Seit 08:50 Uhr Buchkritik
 

Montag, 20.11.2017

Länderreport | Beitrag vom 06.11.2017

Sinti und Roma im RundfunkratImmerhin eine Stimme

Von Anke Petermann

Beitrag hören Podcast abonnieren
SWR-Funkhaus in Stuttgart (picture alliance / dpa / Franziska Kraufmann)
Beim SWR sitzt Jacques Delfeld im Rundfunkrat. (picture alliance / dpa / Franziska Kraufmann)

Sie haben keine eigene Sendung und nur in einem Kontrollgremium des öffentlich-rechtlichen Rundfunks einen Sitz: die Minderheit deutscher Sinti und Roma. Im SWR-Rundfunkrat wacht Jacques Delfeld darüber, dass antiziganistische Vorurteile und Stereotype keinen Eingang ins Programm finden.

"Hallo, hallo, hier bin ich – im Radio! Schalten Sie ihr Radio doch mal etwas lauter! Denn jetzt kommt das Sinti-Kulturmagazin 'Latscho Dibes'. Viel Spaß dabei."

"Latscho Dibes" ist Romanes und heißt in der Sprache der Sinti und Roma "Guten Tag". So nennt sich das deutschsprachige Kultur- und Musik-Magazin, das bis vor einigen Jahren eigenfinanziert vom Landesverband Niedersachsen der Sinti-Allianz Deutschland produziert wurde und vom Hildesheimer Privatradio Tonkuhle einmal monatlich ausgestrahlt wird *).

"Na, das Radio lauter gestellt? O.k., dann kann es ja losgehen mit 'Latscho Dibes' – viel Spaß!"

Doch "Latscho Dibes" blieb anders als die Romanes-Programme des inzwischen eingestellten "radiomulitkulti" des RBB und der Deutschen Welle kein Intermezzo*. Nischensendungen dauerhaft zu etablieren - schwierig.

Sitz im Rundfunkrat: beobachten, aber nicht bestimmen

"Ich hatte den Versuch vor ungefähr 15 Jahren schon gemacht mit einer Jugendgruppe, die mit dem Offenen Kanal gemeinsam gearbeitet haben", sagt Jacques Delfeld. Das Experiment bewertet der Vorsitzende des Verbandes deutscher Sinti und Roma Rheinland-Pfalz insofern als Erfolg, als die Laien-Funker sich allmählich professionalisierten. Aber sie auf Dauer bei der Stange zu halten, gelang nicht. Den Wunsch nach eigener Sendezeit für seine Minderheit hegt Delfeld immer noch. Doch offensiv als Forderung vorgetragen hat sein Mitgliedsverband im Zentralrat Deutscher Sinti und Roma das bislang nicht. Dankbar ist Delfeld der SPD-geführten Landesregierung Rheinland-Pfalz dafür, dass sie seinem Verband den freien Sitz im SWR-Rundfunkrat überließ. Seit drei Jahren hat der Mittsechziger in diesem Kontrollgremium eine von 74 Stimmen und beteiligt sich an der Programmbeobachtung:

"Was ein Vorteil ist, dass ich mit Kollegen reden kann, Anregungen geben kann. Es heißt für uns als Vertreter der Sinti und Roma konkret, dass wir zum Beispiel bei Themen, die uns angehen, aber auch alles, was Rassismus, Diskriminierung, Holocaust und so weiter angeht, direkt mittendrin sind und mit diskutieren können und somit auch eine Stimme, wenn auch nur eine Stimme (haben), aber manchmal kann auch eine Stimme etwas bewirken."

Und manchmal nicht. Wie in der Auseinandersetzung über den Kinderfilm "Nellys Abenteuer", der in Rumänien spielt. Der Kino-Streifen vom vergangenen Jahr soll am 18. November im Kika ausgestrahlt werden, dem gemeinsamen Kinderkanal von ARD und ZDF. 

Klischees im Kinderfilm

Der zuständige SWR wollte den Film am 3. Dezember im eigenen Programm wiederholen. Zu verhindern versuchen das der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma mit seinem Mitgliedsverband Rheinland-Pfalz, unterstützt von Thüringer Landtagsabgeordneten der Grünen. Ihre gemeinsame Kritik: Die Abenteuergeschichte reproduziere rassistische Stereotype über Roma.

