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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 09.04.2017

Spielsucht unter MigrantenAdrenalinpegel ständig am Anschlag

Von Imke Hansen und Can Mansuroglu

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Spielautomat, bei dem 5 Cent eingesetzt wurden. (Hansen/Mansuroglu )
Manchmal ist der Einsatz groß, mal klein: Hier liegt er bei fünf Cent. (Hansen/Mansuroglu )

Ob in Sportwettbüros oder in Spielotheken: Unter den Spielsüchtigen sind auffällig viele Migranten. Spezielle Hilfsangebote für sie gibt es noch wenig. Dabei ist die schummrige Welt voller blinkender Automaten mittlerweile ein etablierter Treffpunkt gerade für junge Einwanderer.

Sami starrt gebannt auf die rotierenden Bildchen. Burgen, Prinzessinnen, Ritter. Mit der rechten Hand drückt er alle zweieinhalb Sekunden auf den blinkenden Startknopf. In der Linken hält er einen kleinen Stapel Zwei-Euro-Münzen. So als wolle er sich stets versichern, dass noch etwas Geld zum Nachwerfen da ist. Zwei Ritter, eine Prinzessin. Ein Ritter fehlt Sami. Dann hätte er 30 Euro gewonnen.

Das klingt vielleicht nicht viel, aber Automatenspielen ist nicht wie Lotto. Alles hier geht viel schneller. Der Adrenalinpegel ständig am Anschlag. Das macht das extrem hohe Suchtpotenzial von Automatenspiel aus. Es ist das Heroin unter den Glücksspielen. Ganz kurze Kicks. Jedes Mal, wenn die Walzen rotieren. Da sind 30 Euro als Gewinn schon ganz ordentlich. Die hätten Samis Verluste der letzten zehn Minuten wieder ausgeglichen. Hätten. Wenn.

24 Euro Verlust in zehn Minuten

Gerade spielt er bei kleinstem Einsatz. Bloß 10 Cent pro Spiel. Aber ein Spiel dauert auch gerade mal zweieinhalb Sekunden. Also verliert Sami 24 Euro in 10 Minuten, weil er dieses Mal zwischendurch nichts gewinnt. Und gleich ist sein Geld alle. Er erhöht den Einsatz auf 30 Cent pro Spiel – je näher der Bankrott rückt, desto verzweifelter die Hoffnung.

Vor gut zehn Jahren kam er aus Nordafrika nach Europa. Nicht auf der Flucht vor Krieg oder Hunger, sondern auf der Suche nach dem Glück. Voller Hoffnung. Sami ist mittlerweile 38 Jahre. So hatte er sich das alles nicht vorgestellt. Er wirft ein paar zwei Euro Münzen nach.

Außer Sami sind in der Spielothek fast nur Türken. Ein paar andere Araber und ein einsamer Chinese. Auch Deutsche kommen ab und zu mal rein. Spielen und gehen wieder. Aber Sami und ein paar seiner Kumpel sind fast immer hier. Die Spielothek ist so etwas wie ein Treffpunkt der Gruppe. Hier ist es warm, es gibt Gratis Kaffee und man darf rauchen - die Spielothek als ausgelagertes Wohnzimmer. Nicht nur Sami und seine Truppe, auch viele andere, oft jüngere Migranten, treiben sich in der Spielothek herum. Eine Risikogruppe für Spielsucht sind die 18–25-Jährigen.

Die Spielhallenaufsicht kennt Sami und seine Freunde schon. Sami, Isa und Ali sind jeden Tag hier. Rauchen, trinken Filter-Kaffee, und spielen natürlich. Rumhängen ohne zu spielen ist in Spielhallen nicht gerne gesehen.

Islam verbietet Glücksspiel  

Unter Spielsüchtigen haben auffällig viele junge Männer türkischen oder arabischen Migrationshintergrund. Experten vermuten geringen Bildungsstand und wenig Perspektive auf dem Arbeitsmarkt als Ursachen. Es ist jedoch nicht so, dass Spielen unter Muslimen salonfähiger wäre als in der Kneipe zu trinken. Glücksspiel ist im Islam so verboten wie das Trinken und unter Muslimen auch in der Praxis gleichermaßen verpönt.

In Deutschland gibt es etwa 9000 Spielotheken und über 300.000 Spielautomaten. Zum Vergleich: Die Anzahl aller Geldautomaten in Deutschland liegt bei knapp 60.000. Das Aufstellen von Glücksspielgeräten ist theoretisch streng geregelt. Ein Automatencasino soll maximal zwölf Automaten aufstellen dürfen. Aber die Gesetze werden umgangen, indem die Betreiber Räume als baulich getrennt ausweisen und so mehrere Konzessionen erhalten. Und auch sonst ist der sogenannte Spielerschutz nicht sehr wirksam, auch dank sehr erfolgreicher Lobbyarbeit der Automatenindustrie.

