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Tonart | Beitrag vom 14.06.2018

Snail Mail: "Lush"Indie-Rock ist wieder cool

Von Christoph Möller

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Die US-Band Snail Mail bei einem Auftritt im Januar 2018 - im Vordergrund Frontfrau Lindsey Jordan (imago/ZUMA Press)
"Lush" ist ein Album, das nie retro klingt, sondern wie Musik, die man jetzt, im Jahr 2018, hören muss. (imago/ZUMA Press)

Ihren Plattenvertrag hat die Amerikanerin Lindsey Jordan noch auf der Schulbank abgeschlossen. Sie nennt sich Snail Mail, Schneckenpost, und ist die Vertreterin einer neuen Generation von Indie-Rock. Ihr Album klingt wie der Titel "Lush" – üppig und opulent.

"Lush", üppig, opulent, das ist kein besonders ausgefallener, aber ein passender Name für das Debütalbum von Lindsey Jordan alias Snail Mail. Denn ihr Sound ist kompakt, die Stimme klar, die Gitarren im Vordergrund.

Ein Indie-Rock-Album, das beim ersten Hören wie ein Klassiker wirkt. Intelligent arrangiert, cool, aber nicht zu cool. Dabei ist Jordans Sound überhaupt nicht neu. Die verhallten Gitarren, der heisere Gesang, das kennt man von anderen Indie-Bands.

Das Besondere an Snail Mail: So sehr ihre Stücke einer klassischen Songstruktur folgen, in ihren Nuancen ist viel Platz für ungewöhnliche Intonation und Geschwindigkeiten. Das Album entwickelt einen ungewöhnlich starken Flow. Der sei von Anfang an geplant gewesen, sagt Jordan:

"Ich denke, dass die Songs ein zusammenhängendes Werk sind – und nicht bloß eine Hand voll Singles. Ich habe viel darangesetzt, dass beim Hören alles ganz natürlich ineinanderfließt. Du kannst die Platte wieder und wieder abspielen. Sie könnte in irgendeinem Haus bis in alle Ewigkeit einfach so laufen."

Ballade von einer vergangenen Liebe

Das ist dann vielleicht doch ein Manko: Einige Songs bleiben nicht hängen. Sie wirken orientierungslos und sind nicht so ausgereift wie die Highlights der Platte. Etwa die langsame Ballade "Deep Sea", in der Jordan von einer vergangenen Liebe singt, begleitet von einem schiefen Horn.

Snail Mail ist eine Erfolgsgeschichte. Ihren Plattendeal hat sie quasi von der Schulbank aus abgeschlossen. Für Auftritte hat sie sich vom Unterricht beurlauben lassen. Im Internet war Snail Mail schnell eine Sensation. Trotzdem ist es Jordan relativ egal, ob sie jetzt irgendwelchen Erwartungen gerecht wird oder nicht.

"Klar, ich spüre Druck, aber keinen großen. Ich bin nicht wirklich daran interessiert, die Leute von mir zu überzeugen oder ihren Respekt zu bekommen. Indie-Rock ist so eine Nische. Es wird immer Leute geben, die diese Musik mögen, aber natürlich auch Leute, die sie hassen. Aber das ist dann ihr Problem."

Jordan: Rockmusik wird wieder mehr gehört

Bislang gibt es kaum ein Musikmagazin, das Jordan nicht in höchsten Tönen lobt. Die "New York Times" meint, Snail Mail sei mitverantwortlich dafür, dass Indie-Rock wieder cool ist. Ironisch dabei: Mit ihren 18 Jahren hat Jordan die Hochzeit des Indie-Rocks gar nicht mitbekommen können. Sie ist mit anderen Genres aufgewachsen.

"Ich bin ein großer Fan von R'n'B, Hip-Hop und elektronischer Musik. Es fällt mir also schwer zu sagen, Gitarrenmusik fehlt, oder müsste wieder mehr gehört werden – auch wenn es mir natürlich in die Karten spielt. Aber es fühlt sich so an, als würde Rockmusik wieder mehr gehört werden – und das ist cool."

Cool. Das ist ein gutes Wort für dieses Album, das nie retro klingt, sondern wie Musik, die man jetzt, im Jahr 2018, hören muss. Ohne politische Message, dafür mit vielen simplen Fragen: Auf was für Frauen stehst du? Sind die Dinge so gelaufen, wie du es erhofft hast? Liebst du mich so wie ich bin? Im Fall von Snail muss diese Frage eindeutig mit Ja beantwortet werden.

 

 

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