Seit 05:05 Uhr Studio 9
 

Donnerstag, 23.11.2017

Lesart / Archiv | Beitrag vom 19.09.2014

Songtext-AnalyseDer Tod ist keine NVA-Parade

"What Will Death Be Like" unter der Lupe

Von Florian Werner

Podcast abonnieren
Der Sänger Jens Friebe ist 1975 im westfälischen Lüdenscheid geboren. Friebe singt deutsch, seine Musik ist melodiöser (Elektro)-Pop mit Liedermacheranspruch.  (picture-alliance / dpa / Martin Athenstädt)
Sänger Jens Friebe singt deutsch mit Liedermacheranspruch (picture-alliance / dpa / Martin Athenstädt)

Auf Jens Friebes neuem Album "Nackte Angst Zieh Dich An Wir Gehen Aus" sind neben neurotisch-tanzwütigen Electrosongs auch poetische Titel zu hören. Florian Werner analysiert ein neues Lied des Songwriters.

Der Tod wird nicht sein wie die Nächte, wenn man an den Tod denken muss.

Der Tod wird nicht sein wie das Rasseln der Maracas in deiner schwindenden Brust ...

"What Will Death Be Like", heißt der vielleicht melancholischste Song auf Jens Friebes neuer, an melancholischen Songs nicht eben armer Platte: Wie wird der Tod sein, was wird der Tod sein? Der englischsprachige Titel ist das letzte Überbleibsel des Originals: Es handelt sich bei Friebes Text um die kongeniale Nachdichtung eines Songs des schottischen Musikers, Schriftstellers und Allroundexzentrikers Momus.

Der Tod wird nicht sein wie die Feste in Mexiko: Knochengerüste mit Hüten.

Der Tod wird nicht sein wie der Anblick von dunklen, alten, verfallenen, vornehmen Suiten ...

Formal betrachtet handelt es sich bei "What Will Death Be Like" um ein Gedicht in freien Knittelversen: Die Zeilen sind paarweise gereimt, jede Zeile hat vier Hebungen, die Zahl der Silben aber ist extrem variabel, was dem Song bei aller Formstrenge etwas Plauderndes, Erzählerisches verleiht. Aufgrund seiner Popularität wurde der Knittelvers früher usitatissimus, "der gebräuchlichste" genannt. Und auch das Thema, das hier in Knittelversen verhandelt, ist allgegenwärtig:

Der Tod wird nicht sein wie das Lachen und Schreien in einer Wildwasserbahn.

Der Tod wird nicht sein wie die Särge, auf denen Klavierspieler spielen in Träumen im Fieberwahn ...

Das Leben endet tödlich

Das große, tragische Paradox des Tods besteht darin, dass er das Einzige ist, dessen wir uns als Menschen sicher sein können − dass wir aber dennoch beinahe nichts über ihn wissen: Er bleibt "als unser Ureigenstes das uns Fremdeste", wie der evangelische Theologe Eberhard Jüngel es formuliert. Dennoch ist die Zahl der schiefen Vergleiche, der Filme, Gemälde, Gedichte, die ihn beschreiben, Legion:

Der Tod wird nicht sein wie Alfred Lord Tennysons Lied von der leichten Brigade.

Der Tod wird nicht sein wie die Züge der vierzigsten NVA-Ehrenparade ...

"Todesgruß und Todeskuß, / Falle was da fallen muß, / In den Höllenrachen, ins Todesthal / Noch voll in Zahl / Reiten die Sechshundert", wie es in Theodor Fontanes Nachdichtung von Tennysons berühmtem Gedicht "Charge of the Light Brigade" heißt. Von solch heroischem Pathos ist Friebes Song dankenswerterweise frei. Er reiht einfach nur Vergleiche an Vergleiche, versammelt Motive aus Hoch- und Popkultur, aus Malerei, Philosophie und persönlich-poetische Visionen:

Der Tod wird nicht sein wie der Schädel auf dem Gemälde von Holbein.

Der Tod wird nicht sein wie das seltsame Schweigen am Schluss vom Tractatus von Wittgenstein.

Der Tod wird nicht sein wie die blutige Pornographie des Marquis de Sade.

Der Tod wird nicht sein wie das letzte Stück Stoff, wenn die Stripperin nackt wird, die Brustwarze hart ...

Der Tod ist kein Zeichen

Die wunderbar-widersprüchliche Wirkung des Songs besteht nun darin, dass er diese Galerie der Todesdarstellungen zugleich wachruft und durchstreicht: dass er uns also mit einem Übermaß an Vergleichen überschüttet, im selben Atemzug aber ihre Unzulänglichkeit hervorhebt. Und die schier endlos erscheinende Reihung erhöht natürlich die Finalspannung: Denn wer den Mund dermaßen voll nimmt und die gesamte westliche Ikonographiegeschichte kritisiert, der hat doch sicher eine eigene Antwort auf die Frage "What Will Death Be Like" parat − oder?

Der Tod wird nicht sein wie ein Ein-Euro-Job, den man für immer behält.

Der Tod wird nicht sein wie die Zeichen, die damals die Wahrsager lasen am sinnlosen Himmelszelt,

am sinnlosen Himmelszelt ...

am sinnlosen Himmelszelt ...

Mehr zum Thema:

Woran arbeiten Sie gerade?
(Deutschlandfunk, Corso, 14.08.2013)

Deutscher Pop im Krisengebiet
(Deutschlandradio Kultur, Thema, 08.10.2010)

Lesart

Lust am BösenDie Rückkehr der Schauergeschichte
Zombie-Angriff einer Zoomitarbeiterin bei "Halloween im Zoo" in Stuttgart am 31.10.2016 (dpa / picture alliance / Benjamin Beytekin)

Im 19. und im frühen 20. Jahrhundert waren Schauergeschichten angesagt. Irene Binal ist eine bekennende Anhängerin, hat eine neue Schauer-Anthologie gelesen und fragt, wo die Gespenster heute eigentlich abgeblieben sind.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

David Almond: "Heaven"Altkluge Sprüche und viel Pathos
David Almond: "Heaven" (Nicolas Armer / dpa / S. Fischer Verlag)

Mit "Heaven" hat David Almond ein modernes Märchen geschrieben. Doch das Jugendbuch über Anna, die auf einem verlassenen Fabrikgelände lebt, bietet statt eines Geheimnisses nur Geheimniskrämerei. Das ist nicht nur schade, sondern bei dem preisgekrönten Autor auch vollkommen unerwartet. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur