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Freitag, 19.01.2018

Interview | Beitrag vom 15.12.2017

Soziale MedienWas Facebook mit unseren Gehirnen macht

Franca Parianen im Gespräch mit Dieter Kassel

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Eine Computersimulation des menschlichen Gehirns mit roten bis blauen Flächen. Je rötlicher ein Areal, desto mehr Myelin ("weiße Substanz") gibt es dort. (Nature / Matthew F. Glasser, David C. Van Essen)
Was passiert mit unserem Gehirn, wenn wir exzessiv in den sozialen Medien unterwegs sind? (Nature / Matthew F. Glasser, David C. Van Essen)

Warum werden einige Jugendliche regelrecht süchtig nach sozialen Medien? Facebook etwa bediene sich raffinierter Mechanismen, um Usern vorzugaukeln, sie seien dort unersetzlich - und Facebook unentbehrlich für sie, sagt Neurowissenschaftlerin Franca Parianen.

"Nur Gott weiß, was Facebook mit den Gehirnen unserer Kinder anrichtet." Sean Parker hat das gesagt, und er ist immerhin der erste Präsident des Unternehmens Facebook. Gut Frage: Was stellen soziale Medien mit unserem Denken und Fühlen an? Machen sie gar süchtig?  

Die Neurowissenschaftlerin Franca Parianen vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Leipzig, derzeit als Doktorandin an der Universität Utrecht,  sagt, derzeit gebe es keine genauen Erkenntnisse darüber. Aber: Eine intensive Nutzung von Facebook könne, wird man dort aus einer Gruppe ausgeschlossen, ähnliche schmerzhaft sein wie Mobbing - oder wie Entzugserscheinungen.

Ein Junge surft auf seinem Smartphone bei Facebook. (imago / Bildbyran)Ein Junge surft auf seinem Smartphone bei Facebook. (imago / Bildbyran)

"Soziale Ängste und Freuden sind die intensivsten Gefühle"

"Es ist schon so, dass soziale Ängste und soziale Freude für uns mit die intensivsten Gefühle sind. Wenn wir uns ausgeschlossen fühlen, die Schmerzen, die wir dann haben, sind (...) ähnlich wie echte körperliche Schmerzen. Wenn wir gemobbt werden, ist das nicht viel anders, als sich mit dem Hammer auf den Finger zu hauen, und das ist schon ziemlich krass."

Facebook achte sehr darauf, Suchtverhalten zu verstärken - das sei problematisch, sagt Parianen. "Es ist eine Sache, wenn sich Menschen in Netzwerken austauschen und da versuchen, Kontakte zu finden, und das hat auch sehr viele positive Seiteneffekte. Aber Facebook setzt ja sehr bewusst auch auf solche Mechanismen." Die Freundlichkeit der Begrüßung, wenn man sich einlogge, beispielsweise, sei nur vorgespielt und suggeriere den Nutzern, ihre Peer Group warte sehnsüchtig auf Posts und Likes von ihnen. Allein dies - die freudige Erwartung: Da wartet jemand auf mich! - könne bei Menschen, die für dieses Feedback sehr empfänglich seien, zur Ausschüttung des "Glückshormons" Dopamin führen.


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Schon seit einigen Jahren wird in Deutschland darüber diskutiert, ob intensive Internetnutzung das Gehirn beeinflusst. Jetzt aber ist diese Diskussion quasi auch im Silicon Valley angekommen. Am prägnantesten hat sich da ein Mann geäußert, der ab 2004, kurz nach der Erfindung von Facebook, der erste Präsident dieses Unternehmens war, Sean Parker nämlich hat gesagt: "Nur Gott weiß, was Facebook mit den Gehirnen unserer Kinder anrichtet." Gott ist Franca Parianen nicht, aber sie ist Neurowissenschaftlerin, hat am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in der Arbeitsgruppe Soziale Neurowissenschaften geforscht und ist jetzt Doktorandin an der Universität Utrecht. Frau Parianen, schönen guten Morgen!

Franca Parianen: Guten Morgen!

Kassel: Was wissen denn die Neurowissenschaften wirklich darüber, was Facebook in Kinderhirnen verursacht?

Parianen: Tatsächlich sehr, sehr wenig, so, wie wir auch ziemlich wenig darüber wissen, wie sich unser Gehirn verändert mit dem, was wir tun. Das ist eine sehr neue Erkenntnis, dass sich unser Gehirn überhaupt verändert, und jetzt kommen so die ersten Erkenntnisse rein, dass man merkt, vielleicht, wenn ich den ganzen Tag mit Orientierung verbringe, verändert das ein bisschen den Teil von meinem Gehirn, der für Orientierung zuständig ist. Vielleicht kann auch Jonglieren das Gehirn verändern. Das sind so Studien, wo Leute ganz lange die gleiche Tätigkeit machen, und wir sehen, okay, da passiert irgendwas. Aber dass wir das wirklich verstehen und was genau da passiert, davon sind wir noch weit entfernt.

