nur dem Nouvelle Ops vorliegen, sondern im Internet für Jedermann einsehbar sind. Über 300 Seiten auf Bulgarisch, jedoch falle auf, dass viele Seiten leer sind, meint Ritte: "Es gibt kein einziges Schriftstück von Julia Kristeva selbst in diesen Akten außer irgendeiner Postkarte, wo sie sagt, 'Ich bin gerade in Belgien in den Ferien'. Und die ist an irgendeinen obskuren Führungsoffizier gerichtet. Aber mehr auch nicht. Das heiß es ist eine Angelegenheit mit sehr wenig Substanz. Und sie wäre, glaube ich, nicht so hochgekocht worden, wenn es nicht ausgerechnet Julia Kristeva wäre, eine der prominentesten französischen Intellektuellen der letzten Jahrzehnte, die plötzlich auf diese Art und Weise ins Licht der Aufarbeitung von Geheimdienstvergangenheit geraten ist."

Auslandsstipendiaten müssen immer Bericht erstatten

Sicherlich konnte man als junger Mensch nicht hinter dem Eisernen Vorhang hervorkommen, wenn nicht die Erlaubnis der entsprechenden Regierungsstellen gegeben worden sei. Das Stipendium für Julia Kristeva hatte zwar Frankreich gestellt, allerdings im Rahmen eines Vertrages mit Bulgarien. Laut Jürgen Ritte aber eine Handhabung, die auch heute nicht ungewöhlich ist: "Jeder deutsche Stipendiat, der mit deutschem Staatsgeld ins Ausland geht für ein Jahr, muss hinterher einen Bericht schreiben. Dann sagt er, wie es an der Uni war, an der er gelehrt hat undsoweiter oder studiert hat."

Nur vollkommen unbrauchbare Informationen

Ähnliches habe man vielleicht auch von Julia Kristeva verlangt. Nach den Akten zu urteilen, habe sie aber nichts Schriftliches abgeliefert. Vielmehr "liest man dann in den Akten - immer jetzt laut denjenigen, die sie lesen konnten - dass sie unzuverlässig sei, dass sie zu den Rendezvous nicht komme und dass sie überhaupt nur vollkommen unbrauchbare Informationen abliefere." Rittes Fazit: Viel Lärm um Nichts. 

Viel Lärm um Nichts - jedoch nicht für Kristeva

Jedoch nicht für Julia Kristeva. Die Anschuldigungen hätten sie "zutiefst getroffen". Da sie im Moment an ihrer Biographie schreibe, sehe sie ihr Lebenswerk zerstört, fühlt sich angegriffen von eine Konspiration. Der Grund für die Veröffentlichung der Akte sei aber ein anderer, so Ritte. Kristeva wollte für eine bulgairsche Zeitschrift arbeiten und "in Bulgarien gibt es auch eine Art Anti-Geheimdienst-Gesetz, das eben besagt, dass jeder der vor 1976 geboren ist, durchleuchtet wird, bevor er von irgendwelchen bulgarischen Stellen eingestellt wird. Das ist offenbar hier passiert und so ist diese Akte zu Tage getreten in Bulgarien und so hat der Nouvelle Observateur sie bekommen. Das ist natürlich ein journalistisches Thema und so ist daraus eine riesen Affäre geworden."

Dennoch, meint Literaturwissenschaftler Ritte, in der Öffentlichkeit habe es Julia Kristeva nicht geschadet: "Jeder kann sich seinen Reim machen auf eine vollkommen leere Akte". 

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