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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.05.2009

Spielend gegen die Obrigkeit

Der Begründer des "Theaters der Unterdrückten", Augusto Boal, ist tot

Von Peter B. Schumann

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Die Straße ist ihre Bühne: Bei Augusto Boals Konzept des "Theaters der Unterdrückten" sollen die Zuschauer zu Protagonisten werden.  (AP)
Die Straße ist ihre Bühne: Bei Augusto Boals Konzept des "Theaters der Unterdrückten" sollen die Zuschauer zu Protagonisten werden. (AP)

Der Dramaturg und Regisseur Augusto Boal ist am Samstag im Alter von 78 Jahren in Rio de Janeiro gestorben. In dem von ihm konzipierten "Theater der Unterdrückten" werden die Zuschauer zu Protagonisten. Sie greifen in das Geschehen auf der Bühne ein und arbeiten dadurch an ihrer eigenen Befreiung.

Sein Buch "Theater der Unterdrückten" ist ein Welterfolg: In 25 Sprachen wurde es übersetzt, allein in Deutschland sind seit der ersten Auflage 1979 bisher rund 50.000 Exemplare erschienen. Wohlgemerkt: von einer Theorie des politischen Theaters, das sich an Menschen im Elend wendet, an Ausgegrenzte aller Gesellschaften und sie zum Nachdenken und zum Handeln bewegen will.
Augusto Boal hat dieses Theater der Unterdrückten in den 60er-Jahren entwickelt als einen radikalen Gegenentwurf zu dem in Brasilien vorherrschenden Theater des Bildungsbürgertums, das ausländische Stücke schätzte und sich ihre Inszenierungen von ausländischen Konzernen bezahlen ließ.

Er verlegte zunächst die Handlung in die Mitte der Zuschauer, denn er wollte keine Distanz, sondern Einbeziehung des Publikums. Er wollte dessen Passivität nicht nur – wie sein großes Vorbild Brecht – durch Reflexion überwinden, sondern es zum Mitwirken motivieren, zuerst im Theater und danach in der Gesellschaft. Dazu brauchte er neue Schauspieler, die nicht mehr die Aura des Künstlers besaßen. Und eine neue Methode ihrer Ausbildung sowie eines ganzheitlichen Trainings. Er betrachtete sich auch nicht als Regisseur, sondern als Anreger eines kollektiven Arbeitsprozesses.

1971 trieb ihn die brasilianische Militärdiktatur ins Exil. Nun konnte er in Lateinamerika und später in Europa seine Methode unter anderen kulturellen und politischen Bedingungen weiterentwickeln und bei einem seiner vielen Arbeitsbesuche in Deutschland sagen:

"Das Theater der Unterdrückten ist vielfältig einzusetzen, denn es besitzt keinen vorgefertigten Inhalt"," so Augusto Boal.

""Es ist ein System, das jedem erlaubt, seine eigene Wirklichkeit in der Sprache des Theaters auszudrücken. Es lässt sich sogar in der Psychotherapie und in der Politik anwenden. Darin liegt sein Erfolg."

Legislatives Theater hat er zum Beispiel seinen Versuch einer direkten Demokratie genannt. Das war Mitte der 90er-Jahre, und man hatte ihn zum Stadtrat im Parlament von Rio de Janeiro gewählt. Soziale Probleme wie Gewalt gegen Frauen oder Diskriminierung von Schwarzen wurden in Theaterszenen vorgeführt und dann mit dem Publikum erörtert. Daraus entstanden fast sechs Dutzend Gesetzentwürfe, 13 von ihnen wurden sogar Gesetz.

Als Anfang der 90er-Jahre der erste wieder demokratisch gewählte Präsident Collor de Mello die progressive brasilianische Kultur durch den Entzug von Fördermitteln auszutrocknen versuchte, reagierte Augusto Boal mit einem "Theater des Elends".

"Mit Mitteln des Theaters, der Musik und der bildenden Kunst werden wir ein großes Spektakel inszenieren, denn wir stehen praktisch vor dem Ruin. Das ist kein armes Theater mehr, sondern ein elendes"," so Augusto Boal.

""Wir werden das Volk auf öffentlichen Plätzen um die dafür nötigen Produktionsmittel bitten: um Tische und Stühle, gebrauchte Kleidung, ein Telefon. Und außerdem werden die Stars unseres Kulturbetriebs auf der Straße um Almosen für die Kultur betteln, die dieser Präsident zerstören will."

Wenn es auch längst andere Namen angenommen hat, so ist doch sein "Theater der Unterdrückten" nach wie vor aktuell. Es wird beispielsweise als unsichtbares Theater auf Straßen und in Kaufhäusern praktiziert. Schauspieler mischen sich unter die Menge und spielen einzelne Szenen, ohne dass diese als solche erkennbar sind. Dadurch lassen sich Reaktionen provozieren oder testen, lassen sich Menschen unvermittelt in die Aufarbeitung eines Problems einbeziehen.

Partizipatives Theater in allen nur denkbaren Formen – das war sein Ziel. Dabei wollte er "keine richtigen Antworten" geben, sondern "die richtigen Fragen" stellen. Seine letzte öffentliche Äußerung – eine Botschaft zum diesjährigen Welttag des Theaters – klingt zwar etwas resigniert:

"Wir sitzen immer noch als Zuschauer in der hintersten Reihe."

Aber seine Idee von der Veränderbarkeit der Gesellschaft durch Theater hat längst unter den zahllosen Lesern seiner theoretischen Schriften und Erfahrungsberichte Nachfolger gefunden – auch wenn er nun von der Weltbühne abgetreten ist: Augusto Boal, der unvergessliche Anreger und Praktiker des politischen Theaters.

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