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Nachspiel | Beitrag vom 11.02.2018

Skilehrer Otto Farrer"Wir haben einen sehr fraglichen Ruf gehabt"

Von Michael Watzke

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Ein Skifahrer auf einer Piste. (Unsplash / Carina Tysvær )
(Unsplash / Carina Tysvær )

Der Ruf ein Frauenheld zu sein, hätten Skilehrer nicht ganz ohne Grund, sagt der 86-jährige Skilehrer Otto Farrer. Allerdings hänge das weniger mit dem sportlichen Aussehen der Lehrer zusammen, sondern mit den Selbsterfahrungen beim Skisport.

Der Schweizer Skilehrer Otto Farrer, 86 Jahre alt, hat immer noch dieses spitzbübische Schmunzeln eines Frauen-Verführers:

"Wir haben schon einen sehr, sehr fraglichen Ruf gehabt. Und dieser Ruf ist nicht ganz unbegründet. Dieses Bild des braungebrannten... diese Potenz, diese Kraft, dieses Sportliche, das hat schon eine Rolle gespielt, das habe ich immer und immer wieder gemerkt."

Das hat auch Otto Farrers Frau gemerkt. Sie verdreht nur lachend die Augen, wenn ihr Mann von früher erzählt.

"Als meine Frau damals, als wir uns kennengelernt haben, ihrer Mutter erzählt hat, dass sie einen Skilehrer kennengelernt habe, da hat die nur die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gesagt: ‚Das gibt’s doch nicht!‘ Wir sind schon sehr oft ausgegangen – und meine Frau hat oft lange warten müssen, bis ich wieder mal nach Hause gekommen bin."

Berg-Romantik

Otto Farrer erinnert sich an seine ersten Jahre als Skilehrer. Die 50er Jahre am Bolgenlift in Davos.

"Übrigens der älteste Skilift der Welt, der Bolgenlift."

Es ist die Hochzeit des verführerischen Skilehrers, befeuert durch Filme des Südtirolers Luis Trenker wie "Liebesbriefe aus dem Engadin" oder "Flucht in die Dolomiten":

"Seit damals, als wir beide auseinandergingen, denke ich nur an Dich. Du warst und bleibst meine große Liebe."

"Ach, immer hast Du es nur darauf angelegt, meine Ehe zu zerstören. Ich kann und will Dich nicht mehr sehen."

Otto Farrer schüttelt den noch immer braungebrannten Kopf mit den schlohweißen Haaren.  Der Reiz der Verführung eines Skilehrers, sagt er, lag nicht im Äußerlichen, nicht im Körper, sondern im Geist.

"Ich möchte es so sagen: wahrscheinlich ist ein Kern der ganzen Geschichte, dass über das Skifahren eine Möglichkeit entstanden ist, die Leute, mit denen ich gearbeitet [habe], näher an sich heranzubringen. Dass sie sich stärker selbst wahrgenommen haben. Dass sie mehr Leben gespürt haben [und] um was es geht. Und nicht mehr ums Haben und Möchtegern und so weiter."

Skifahren als Therapie

Otto Farrer erzählt von einer Begegnung mit einer attraktiven, wohlhabenden Frau Anfang der 60er-Jahre in Davos.

"Ich hatte den Auftrag von der Skischule, ich müsse ins Hotel Belvedere, um eine junge Dame abzuholen. Ich bin ins Belvedere, und es ging eine Ewigkeit, bis diese junge Dame endlich bereit war. Es war schon mühsam, bis wir endlich auf den Ski waren."

Die junge Dame straft den Skilehrer mit Verachtung – und scheint auch mit sich selbst nicht im Reinen zu sein. Sie wirkt unzufrieden.

"Und dann sind wir Ski gefahren – und ich habe plötzlich gemerkt: diese junge Frau kann ja viel mehr, als sie selbst glaubt. Und plötzlich hat es ein Erlebnis gegeben – und sie ist völlig fassungslos Ski gefahren. Unglaublich."

Die junge Dame habe damals – nach ihrem Erlebnis in den Schweizer Bergen – ihr Leben geändert. Sie habe zu sich selbst gefunden, sagt Otto Farrer. Noch heute habe er Kontakt zu ihr.

"Es hieß immer: zum Skilehrer gehört für den Gast die schöne Natur, guter Umgang, Essen im Restaurant – all‘ dieses Drum und Dran vom Skifahren. Ich habe immer gesagt: für mich gilt das nicht."

Für Otto Farrer, den 86 Jahre alten Schweizer Skilehrer, geht es dort oben in den Bergen um das Wesentliche:

"Das Wesentliche ist, was mein Gast mit sich selbst erlebt – und nicht das Essen und die schöne Natur."

Auf diese Weise ist er manchem Gast persönlich nahe gekommen. Otto Farrer könnte noch viel erzählen. Aber zum Ethos des Skilehrers gehört auch zu schweigen. Was in Davos passiert, bleibt in Davos.

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