"Das beginnt ja schon am Anfang sehr dramatisch mit der Entführung, mit dem Diebstahl des Geldbeutels und so weiter und sofort", schildert Jacques Delfeld. Mag der wahre Schurke in dieser Komödie auch ein Deutscher sein – es sind rumänische Roma, die die bösen Absichten des Drahtziehers in die Tat umsetzen und Nelly rauben. Der Roma-Junge Tibi befreit die 13-jährige Protagonistin zwar später, beklaut sie aber zunächst. Roma, die Geld und Kinder stehlen - ein uraltes Klischee. Mag der SWR das auch dementieren – der Film von Dominik Wessely belebt dieses Klischee, selbst wenn er es augenzwinkernd bricht. Deutsche Sinti und Roma sind Nachkommen von Holocaust-Überlebenden. Sie können über diese Stereotype nicht lachen, selbst wenn sie komödiantisch inszeniert werden, sagt der Pfälzer Familienvater Delfeld auch mit Blick auf sein privates Umfeld.

"Wenn man jetzt bedenkt, dass dieses Vorurteil entscheidend ist für unsere Lebenssituation in Deutschland, dass wir als Bürger, Mieter, Schüler, die Auszubildende immer wieder mit solchen Situationen konfrontiert werden, muss man verstehen, warum wir als Gruppe so sensibel darauf reagieren. Wir haben noch nicht diese Zeit, wo auch wir so offen und frei sagen können, das ist ein Joke, und das ist fiktiv. Es betrifft uns alle im Kern unseres Daseins. Und das ist Entscheidende."

Der SWR als zuständiger Sender trage Verantwortung dafür, dass die Würde von Sinti und Roma unangetastet bleibe, mahnt Delfeld. Doch bislang blieb die Forderung seines Verbands und des Zentralrats ungehört, die Komödie nicht zu zeigen. Allerdings zieht der SWR die Ausstrahlung im eigenen Programm nun vom 3. Dezember auf den 12. November vor, ergänzt um eine Gesprächsrunde.

Bleiben Betroffene ausgeschlossen?

Moderiert von Fernseh-Chefredakteur Fritz Frey werden der Drehbuch-Autor, ein SWR-Programmplaner und eine Medienwissenschaftlerin miteinander diskutieren.** "Fachleute unter sich", kritisiert Jacques Delfeld vom Verband Sinti und Roma Rheinland-Pfalz. Die Betroffenen blieben außen vor. Gewünscht hätte sich der einzige Vertreter dieser ethnischen Minderheit im SWR-Rundfunkrat, in die Planung einbezogen zu werden. Das allerdings sei nur begrenzt möglich, sagt die Rheinland-pfälzische Medienstaatssekretärin Heike Raab. Am Telefon verrät die SPD-Politikerin, wo sie die Grenze zieht.

"Wenn Sie eine Vorab … ein Preview quasi in einem Rundfunkrat durchführen, und der Rundfunkrat würde dann die Ausstrahlung eines Filmes verhindern, könnte man von Zensur sprechen. Und deshalb ist das unabhängig von Nellys Abenteuer eine ganz schwierige Fragestellung, inwieweit die Rechte in der Vorab-Zensur vorgenommen werden können und sollten."

Zensur will niemand. Den Interessensvertretern deutscher Sinti und Roma bleibt nicht anderes, als Filmemacher, Reporter und Programmplaner für antiziganistische Vereinfachungen zu sensibilisieren. In dem Wissen, dass eine Stimme in einem deutschen Rundfunkrat dafür kaum ausreicht.

* In einer früheren Fassung des Beitrags heißt es, das Programm "Latscho Dibes" sei eingestellt worden. Wir bedauern diesen Fehler.

** Der SWR hat nach Kritik an diesem Beitrag seine Webseite aktualisiert. Dort wird nun darauf hingewiesen, dass der Teilnehmerkreis der Diskussionsrunde erweitert wurde.

Länderreport

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur