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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.02.2007

Sich selbst und der Gemeinschaft nutzen

Michel Foucault: "Ästhetik der Existenz. Schriften zur Lebenskunst". Suhrkamp Verlag 2007, 346 S.

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In seinen letzten Lebensjahren widmete sich Foucault der Lebenskunst. (Stock.XCHNG / Thomas Bush)
In seinen letzten Lebensjahren widmete sich Foucault der Lebenskunst. (Stock.XCHNG / Thomas Bush)

Michel Foucaults philosophisches Werk zeichnet sich unter anderem durch eine Analyse von Machtstrukturen aus. In seinen letzten Lebensjahren widmete sich Foucault zunehmend der Frage nach der richtigen Lebensführung. In "Ästhetik der Existenz" versucht er am Beispiel antiker Autoren wie Platon, Epikur oder Plutarch eine Lebenskunst zu entwerfen, die dem einzelnen und der Gesellschaft Vorteile bringt.

Foucault hat sich immer für die Macht interessiert: für den Staat, die Medien, die Wissenschaften. Warum verschreibt er sich am Ende seines Lebens plötzlich dem Thema "Lebenskunst"?

Es kommen mindestens drei Gründe zusammen: ein persönlicher, ein werkimmanenter und ein politischer. Der persönliche Grund: Foucault war am Ende seines Lebens ein todkranker Mann, da liegt es nahe, dass sich das Ego auf sich selbst besinnt.

Aber Foucault betreibt nicht etwa Nabelschau, sondern Individual-Ethik, und dass er sich schließlich dem Leben des Einzelnen zuwendet, diese Logik liegt auch im Foucaultschen Werk begründet.

Nehmen wir zum Beispiel das Thema "Staat und Macht". Foucault war sich immer im Klaren darüber, dass es nicht allein die Regierung eines Staates ist, die Macht ausübt; die Bürger sind nicht nur Opfer, sondern sie tun mit. An allen Machtverhältnissen sind "die da unten" genauso beteiligt wie "die da oben". Es liegt deshalb nahe zu fragen, auf welche Weise die Bürger sich selbst regieren und disziplinieren müssen, damit ein bestimmtes Staatswesen überhaupt funktionieren kann? Und wie können diese Bürger den Umgang mit sich selbst verändern, damit das Staatswesen sich ändert?

Der dritte Grund schließlich, warum sich Foucault Anfang der Achtziger Jahre dem Thema "Selbst-Regierung" und "Lebenskunst" zuwendet, ist politischer Natur. Damals zeichnete sich das Scheitern der marxistischen Gesellschaftsutopie schon deutlich ab. Der Name "Michel Foucault" steht auch deshalb heute für eine neue, postmarxistische Ethik und Philosophie.

Dabei ist Foucault in jungen Jahren selbst Marxist gewesen. Bis zu seinem Austritt war er zwei Jahre Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs. Der Zeitgeist der Nachkriegsepoche war - bis hinein in die Achtziger Jahre - stark geprägt durch Karl Marx und seine Kapitalismuskritik. Unter französischen Intellektuellen war eine linke Grundorientierung damals ziemlich selbstverständlich, gestritten hat man sich im Grunde nur (wenn auch ziemlich heftig) über die richtigen Mittel und den richtigen Weg. Erst Anfang der Achtziger Jahre wurde allmählich klar, dass sich der der Kapitalismus nicht so schnell verabschieden würde, wie manche es während der Proteste von 68 prognostiziert hatten.

Mitten in diesem Klima der wachsenden Enttäuschung und der Lethargie machte Michel Foucault sich auf zu neuen Ufern, sprich: auf die Suche nach einer neuen Ethik und einer neuen politischen Philosophie. Die Spuren dieser Suche finden sich in diesem Buch.

Wenn wir heute das Wort "Lebenskunst" hören, handelt es sich gewöhnlich um einen müden Abglanz dessen, was Michel Foucault unter Lebenskunst verstand. Nehmen wir zum Beispiel Dale Carnegie und seinen Bestseller "Sorge Dich nicht, lebe!", da geht es nur noch ums Private. Bei Foucault ging es aber immer ums Private als Kraftzentrum des Politischen.

Die Vorbilder für seine Philosophie der Lebenskunst nimmt Foucault aus der Antike. In diesem Buch sind Vorlesungen abgedruckt, die er am College de France gehalten hat oder als Gastprofessor im amerikanischen Vermont. Foucaults Überlegungen zum gelungenen Leben kreisen um Platon und seine Dialoge, um Epikur, um Plutarch und Lukrez. In der Antike galt nämlich als selbstverständlich: der Bürger muss lernen, sich selbst zu regieren, er allein (und nicht etwa der Staat) hat die Verantwortung für die Gestaltung seines Lebens. Und ein Philosoph, das war für die Griechen nicht etwa einer, der viel liest und viel weiß (Wissen galt nur als Mittel zum Zweck), sondern einer, der ein vorbildliches Leben führt: sich selbst und der Gemeinschaft zum Nutzen.

Hat Foucault ein vorbildliches Leben geführt? Jedenfalls hat er nicht nur berühmte Bücher geschrieben, Bücher wie "Wahnsinn und Gesellschaft", "Die Ordnung der Dinge" oder seine "Geschichte der Sexualität", die unvollendet blieb. Foucault war immer auch ein Mann der politischen Aktion. Er hat gekämpft für die Rechte von Strafgefangenen, hat sich für die Grüne Bewegung stark gemacht, und er hat sich immer wieder eingesetzt für die Vielfalt von Beziehungen zwischen Menschen: heterosexuelle und homosexuelle, für Freundschaften aller Art, für Liebesverhältnisse und Leidenschaften, auch solche auf Zeit.

Es gibt hochinteressante Interviews in diesem Buch, die deutlich machen, dass die Themen, die Foucault vor mehr als 20 Jahren angeschnitten hat, heute bei uns erst richtig in Gang kommen. Foucault hat übrigens auch leidenschaftlich gestritten für ein Recht auf Freitod. Dieses Recht war für ihn die Bedingung dafür, dass Lebenskunst überhaupt möglich ist.

Das Buch besteht aus Vorlesungsmanuskripten, Artikeln und Interviews, die Foucault verschiedenen Zeitungen gegeben hat: Versatzstücke einer Philosophie der Lebenskunst, die unvollendet blieb. Die Texte sind gut recherchiert und sorgfältig ausgewählt, den Herausgebern sei Dank.

Wer Foucault schon kennt (seine Bücher sind bekanntlich nicht einfach zu lesen), wird überrascht sein. Foucault redet schlicht und "volksnah", sobald ein Journalist ihm gegenüber sitzt.

Rezensiert von Susanne Mack


Michel Foucault: Ästhetik der Existenz. Schriften zur Lebenskunst
Herausgegeben von Daniel Defert und Francois Ewald
Übersetzt von Michael Bischoff, Ulrike Bokelmann, Hans-Dieter Gondek und Hermann Kocyba
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007
346 Seiten,13 Euro

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