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Lesart | Beitrag vom 28.04.2018

Shimon Peres: Mein Leben für IsraelVermächtnis eines optimistischen Staatsmanns

Von Shelly Kupferberg

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Buchcover "Mein Leben für Israel" von Shimon Peres, im Hintergrund eine israelische Flagge (S. Fischer Verlag / dpa / Jens Kalaene)
Buchcover "Mein Leben für Israel" von Shimon Peres, im Hintergrund eine israelische Flagge (S. Fischer Verlag / dpa / Jens Kalaene)

Mit der Autobiografie "Mein Leben für Israel" blickt Shimon Peres zurück. Über sechs Jahrzehnte gestaltete der im Jahr 2016 verstorbene Politiker die Geschicke des Landes maßgeblich mit – in vielen wichtigen Regierungspositionen und zuletzt als Präsident.

Der Staat Israel wäre ohne ihn nicht zu denken: Shimon Peres, der im September 2016 gestorben ist, blickt auf ein Leben in der Politik zurück. Fast 70 Jahre lang lenkte der Friedensnobelpreisträger die Geschicke seines Landes, in fast allen wichtigen Positionen, die eine demokratische Regierung zu bieten hat. Zuletzt war er Staatspräsident.

Shimon Peres Autobiographie gibt Einblicke in seinen politischen Werdegang und erzählt von prägenden historischen Meilensteine Israels – und davon, was sich dabei hinter den politischen Kulissen abspielte.

Shimon Peres fiel schon früh als charismatischer Typ auf. Er war ein nachdenklicher und gleichzeitig neugieriger Junge, der sich gerne an schwierige Fragen festbiss. 1923 wurde er in dem Dorf Wischnewa geboren, einem Shtetl. Seine Familie wartete darauf, endlich ins gelobte Land, nach Palästina auswandern zu können. Die Umstände zwangen sie dazu, es gab zunehmend Pogrome, antisemitische Hetze. 1934 erreichte Shimon Peres mit seiner Familie Palästina. Nur der geliebte Großvater blieb im Glauben zurück, ihm würde nichts zustoßen. Er wurde von den Nazis ermordet.

Der Traum von einer Heimat

Peres beschreibt die braungebrannten Menschen in Palästina, die Chaluzim (Pioniere), die das Land urbar machten. Er wollte schnell einer von ihnen werden. Erfüllt vom Gefühl, endlich dort angekommen zu sein, wo er hingehörte, fing er wisssbegierig an sich zu bilden und zu organisieren.

Als Jugendlicher kam er in den Kibbutz Ben-Schemen und wurde zur Schlüsselfigur einer der dortigen Jugendbewegungen. Diese spielten eine wichtige Rolle, denn seinerzeites galt es, Ideen und Konzepte zu diskutieren, wie die Zukunft eines Staates für die Juden aussehen könnte.

Schon früh wirkte Shimon Peres auf Menschen. Er konnte andere für Ideen begeistern, wurde Delegierter für den damaligen Nationalkonvent und lernte bereits als Jugendlicher die späteren Gründungsväter des Staates Israel kennen. Allen voran David Ben-Gurion, den ersten Ministerpräsident des Staates Israel, der 1948 die Unabhängigkeit ausrief. Sein Berater sollte Peres später werden. Die politische Laufbahn war gesetzt - schon in jungen Jahren.

Aufbau eines Landes mit Schwierigkeiten

Ein wenig anekdotisch, aber niemals flach zusammengefasst, beschreibt Peres in seiner Autobiografie die ersten Jahre des Staates Israel: Was braucht ein junger Staat, um überlebensfähig zu sein? Wie muss er sich konstituieren, organisieren?

1948 wurde der Staat Israel ausgerufen, um im selben Augenblick von umliegenden arabischen Staaten negiert zu werden – den jungen Judenstaat auslöschen, das war lange das Ziel der Nachbarn. Peres beschreibt eindringlich die anfänglichen Schwierigkeiten: Ein Land, in dem immer mehr Flüchtlinge aus Europa ankamen, größtenteils gezeichnet durch Flucht und Verfolgung, dem Tod knapp entronnen – wie versorgt man ein solches Land und seine Einwohner? Wie beschützt man es?

Peres organisiert Waffen zur Verteidigung des jungen Staates

Ein wenig anekdotisch, doch niemals flach, beschreibt Shimon Peres in seiner Autobiographie die ersten Jahre des Staates Israel: Was braucht ein junger Staat, um überlebensfähig zu sein? Wie muß er sich konstituieren, wie angesichts von Bedrohungen organisieren? Den neuen Judenstaat auslöschen, war lange das Ziel der Nachbarn. Peres beschreibt eindringlich die anfänglichen Schwierigkeiten: Ein Land, in dem immer mehr Flüchtlinge aus Europa ankamen, größtenteils gezeichnet von Flucht und Verfolgung, dem Tod knapp entronnen. Wie versorgt man ein solches Land und seine Einwohner? Wie beschützt man es?