Kassel: Aber was genau von dem, was man jetzt schon sehen kann, verändert sich denn im Gehirn? Sind das quasi so was wie die neuronalen Strukturen, ist es wirklich eine Veränderung der Hirnmasse, oder was genau passiert?

"Sehr gut, mach das noch mal"

Parianen: Das zum Beispiel können wir bei sozialen Medien noch gar nicht sagen. Wovon dann viel geredet wird, ist diese Idee, es wird Dopamin ausgeschüttet, und das ist eben das, was Lernen bedingt. Dopamin wird ausgeschüttet als Botenstoff, um uns zu sagen, dass wir irgendwas besonders gut gemacht haben. Das sind immer so Belohnungszentren, die aktiviert werden, wo wir merken, ha, das ist gut, das mach ich noch mal. Und das bestätigt uns aber in jeder Menge Verhalten, also zum Beispiel beim Lernen allgemein wird Dopamin ausgeschüttet, beim Sex, wenn wir Babys kuscheln. Also alles, was positiv ist an Emotionen, da sagt uns unser Körper, sehr gut, mach das noch mal.

Und natürlich, wenn wir dann lernen, dass solche Verhaltensweisen gut für uns sind, dann machen wir die auch öfter. Das trifft ja auf all diese Dinge zu. Aber das ist noch mal Lernen im Allgemeinen, das ist, wie wir funktionieren, das ist auch, wie Tiere funktionieren. So lernen wir, was zu tun oder was zu lassen. Verbindungen entstehen, Assoziationen entstehen. Aber das sind erst mal nur Verknüpfungen zwischen einzelnen Neuronen, und die sind noch relativ reversibel, das heißt, sagen wir mal "Use it or loose it". Wenn man keine Zeit mehr damit verbringt und damit aufhört, dann bauen sich diese Veränderungen auch relativ schnell wieder ab. Die Idee, dass sich ganze Strukturen im Gehirn verändern, dass irgendwo Gehirnrinde dicker wird oder dünner, manche Strukturen ausgeprägter oder weniger ausgeprägt sind, so was wissen wir für soziale Medien noch gar nicht, das wissen wir vielleicht für Erziehung, dass das einen Effekt darauf haben kann. Wir wissen das für gewisse Berufsprofile, aber bei den sozialen Medien – die gibt es ja erst so kurz, und die ersten Erkenntnisse, dass sich Strukturen im Gehirn verändern können, kommen auch erst aus den 2000er-Jahren. Da kann man bis jetzt noch nicht wirklich viel sagen.

Kassel: Aber was Sie gerade auch erzählt haben über Botenstoffe, über Belohnung, das würde aber ja zumindest, so verstehe ich Sie jetzt, auch aus Sicht der Neurowissenschaften nahelegen, dass es schon denkbar ist, dass zum Beispiel die Nutzung von Facebook oder anderen digitalen Angeboten süchtig machen kann?

Parianen: Durchaus, ja. Es besteht eine gewisse Suchtgefahr, das kann man sagen. Allerdings besteht die an sich für sehr viele Dinge. Natürlich gibt es die klassischen Suchtstoffe. Aber es kann mir immer passieren, dass ich irgendwann denke, dass ich auf eine bestimmte soziale Unterstützung angewiesen bin. Das mit dem Dopamin ist zum Beispiel so, dass ich, wenn ich erst mal mich daran gewöhnt habe, dass das passiert, wenn ich mit einer bestimmten Person rede, dass ich, wenn ich was Bestimmtes tue, diese Belohnung fühle, dann fühle ich mich ganz schön schlecht, wenn das mal nicht funktioniert. Das kennen wir zum Beispiel aus Diäten. Wenn wir schon denken, jetzt gibt es lecker Frühstück, und jetzt gibt es doch nur Salat. Oder Liebeskummer ist auch so ein ähnliches Gefühl.

Dann sind wir einfach enttäuscht, weil wir dachten, es gibt jetzt eine Schönen-guten-Morgen-SMS, und auf einmal, der andere ignoriert uns und redet nicht mit uns. Dann fällt dieser Dopaminspiegel in den Keller, und wir fühlen uns traurig und deprimiert und allgemein am Boden und können auch nicht mehr so richtig arbeiten. Das ist eben was, womit wir leben, was unser Leben immer mitbestimmt, dass Erwartungen auch enttäuscht werden können.

Nicht jeder wird abhängig

Kassel: Aber das heißt auch, Sie haben es auch gesagt, dass es natürlich eine Menge gibt im Leben, Situationen und auch Substanzen, die nicht automatisch süchtig machen müssen, aber können. Alkohol ist ja auch ein Beispiel. Manch einer, wenn er merkt, nach drei Bier bin ich entspannter, ruhiger und lustiger, ist er irgendwann von dieser Situation und damit dem Bier abhängig. Andere können sich ab und an tierisch betrinken, und dann halten sie es problemlos ohne aus. Hat denn die Neurowissenschaft eigentlich eine Erklärung, warum unter den scheinbar gleichen Umständen manche Menschen eine Sucht entwickeln und manche nicht?

