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Dienstag, 16.01.2018

Sein und Streit | Beitrag vom 04.12.2016

Soziologe Didier EribonWarum die Arbeiterklasse nach rechts rückt

Moderation: Simone Rosa Miller

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Der französische Soziologe Didier Eribon im Studio von Deutschlandradio Kultur. (Deutschlandradio - Andreas Buron)
Der französische Soziologe Didier Eribon im Studio von Deutschlandradio Kultur. (Deutschlandradio - Andreas Buron)

Der französische Soziologe Didier Eribon beschäftigt sich in "Rückkehr nach Reims" mit der Frage: Warum wählen große Teile der Arbeiterschaft nicht mehr links sondern rechts? Er hält die linke Elite für mitverantwortlich: Diese habe den Klassenbegriff eliminiert - die Rechte besetze nun dieses Thema.

Der Soziologe und Intellektuelle Didier Eribon ist ein Arbeiterkind aus dem französischen Reims. Er kennt sich also bestens aus in der Klasse - Eribon verwendet bewusst diesen Begriff  –, zu der seine Familie gehört. 

"Statistisch gesehen bin ich ein Wunder", sagt Eribon. In Frankreich sei es unverändert so, dass Familie, Schule und die richtige Universität entscheidend für den Platz im Leben und die Weichen zum Erfolg seien.

Autobiografische Milieuanalyse

"Man hat eigentlich ein vorbestimmtes Schicksal, wenn man aus ärmeren Schichten der Gesellschaft stammt." Der Analyse dieses gesellschaftlichen Zustands widmet Eribon sich in seinem Buch "Rückkehr nach Reims". Er beschreibt darin zum einen seine Reise nach Reims - 20 Jahre nach seiner "Flucht" nach Paris - zur Beerdigung seines Vaters: Die Erinnerungen, die dabei wach werden, die Konfrontation mit seiner Familie, von der er sich als junger, intellektuell interessierter Schwuler regelrecht flüchtete, um zu überleben.

Doch Eribons autobiografische Milieu-Analyse spiegelt natürlich nicht nur seine persönliche Geschichte wider, sondern ist auch ein Erklärungsversuch dafür, warum die französische Arbeiterklasse von traditionell linken Wählern zu Anhängern der Front National geworden ist.

Die französische Linke hat den Klassenkampf abgeschafft

Eribon sieht die Ursache vor allem bei der französischen linken Elite: Wenn man sich die französische – eigentlich die gesamt europäische Sozialdemokratie – der vergangenen Jahre anschaue, dann werde deutlich, dass diese, zusammen mit den Intellektuellen an Universitäten versucht hätten, "die Notion von Klassen abzuschaffen, das Vokabular abzuschaffen. Und das hat, meiner Meinung nach, dazu geführt, dass wir heute ganz andere Entwicklungen haben." Es sei wichtig,  dieser sozialdemokratisch-intellektuellen Negierung von Klassenkampf etwas – eine neue intellektuelle Analyse - gegenüberzustellen, worüber man zu einer neuen Wahrnehmung sozialer Realitäten finde.

"Die linke Sozialdemokratie hat in gewisser Weise etwas eliminiert, was jetzt von Rechts für sich beansprucht wird."

Früher, während seiner eigenen Kindheit, stand der Begriff "wir Arbeiter" für die gemeinsame Opposition gegen kapitalistisch-bourgoise Fabrikbesitzer. 

"Wenn heute in meiner Familie von ‚wir Arbeiter‘ gesprochen wird, dann richtet sich das gegen Einwanderer und gegen politische Eliten", sagt der Soziologe.

Front National bedient die Bedürfnisse

Und leider müsse man feststellen, dass in dieser Situation die Front National als einzige Partei in Frankreich den Eindruck vermittle, als sie wolle etwas im Interesse der Arbeiter tun. Die regierenden Sozialisten hätten durch einige Gesetzesänderungen leider genau das Gegenteil signalisiert und getan.

Die Folge: Bei den letzten Regionalwahlen hätten 51 Prozent der Arbeit Front National gewählt. Es sei eben kein Naturgesetz, dass die Arbeiterklasse automatisch links wähle. Im übrigen, betonte Eribon, müsse auch mit einigen anderen Mythen aufgeräumt werden – wie etwa dem, dass man die Arbeiterklasse automatisch für ihren aufrechten Kampf um soziale Gerechtigkeit für alle Zeit lieben müsse. So habe er bereits als Jugendlicher die Erfahrung gemacht, dass "aus dieser Klasse auch Rassismus, Homophobie und Sexismus kamen."

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims 
Suhrkamp edition, Berlin 2016
240 Seiten, 18 Euro

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