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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 23.12.2014

SpaziergangswissenschaftWahrnehmen, was ist

Von Roland Söker

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Die Fußgängerzone Westernstraße in Paderborn (dpa / picture alliance / Robert B. Fishman)
Die Fußgängerzone Westernstraße in Paderborn (dpa / picture alliance / Robert B. Fishman)

Spazierengehen kann tatsächlich eine Forschungsmethode sein. In den 1980er-Jahren begründete der Soziologe Lucius Burckhardt die Promenadologie. Die Kunststudentin Stefanie Hamann erforscht die Münchner Fußgängerzone.

"Es ist so eine Art Rückbesinnung auf die Langsamkeit. Weil die Promenadologie hat ihren Ursprung im bürgerlichen Spaziergang des 18./19.Jahrhundert, wo man eben noch gehen musste und dann kam irgendwann die Eisenbahn, dann mittlerweile die S-Bahn und U-Bahn und man wird immer schneller und blendet das dazwischen eigentlich völlig aus."

Stefanie Hamann ist Studentin der Bildhauerei an der Kunstakademie München. Für sie ist der Spaziergang ein Weg, die Sinne zu öffnen und Erkenntnisse zu sammeln – die Fußgängerzone also einmal anders wahrzunehmen als bei der üblichen Shoppingtour.

"Es geht ganz viel um die Leute"

Gemeinsam mit Stefanie Hammann mache ich einen kleinen Spaziergang durch die morgendliche Fußgängerzone – mal sehen, was es zu entdecken gibt.

"Es ist alles so am Wachwerden, ich sehe hier auch so, die ganzen Biertische in den typisch bayerischen Restaurants sind noch alle leer. Und jetzt stehen die Leute teilweise am Gemüsestand an."

Es sind auch noch ein paar Autos unterwegs, der Rest des Ladeverkehrs am Morgen.

"Wenn wir in eine Fußgängerzone gehen, erwarten wir Bänke, Cafés und nette Läden. Und wenn dann etwas wie eine Baustelle oder Autos plötzlich auftauchen, dann sind wir erstmal ein bisschen enttäuscht. Und gerade da wird es bei der Promenadologie interessant, wenn man genau hinschaut, was passiert da, warum ist da eine Baustelle, warum fahren da die Autos? Da erfährt man dann meistens mehr, als wenn man nur von den üblichen Sehenswürdigkeiten ein Foto macht. Es geht nicht um die Monumente und die Bauten, sondern es geht eben ganz viel um die Leute.

Sitzen und die Baustelle angucken

Auf halbem Weg zwischen Stachus und Marienplatz weitet sich die Fußgängerzone. Um einen Brunnen sind Stühle und Blumenbeete gruppiert, gegenüber entsteht -unüberhörbar - ein neues Ladenareal auf einer riesigen Baustelle. 

Hier ergibt sich ein lustiges Bild, weil wir mitten vor dieser Baustelle sind, wo gehämmert und geklopft wird und davor ist ein Springbrunnen und Blumenbeete und jede Menge Sitzgelegenheiten und die sind wirklich gut besetzt von mehreren älteren Herren, die sich anscheinend die Baustelle angucken.

"Genau, ja, das ist ein bisschen grotesk, aber anscheinend ist dieser Brunnen eine Art Sehenswürdigkeit, die trotzdem genossen werden kann. "

Und es sind auch die einzigen kostenlosen Sitzmöglichkeiten. Wir sind gerade eben an mehreren Cafés vorbeigegangen, die eben noch nicht besetzt waren, aber hier kann man sich halt ohne Konsumzwang niederlassen und dann nimmt man auch eine Baustelle in Kauf.

Wissenschaftliche Methode oder Kunstperformance?

Ein paar hundert Meter weiter kommen wir ins Gespräch, inwieweit es sich bei der Promenadologie wirklich um eine wissenschaftliche Methode handelt. Stefanie Hamann zeigt mir das von Lucius Burkhard veröffentlichte Lehrbuch. Einige der darin  beschriebenen Methoden erinnern eher an eine Kunstperformance. Oft geht es auch einfach darum, die ästhetische Wahrnehmung der Umwelt zu schulen.

Autor: "Kann man denn so eine Fußgängerzone auch als ästhetische Skulptur begreifen?"

Hamann: "Natürlich, entweder die ganze Fußgängerzone als eine Skulptur oder zum Beispiel abends, wenn dann die ganzen Stühle von den Gaststätten aufgetürmt sind, das sind dann auch immer wieder so kleine Skulpturen oder Installationen, die aus dem Alltag kommen. Das finde ich sehr interessant. Zum Beispiel diese durch den Wind aufgewirbelte Tischdecke – ist natürlich der klassische Faltenwurf … und ich hab auch schon beobachtet, dass Passanten diese Tischdecken wieder zurechtzupfen."

Söker: "Das deutet ja darauf hin, dass sie das hier als ihr eigenes Wohnzimmer wahrnehmen, wenn sie hier sogar Ordnung schaffen. "

Hamann: "Ja genau, für viele sind öffentliche Plätze oder Fußgängerzonen so eine Art Wohnzimmer."

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