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Donnerstag, 23.11.2017

Lesart / Archiv | Beitrag vom 04.12.2014

SongtextSo klingt der Erste Weltkrieg

Einstürzende Neubauten: "Der 1. Weltkrieg" vom aktuellen Album "Lament"

Von Florian Werner

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Erster Weltkrieg: Französische Soldaten klettern während der Schlacht um die ostfranzösische Stadt Verdun zu einem Angriff aus ihren Schützengräben (Archivfoto von 1916). (picture-alliance / AFP)
Wie hat das wohl damals geklungen in Verdun? (picture-alliance / AFP)

Seit knapp 35 Jahren ist die Berliner Band Einstürzende Neubauten nun schon im Grenzgebiet zwischen experimentellem Pop, Noise und Theatermusik unterwegs. Nun haben sie im Auftrag der belgischen Stadt Diksmuide den Ersten Weltkrieg vertont.

"The 28th of July 1914. Austria, Serbia, Germany, Russia …"

 "Der erste Weltkrieg" heißt das mit dreizehn Minuten deutlich längste Stück auf Lament, der neuen CD der Einstürzenden Neubauten. Ein programmatischer und zugleich problematischer Titel. Denn wie kann man einen vier Jahre und vierzig kriegführende Nationen umfassenden Konflikt in einem Poptext darstellen? Kann man ein Ereignis, das siebzehn Millionen Menschenleben forderte, in einem knapp viertelstündigen Song beschreiben?

 "The Ottoman Empire."

Die Antwort lautet natürlich: Nein. Blixa Bargeld, der Texter, Sänger und Sprecher der Einstürzenden Neubauten, versucht es denn auch gar nicht: Seine Beschreibung des ersten Weltkriegs ist denkbar minimalistisch, auf dürre Daten und Ortsnamen beschränkt: Er selbst spricht die Jahreszahlen und die beteiligten Nationen in der Reihenfolge ihres Kriegseintritts; Frauenstimmen nennen die wichtigsten Schlachtfelder. Im Zeitraffer zieht der Weltkrieg vorbei.

"1915"

Man könnte eine solche Auflistung, die nur nüchterne Fakten liefert, als altbackenen Geschichtspositivismus verdammen. Man könnte sie aber auch als konsequente Befolgung jener Prinzipien verstehen, die der Lyriker Ernst Jandl einmal für ein Kriegsgedicht formulierte: „die Vermeidung des Reims – Krieg reimt auf Sieg; die Vermeidung des Gleichschritts eines regelmäßigen Metrums; die Vermeidung einer, wie man sagt, gehobenen Sprache […]; die Vermeidung von jeglichem Glanz.“

"1917"

Wobei die Musik, im Gegensatz zum Text, durchaus über ein „regelmäßiges Metrum“ verfügt: Sie besteht aus 120 Schlägen pro Minute, wobei jeder Schlag für einen Kriegstag steht. Nach exakt 1568 Beats ist die Komposition zu Ende; Bargeld spricht daher auch von „statistische[r] Musik“. Allerdings hat sie etwas ausgesprochen Tribalistisches, Tänzerisches und steht damit in denkbar größtem Kontrast zu der glanzlosen Sprache.

"Bulgaria signs an armistice with the Allies."

"Bulgarien schließt ein Waffenstillstandsabkommen mit den Alliierten" − nach über elf Minuten kommt im Text erstmals ein finites Verb vor. Bestand der Text vorher nur aus monolithischen Substantivbrocken, kommt nun endlich Bewegung in die Grammatik: Ein Land nach dem anderen hört auf zu kämpfen – bis Bargeld schließlich erklären kann: "Der erste Weltkrieg endet mit dem Ende des nächsten Takts." Allerdings deutet der serielle Charakter des Stücks an: Er könnte auch ewig so weitergehen. Tatsächlich sind seine Spätfolgen ja immer noch spürbar. "Der Krieg bricht nicht aus," heißt es in einem anderen Stück von Lament. "Er wartet."

"The first world war ends with the end of the next bar."

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