Parianen: Ja. Das hat zum Beispiel viel mit Impulskontrolle zu tun, auch damit, wie das Leben selbst aussieht, also ob wir irgendwie versuchen, eine Leere zu füllen. Beim Internet zum Beispiel kann man sehen, dass das wirklich nichts ist, was jeden abhängig machen würde, sondern man sieht das viel bei Leuten, die ohnehin schon psychische Krankheiten haben, also zum Beispiel Depressionen. Wenn es vielleicht sehr schwer ist, aus dem Bett sich zu quälen und in die Welt rauszugehen, schafft man es vielleicht noch, sich über Facebook zu unterhalten und holt sich seine soziale Unterstützung daher. Narzissmus korreliert auch mit Internetnutzung, also sich selbst darstellen und so was, das ist natürlich für Narzissten egal. Interessanterweise werden die aber auch sehr viel schneller enttarnt auf Facebook-Seiten, also wir sind sehr gut darin, Narzissmus zu erkennen, wenn wir jemandes Facebook-Seite sehen. Und auch da wieder, geringe Selbstkontrolle spielt eine wichtige Rolle. ADHS zum Beispiel korreliert auch mit Internetabhängigkeit. Und was man auch sehen kann, ist zum Beispiel, dass Mädchen eher dazu tendieren, von sozialen Medien abhängig zu sein, und Jungs eher von Computerspielen.

Kassel: Aber was ich jetzt mal als Fazit mitnehmen würde aus dem, was Sie erklärt haben, und auch von dem, was ich schon von Leuten aus anderen Fachbereichen, Psychologen, Soziologen gehört habe, ist, dass das Internet eigentlich nur Probleme, die es vor ihm in der realen Welt auch schon gab, entweder fortsetzt oder vielleicht auch manchmal verstärkt. Aber völlig neue Phänomene, will mir scheinen, möglicherweise auch aus neurowissenschaftlicher Sicht, kommen da gar nicht vor?

Wie körperliche Schmerzen

Parianen: Zum Teil kann man das schon so sagen, ja. Ich würde auch zustimmen erst mal, dass es eher Symptom ist statt Auswirkung. Also wenn diese sozialen Probleme da sind, wenn die psychischen Probleme da sind, dann kann es eben problematisch sein. Es ist schon so, dass soziale Ängste und soziale Freude für uns mit die intensivsten Gefühle sind. Wenn wir uns ausgeschlossen fühlen, die Schmerzen, die wir dann haben, sind ein bisschen ähnlich wie echte körperliche Schmerzen. Wenn wir gemobbt werden, ist das nicht viel anders, als sich mit dem Hammer auf den Finger zu hauen, und das ist schon ziemlich krass.

Und natürlich achtet Facebook ja auch darauf, so Suchtverhalten zu verstärken, und das finde ich viel problematischer. Es ist eine Sache, wenn sich Menschen in Netzwerken austauschen und da versuchen, Kontakte zu finden, und das hat auch sehr viele positive Seiteneffekte. Aber Facebook setzt ja sehr bewusst auch auf solche Mechanismen. Die vorgespielte Freundlichkeit zum Beispiel. Ich logge mich wieder ein, und ich bekomme die Frage "Hey, wie geht's dir, willst du nicht was posten?". Oder ich werde darauf hingewiesen, dass irgendwelche Freunde von mir sich wünschen, dass ich Ihnen zum Geburtstag gratuliere. Und das ist dann schon soziale Manipulation. Da würde ich sagen, das ist eigentlich unser viel größeres Problem als die Existenz von sozialen Netzwerken im Allgemeinen.

Es ist ja auch so, dass es zum Beispiel enorm schwierig ist, sich bei Facebook abzumelden. Dass man dann die Bilder von seinen Freunden gezeigt bekommt mit der Überschrift, so und so "wird dich vermissen". Wenn man weiß, dass das in gewisser Weise suchtfördernd ist – das nicht zu unterbinden, finde ich schon sehr schwierig. Leuten, die jetzt sagen, okay, ich merke, das tut mir nicht mehr gut, die sollten auch eine Möglichkeit haben, sofort da rauszugehen, anstatt dass sie dann noch festgehalten werden und ihnen erzählt wird, was sie alles verpassen in ihrem sozialen Netzwerk.

Kassel: Wobei das selbst der Ex-Präsident noch nicht vorgeschlagen hat, der ist ja auch Geschäftsmann. Das war die Neurowissenschaftlerin, Neuro- – ich hab wirklich "Neuro-Parianen" aufgeschrieben, das ist auch psychologisch interessant. Franca Parianen über die Frage, ob und welche Veränderungen zum Beispiel Facebook in unseren Gehirnen verwirklicht. Danke, dass Sie darüber lachen und vor allem vielen Dank für das Gespräch!

Parianen: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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