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Buchkritik | Beitrag vom 04.05.2017

Sinclair Lewis: "Das ist bei uns nicht möglich"Bericht aus dem Innern des Faschismus

Von Gabriele von Arnim

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(Aufbau Verlag / imago stock&people / Combo: Deutschlandradio)
Faschismus vor der eigenen Haustüre: Der Ku-Klux-Klan im Jahr 1926 vor dem Kapitol in Washington (Aufbau Verlag / imago stock&people / Combo: Deutschlandradio)

Ein Großmaul schürt die Ängste des kleinen Mannes, wird in Windeseile zum US-Präsidenten und entkernt die Demokratie. Wer Sinclair Lewis' Satire "Das ist bei uns nicht möglich" heute liest, fühlt sich gespenstisch an die Gegenwart erinnert. Verfasst wurde sie bereits 1936. Jetzt wurde sie neuveröffentlicht.

Im Oktober letzten Jahres wurde in vielen amerikanischen Universitäten und Städten aus einem 1936 erschienenen Roman vorgelesen, um an dessen erste szenische Aufführung vor 80 Jahren zu erinnern. "It can’t happen here" heißt das Werk von Literaturnobelpreisträger Sinclair Lewis, das vom Aufstieg eines populistischen Präsidenten erzählt und vom Niedergang der Demokratie.

Es sei natürlich reiner Zufall, hieß es, dass dieser einstige Bestseller ausgerechnet jetzt, wenige Wochen vor der Präsidentschaftswahl, öffentlich gelesen werde - und das Publikum lachte damals noch vergnügt.

Die Liga der vergessenen Männer

In einem furiosen Szenario beschwört Lewis, dass auch in den USA geschehen könnte, was in anderen Teilen der Welt schon zu besichtigen war. Mussolini in Italien, Stalin in Russland und Hitler seit drei Jahren an der Macht in Deutschland. In Amerika litten noch immer viele unter den Folgen der Weltwirtschaftskrise.

So heißt denn die neue politische Bewegung im Roman auch Die "Liga der vergessenen Männer", die dem demokratischen Kandidaten zujubeln, der Amerika wieder zu einem stolzen und reichen Land machen, mit den Banken aufräumen, den kleinen Mann stärken und enge Wirtschaftsbeziehungen zu Russland aufbauen will.

Aufstieg eines ungestümen Mannes

Der Roman beschreibt in geradezu gespenstischer Nähe zum Heute den Aufstieg eines belanglosen, ungestümen Mannes - mehrfach der Lüge überführt - zum amerikanischen Präsidenten, dem ein satanischer Einflüsterer den Masterplan schreibt.

Hören Sie hier auch ein Gespräch mit Katja Kullmann über den Roman:

In Windeseile haben die beiden das Land gekidnapped. Haben die Gerichte entmachtet, die Pressefreiheit eingeschränkt, die Universitäten zu Drillanstalten umfunktioniert und eine Privatarmee aufgestellt. Alsbald werden Konzentrationslager eingerichtet. Mitmacher und Mitläufer finden sich schnell, Opportunisten und Mordlüsterne, die sich der blutig glitzernden Macht mit Wonne an den Hals werfen oder sich angstvoll ducken.

Die Presse wird schikaniert

Außer unserem Helden Doremus Jessup. Ehrwürdiger Herausgeber einer kleinstädtischen Zeitung in Vermont und zunächst vorsichtiger Journalist. Lange lassen ihn die neuen Herren gewähren. Doch dann nennt er in seiner Zeitung den Mörder seines Schwiegersohns beim Namen - und wird abgeholt.

Es beginnen Monate der Demütigung und eine triumphale Zeit des heimlichen Widerstands. Dreimal in der Woche schreibt er zornige Wahrheitsberichte, vervielfältigt sie auf einer kleinen versteckten Druckerpresse und lässt sie durch mutige Mitstreiter verteilen. Bis das Netzwerk auffliegt. Inhaftierung, Folter, Überweisung in ein Konzentrationslager, Flucht und... - Es bleibt offen, ob Jessup überleben wird.

Eine schreckgebannte Lektüre

Sinclair Lewis, berühmt geworden für seine sozialkritischen Romane "Main Street" oder "Babbit", schreibt eine sarkastische Abrechnung nicht nur mit Politikern, sondern auch mit den kleinstädtischen Fabrikdirektoren, Richtern oder Lehrern, mit dem bürgerlichen Mittelstand, der sich einspannen lässt für ein bisschen – natürlich trügerische - Teilhabe an der Macht.

Es ist ein schonungsloser Bericht aus dem Inneren des Faschismus, eine vehemente Verteidigung der demokratischen Gewaltenteilung und der Pressefreiheit und eine glänzende Reportage über Untertanen. Ein Roman, den man schreckgebannt liest.

Sinclair Lewis: Das ist bei uns nicht möglich
Aus dem Amerikanischen von Hans Meisel
mit einem Nachwort von Jan Brandt
Aufbau Verlag, Berlin 2017
442 Seiten, 24 Euro

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