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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.09.2006

Spagat zwischen Mythologie und Gegenwart

China hören - Ein Hörbuch für die Sinne

Rezensiert von Adelheid Wedel

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Rund 4000 Jahre Kulturgeschichte auf einer CD. Himmelstempel in der Verbotenen Stadt. (AP)
Rund 4000 Jahre Kulturgeschichte auf einer CD. Himmelstempel in der Verbotenen Stadt. (AP)

Selten ist man so entspannt gereist. Augen zu, zurück lehnen und genießen: China, Land der Mitte. Vom ersten Kaiser Chin Chi Huang, entlang der großen Mauer, in die verbotene Stadt bis in die moderne New City - "China hören" nimmt den Hörer mit auf eine Reise durch Chinas Geschichte, Kriegsführung, Kunst, Kultur, Wirtschaft und Handel.

""Die erste Tasse Tee vertreibt die Benommenheit im Kopf. Ein wohliges Gefühl durchströmt den Körper wie beim Anblick des heiteren Himmels. Die zweite Tasse wäscht die Seele rein so wie ein Regen allen Schmutz und Staub wegspült. Mit der dritte Tasse schließlich gelangt man auf den Pfad der Erkenntnis"."

China und Tee – diese perfekte Kombination zählt zu unserem Allgemeinwissen. Also Tee muss in einem Hörbuch über China vorkommen. Und sonst? Rund 4000 Jahre Kulturgeschichte – was wählt man aus? Antje Hinz ist das Wagnis eingegangen und präsentiert in nur rund 80 Minuten das "Reich der Mitte von der Mythologie bis in die Gegenwart". Es entstand ein kulturhistorische Spurensuche, bei der die Vergangenheit Chinas größeren Raum einnimmt als die Gegenwart. Ab und zu gibt es Verweise auf enge Verbindungen zwischen dem Gestern und Heute. Immer dann wird es besonders spannend. Zum Beispiel, wenn aus dem Buch "Die Kunst des Krieges" zitiert wird, der ältesten militärischen Abhandlung der Welt. Dieses zeitlose Lehrbuch empfiehlt bis heute, wie sich Konflikte gewaltlos lösen lassen.

""Die größte Leistung besteht darin, den Widerstand des Feindes ohne einen Kampf zu brechen. Sunse rät, die Fehler des Gegners zu nutzen, um ihn zu schlagen. Warum soll man etwas zerstören, wenn man durch Tarnung und List zum Ziel gelangen kann? Die 'Kunst des Krieges' erweist sich als Fundgrube für heutige Unternehmensberater. Sie übertragen die uralten Kriegstaktiken auf die moderne Geschäftswelt. Wie verhält man sich in Konkurrenzsituationen? Wie beweist man Führungskompetenz? Nicht nur in China gehört der 2500 Jahre alte Klassiker zur Pflichtlektüre erfolgreicher Manager"."

So wie die Autorin versucht, Vergangenheit und Gegenwart zu verknüpfen, bedingen auch Musik und Text einander. Darauf vor allem beruht die geradezu suggestive Kraft, mit der man in das Hörabenteuer China hineingezogen wird. Rund 60 Musikbeispiele künden vom Reichtum der chinesischen Musikwelt, führen verschiedene Musikinstrumente vor und erklären die Besonderheiten der chinesischen Oper.

Manches davon dürfte inzwischen auch im hiesigen Kulturraum bekannt sein, wenn auch nicht in der Detailtreue wie es das Hörbuch vermittelt. Ebenso ergeht es uns mit der Philosophie der Chinesen. Wir haben vom Konfuzianismus gehört, doch was genau beinhaltet er? Und der Daoismus?

""Die daoistische Lehre greift Gedanken auf, die in China bereits lange im Umlauf sind. Die Vorstellungen von Himmel und Erde, von den fünf Elementen und der kosmischen Energie Chi. Sie fließen in das Daodechin ein, das Buch vom Weg und seiner Kraft. Es beschreibt, wie aus einem geheimnisvollen Ursprung erst Yin und Yan und dann alle Dinge der Welt entsprangen, dass Gegensätze einander bedingen und ergänzen. Das Auf und Ab der gegensätzlichen Kräfte verursacht die Veränderungen und den Fortgang der Welt. Nur wer sich dem Dao übergibt und sich in das Universum einordnet kann innere Freiheit erlangen"."

Der Schauspieler Rolf Becker erzählt von China in ruhiger Lesart. Sein im besten Sinn unauffälliges Lesen stellt sich ganz in den Dienst des Inhalts und vermeidet so jegliche Koketterie mit dem Wissen. Wir erfahren, dass 200 Jahre vor unserer Zeitrechung 1000 Töpfer eine Terrakotta-Armee für die Grabkammer des ersten chinesischen Kaisers formten, bestehend aus 7000 Kriegern und Pferden. Die durch festes Einbinden entstehenden kleinen Lotosfüße der Chinesinnen dienten nicht nur dem Schönheitskult, sondern fesselten die Frau auch an Haus und Mann. In China erfand man bewegte Lettern schon 400 Jahre vor Gutenberg, und auch das Porzellan ist eine originär chinesische Erfindung. Schade, dass bei diesem komprimierten Gang durch die Jahrtausende die Gegenwart zu kurz kommt, hält doch gerade die jüngste Entwicklung Chinas die Welt in Atem,

""…wie sie der Hamburger Architekt Meinard von Gerkhan sieht: China ist wie Utopia, sagt er. Die Chinesen beauftragten ihn, vor den Toren Shanghais eine neue Musterstadt zu planen: New City. Sie ist komplett am Reißbrett entworfen nach dem Vorbild der Partnerstadt Hamburg. Ein riesiger künstlicher See mit einer 300 Meter hohen filigranen Stahlnadel in der Mitte. Sie versprüht an der Spitze Wasser und vernebelt es zu einer Wolke. Eine neue Stadt unter dem Himmel"."

Antje Hinz: China Hören
Silberfuchs-Verlag Hören und Wissen, August 2006
CD, 23 Euro

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