Eingang eines Automatenkasinos mit dem Schriftzug "Spielothek", aufgenommen 2015 in Berlin (picture alliance / dpa / Alex Heinl)Eingang eines Automatenkasinos (picture alliance / dpa / Alex Heinl)

Sami drückt sich in den Hauseingang vor der Spielothek. Er hat selbst die letzten sechs Euro Zigarettengeld verspielt. Samis erstes Mal in einer Spielothek, das war genau so ein Tag wie heute.

Er hat sich mit ein paar Kumpels herumgetrieben und die spielten damals schon hin und wieder. Über sechs Jahre ist das schon her.

Von Anfang an verloren

Bei vielen Spielern fängt es mit einem unverhofften Gewinn an. In der Kneipe ein bisschen Kleingeld in den Automaten geworfen und zack 140 Euro rausgeholt. Und dann in der Hoffnung auf den nächsten Gewinn auch mal in eine Spielothek. Bei Sami aber war es ganz anders. Viel trauriger. Die Geschichte seiner Sucht hat schon mit dem Verlieren angefangen.

"Mein Kollege, glaube ich, hatte in Tasche so 20 Euro. Und hat verloren... Und in meiner Tasche waren 6,50 Euro. Hat mir gesagt 'probieren, probieren'. Und ich sag: 'Lass mich in Ruhe'. Ich wollte nicht probieren."

Sami erzählt, wie er sich damals sträubte. So wenig Geld habe er damals gehabt. Aber Samis Kollege ist überzeugend. Und Sami verliert 1,50 Euro.

"Er hat mir gesagt: 'Hast du noch 5 Euro in der Tasche. Versuch zurück Deine 1,50 Euro.'"  

Mit dem Verlust der 1,50 Euro beginnt ein Teufelskreis, den Sami damals noch nicht durchschaut. Was er als Nächstes tat, hört sich für einen Nicht-Spieler völlig verrückt an: Er geht nach Hause und holt sein ganzes Geld. 50 Euro – und bringt es in die Spielhalle um seine 6,50 wiederzubekommen.

"Mit diese Tag bis jetzt immer da und immer spielen und ich kann nicht aufhören."

Dreieinhalb Jahre "clean"

Der 33-jährige Tunay dreht seine Runde. Er hat eine sportliche Statur und die Haare sind frisch geschnitten. Intelligent, gute Umgangsformen, wache Augen. Tunay spielt schon seit dreieinhalb Jahren nicht mehr. Trotzdem schaut er regelmäßig hier vorbei, um ein paar bekannte Gesichter zu sehen. Hier und im Sportwettbüro hat er oft ganze Tage verbracht.

Er kam als 13-Jähriger mit seinen Eltern aus der Türkei. Hier in der Spielothek trifft er viele Landsleute. Kann türkisch reden, was ihm immer noch leichter fällt als sich auf Deutsch zu unterhalten. Er gibt einem jungen Mann die Hand, einem älteren Herren nickt er respektvoll zu. Ein paar Meter weiter konzentriert sich Sami unterdessen schon wieder aufs Spiel.

Bei weitem nicht alle hier sind Sozialhilfe-Empfänger und Arbeiter. Unter Tunays Freunden haben einige angesehene Berufe, haben studiert, verdienen sehr gut und kommen trotzdem hierher. Um einen von ihnen macht Tunay sich momentan besonders große Sorgen.

"Er kann nachts nicht schlafen. Mitten in der Nacht steht er auf und kommt extra her. 'Was willst Du hier?' - 'Kaffee trinken.' Und sobald Du ihm sagst: 'Du bist süchtig', dreht er durch. Er sagt 'nein ich bin nicht süchtig. Ich hab alles unter Kontrolle. 'Wie hast Du alles unter Kontrolle? Du bist jeden Tag hier.'"

Fünf Eigentumswohnungen verspielt   

Lange hält Tunay es hier in der Spielhalle nicht aus. Er bekommt Kopfweh davon, sagt er. Und er spricht von richtig physischen Schmerzen. Ihn belastet es, dass so viele seiner engeren Freunde und allgemein seiner Landsleute so große Probleme mit dem Spielen haben.

Einer der Stammgäste, ebenfalls aus der Türkei, hat schon vier oder fünf Eigentumswohnungen verspielt. Er selbst 50.000 Euro innerhalb eines Jahres. Keiner sei damals zu ihm durchgedrungen. Und seiner Frau habe er fast täglich Lügen aufgetischt, um nicht aufzufliegen.

"Ich habe gesagt heute ist eine Beerdigung, heute ist das, heute hat ein Kollege Geburtstag und wir gehen Billard spielen. Immer Lügen Lügen, Lügen, Lügen."

Ungefähr eine halbe Million Menschen in Deutschland gelten als spielsüchtig. Sie sind diejenigen, die die Kassen der Automatenbetreiber füllen. Absolut gesehen kommen die größten Einnahmen nämlich von wenigen Spielern. Von Spielsüchtigen, von Kranken. Die Freizeitspieler, die nur ein paar wenige Euro im Monat in die Automaten stecken, lohnen sich für die Betreiber nicht.

Ohne professionelle Unterstützung hätte auch Tunay es wohl niemals geschafft aufzuhören.

