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Buchkritik | Beitrag vom 16.06.2017

Simone Dietz: "Die Kunst des Lügens"Abwägen und hinsehen!

Von Susanne Billig

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(picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg / Reclam Verlag)
Graffiti in Berlin: "Allet Lügen vertrau auf Dich Herzverstand" (picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg / Reclam Verlag)

Vor 15 Jahren kam "Die Kunst des Lügens" auf den Markt. Jetzt legt die Autorin und Philosophieprofessorin Simone Dietz eine Neuauflage vor - und erweitert das Werk um Trump-Tweets, Fake-News und gefühlte Wahrheiten.

Was für eine gute Idee: Die Philosophieprofessorin Simone Dietz hat ihr Buch "Die Kunst des Lügens" 15 Jahre nach dem ersten Erscheinen neu publiziert –  und substanziell erweitert um brandaktuelle Themen: Trump-Tweets, Fake-News, gefühlte Wahrheiten, Social Bots, gebrochene Wahlkampfversprechen und "Lügenpresse".

Zunächst jedoch arbeitet sich die Autorin – klar in der Sprache, kühl im Ton, exakt in der Definition tragfähiger Begriffe – zum Kern von Lüge, Wahrheit und Wahrhaftigkeit vor.

Die pauschale Ablehnung jeder Lüge als moralisch verwerflich ist für sie nicht nur naiv angesichts der weiten Verbreitung von Lügen, sondern auch in der Sache viel zu kurz gedacht. Muss Sprache stets Wahrheit kundtun?

Kein Vertrag zur Einhaltung von Normen

Nein, sagt Simone Dietz: Sprache ist kein Vertrag zur Einhaltung von Normen, sondern dient unterschiedlichen Zwecken. Selbst wenn man einräumt, dass die Lüge immer nur Sonderfall einer Behauptung sein kann (wenn alle immer nur lügen, würde eine Verständigung unmöglich), bleibt noch genügend Raum für die gelegentliche, moralisch legitime Lüge.

Die Lüge muss auch Vertrauen nicht grundsätzlich verletzen. Wenn ein Ehemann seine sterbenskranke Frau pflegt und ihr Details seiner seelischen Verfassung vorenthält – hat sie dann nicht allen Grund, ihr Vertrauen auf andere Parameter als die unbedingte Aussprache der Wahrheit in jedem Augenblick zu gründen?

Lüge aus sorgfältig erwogener Fürsorge

Wichtige Unterscheidungen arbeitet Simone Dietz heraus: Die Lüge aus sorgfältig erwogener Fürsorge ist etwas anderes als die bevormundende Lüge. Wer lügt, um die Gemeinschaft zu schützen – beispielsweise, um in einer krisenhaften Situationen lebensnotwendige Hoffnung zu erzeugen – steht moralisch anders da als jemand, der auf Kosten der Gemeinschaft den persönlichen Vorteil sucht.

Die Lüge aus Notwehr – etwa, wenn man Verfolgte vor den Häschern eines Diktatoren verbirgt – muss anders bewertet werden als die Lüge aus egoistischen Motiven. Wer lügt, um die eigene Privatsphäre vor unangemessener Neugier zu schützen, verhält sich anders als jemand, der in Angelegenheiten untreu wird, die zuvor als Feld gemeinsamer Absprachen definiert worden waren.

Grundmechanismen der Verständigung

Mit solcher Sorgfalt nähert sich Simone Dietz nun auch der aktuellen politischen Debatte. "Alternative Wahrheiten" und "Fake-News" sind für sie eine große Gefahr, weil hier der Grundmechanismus der Verständigung selbst außer Kraft gesetzt wird – die eigene Position argumentativ zu begründen.

In der Betrachtung der "Lügenpresse" differenziert sie zwischen dem berechtigten Vorwurf einer verzerrenden, oberflächlichen oder opportunistischen Berichterstattung und der sinnvollen Verdichtung und Verkürzung. Auch Politiker lügen nicht einfach, sondern müssen im politischen Prozess zwischen Wahlkampf, öffentlicher Debattenrunde und kompromissorientierter Ausschusssitzung jonglieren.

Und so fordert Simone Dietz in ihrem intelligenten Buch dazu auf, Selbstgerechtigkeit und Selbsttäuschung beiseite zu legen: Statt einander mit moralischen Absolutheitsansprüchen zu überziehen, gilt es, immer wieder genau abzuwägen und hinzusehen.

Simone Dietz: "Die Kunst des Lügens"
Reclam Verlag, Stuttgart 2017
203 Seiten, 16,95 Euro

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