Hilfe bei der Suchtberatung

Hamburg-Wilhelmsburg. Noch ist von der erwarteten Gentrifizierung nichts zu sehen. Dafür umso mehr Kioske und türkische Teestuben. Und Spielotheken. Ausländeranteil deutlich über 50 Prozent. In Wilhelmsburg sind Spielotheken und Spielsucht ein echtes Problem. In der Suchtberatungsstelle Kodrobs arbeitet Abuzer Cevik. Einer von ganz wenigen Suchtberatern, die auf Migranten spezialisiert sind. Er leitet unter anderem eine Gruppe für türkische und kurdische Migranten mit Suchtproblemen.

"Spielsucht ist ja ein Verbrechen und für Verbrecher 'ne Behandlung? Das ist unvorstellbar! Das ist erst Mal die Einstellung. So wird auch denen in der Familie, im Freundeskreis oder mit der Frau so vermittelt: Du bist ein Verbrecher, Du bist verantwortungslos. Aber von keinem, also selten kommt die Idee: Such Dir Hilfe, Du bist spielsüchtig. Das ist eine Krankheit."

Suchtberater Abuzer Cevik (Hansen/Mansuroglu)Suchtberater Abuzer Cevik (Hansen/Mansuroglu)

Tunay nimmt auf dem Stuhl Platz, auf dem er schon so oft gesessen hat. Er schaut gequält. Dreieinhalb Jahre nicht spielen, das ist eine lange Zeit. Aber immer noch viel zu  kurz, um alles zu verarbeiten. Man sieht ihm an wie sehr ihn belastet, was er seiner Frau angetan hat.

Spielsucht riecht man nicht

Die Selbstmordrate unter Spielern ist extrem hoch. Deutlich höher als bei anderen Suchterkrankungen. Sich die Schuld einzugestehen und dann aufzuhören, das ist nicht einfach. Oft sind die Angehörigen lange ahnungslos. Spielsucht riecht man nicht – wie Alkohol – und die Spieler behalten die quälenden Schuldgefühle für sich. So lange es eben geht.

"Als ich beim Arbeiten war, sie war Bank. Sie hat Kontoauszug geholt. Sie hat gesehen, dass die große Summe weg ist. Du weißt, wenn wir heiraten, bekommt man diese große Summe geschenkt. Ich hab' alles verspielt. Sie ist auch ohnmächtig geworden in Bank. Diese Bank-Leute haben geholfen. Wasser gegeben und gefragt: 'Was ist los, erzählen Sie' - 'Irgendwas stimmt nicht' - 'Wie  denn?' - 'Kommen sie, geben sie mal ihre Karte, wir gucken mal' - 'Nee das stimmt, ist nicht da...'"

In dem Moment brach Tunays Selbstbetrug zusammen. Der Bank-Mitarbeiter wusste sofort, was los ist.

"'Spielt ihr Mann?' - 'Wie, spielen? Nein. Wie kommen Sie auf so was? Wieso?' - 'Es kann nur spielen sein. Ich spreche aus Erfahrung', sagt die Person - wie kann ein Mensch jeden Tag zehn Mal Geld abheben. Jeden Tag zehn Mal. Jeden Tag."

Immer mehr Flüchtlinge kommen in die Spielothek

Tunay ist froh, dass es in Wilhelmsburg einen türkischsprachigen Suchtberater und die Gruppe gibt.

Das ist immer noch selten, obwohl doch so viele Menschen mit türkischem Hintergrund in den Strudel der Spielotheken und Wettbüros geraten. Aber, sagt Tunay, ihm ist in letzter Zeit aufgefallen, dass viele neue Gäste in den Spielotheken sind. Auch in seinem alten Stammladen.

Flyer in der Suchtberatungsstelle Kodrobs in Hamburg-Wilhelmsburg (Hansen/Mansuroglu)Flyer in der Suchtberatungsstelle Kodrobs in Hamburg-Wilhelmsburg (Hansen/Mansuroglu)

Tunay hat es geschafft, weil er irgendwie Abuzer Cevik gefunden hat, der ihn versteht und der ihn in eine stationäre Therapie vermittelt hat. Und weil er eine Familie hat, die ihn unterstützt. All das haben viele neu ankommende junge Migranten aus dem arabischen Raum nicht. Sami zum Beispiel oder seine Freunde Isa und Ali. Sie wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen. Und auch Tunay musste erst seine Frau verlieren, bis er begreifen konnte. Das hallt bis heute nach.

"Ich hab so viel Kohle gehabt und wir waren nicht mal ein Mal im Urlaub. Nicht mal einmal Urlaub. Was ist Urlaub? Bezahlst Du 8900 Euro und bist 'ne Woche weg mit Deiner Frau. All Inclusive mit Flug Hotel und das und dies. Das hab ich nicht gemacht, weil kein Interesse. Sie wollte das. Ich hab gesagt, machen wir, machen wir, machen wir. Aber hab ich nicht. Hab' jeden Tag für mich 800 Euro, aber diese Euro hab ich nicht gehabt. Das bereue ich immer noch."

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