Peres schildert, wie er – trotz eines Waffenembargos – diverse Länder davon überzeugte, Waffengeschäfte mit dem jungen Staat zu tätigen; wie er sogar auf dem Schwarzmarkt versucht Waffen einzukaufen. Und wie er in geheime Verhandlungen trat, etwa mit Frankreich, um Verbündete zu suchen, eine Armee aufzubauen. Später dann eine Luftfahrt-Industrie, Universitäten und Forschungsinstitute, eine kerntechnische Anlage in der Wüste, um – das schreibt er geradeheraus – abzuschrecken und seine Gegner im Unklaren darüber zu lassen, ob man Atomwaffen herstellen könnte oder nicht.

Bei allem, was Peres wichtig erschien, um den Staat souverän, autark und überlebensfähig zu gestalten, ist das große Thema dieses Staatsmannes vor allem eines gewesen: der Frieden. Und so schildert er, was sich vor dem September 1993 abspielte, als die Bilder des Handshakes zwischen Rabin und Arafat um die Welt gingen – mit einem wohlwollend lächelnden US-Präsident Clinton.

Ein Friedenspolitiker gegen Widerstände

Seine Geschichte macht deutlich: Peres hat immer auf die Stabilität und Stärke Israels geschaut und dabei immer zugleich die Zukunft und den Frieden im Blick behalten. Das war eines seiner Credos.

Eindringlich schildert er einzelne Abkommen, die zunächst im Geheimen getroffen wurden. Manchmal verkleidete er sich sogar, etwa als er unerlaubt und mit falschem Schnurrbart ins jordanische Amman fuhr, um König Hussein aufzusuchen und ihm Frieden anzubieten. Dann seine Vorstöße, mit der PLO und Arafat ins Gespräch zu kommen. Er wollte Frieden und Wohlstand für die gesamte Region des Nahen Ostens – immer unter der Prämisse, Israel sicher und stark zu machen und nicht zu gefährden. "Israel solle keine Insel des Wohlstands in einem Meer aus Armut sein", so lautete Peres Devise.

Die Vergabe des Friedens-Nobel-Preises an Yasser Arafat, Shimon Peres und Yitzhak Rabin (r) im Jahr 1994.   (picture alliance / epa Israeli Government Press Office)Die Vergabe des Friedens-Nobel-Preises an Yasser Arafat, Shimon Peres und Yitzhak Rabin (r) im Jahr 1994. (picture alliance / epa Israeli Government Press Office)

Das Buch zeigt dem Leser auch, dass man in der komplizierten Gemengelage des Nahostkonflikts schon einmal viel weiter war. So kam es 1994 in Casablanca zu einem großen Nahost-Nordafrika-Wirtschaftsgipfel mit 4000 Teilnehmern. Es war das erste Mal, dass Israelis und Araber die Chance bekamen, den Frieden nicht politisch oder militärisch auszuhandeln, sondern ihn wirtschaftlich aufzubauen.

Rückschläge und eine harte Zerreißprobe

Doch leider stoppte diese positive Entwicklung Anfang der 90er Jahre. Im Zuge der Friedensgespräche gab es zahlreiche terroristische Attentate, ausgeführt von der Hamas und dem Islamischen Dschihad. Arafat sprach sich nicht öffentlich gegen diesen Terror aus. Für Rabin und Peres eine schwierige Situation, in der sie für viele Israelis die Glaubwürdigkeit verloren. Doch es gab kein Zurück mehr, wie Peres betont, obwohl er den Groll in der Bevölkerung nachvollziehen konnte.

Mit der Ermordung Premierminister Rabins auf der großen Friedenskundgebung am 4. November 1995 trat eine schmerzhafte Zäsur für den Politiker und Menschen Peres ein. Das ist eine der berührendsten Momente im Buch: Rabin, der zuvor noch euphorisch und glücklich wie nie zuvor ein Friedenslied sang ... und kurze Zeit später von einem israelischen Fanatiker erschossen wurde. Für Peres ein harter Schlag. Er verlor einen Freund und Vertrauten, wurde zum Nachfolger gewählt, erbte aber als Premier ein Land in Aufruhr.

Ein Optimist bis an sein Lebensende

Shimon Peres ist als Optimist gestorben und betonte bis zuletzt, dass – auch, wenn große Skepsis einem Frieden gegenüber herrsche –, viele Grundsteine dafür bereits gelegt worden seien. Er erinnert an den beschlossenen Frieden mit Ägypten und Jordanien, an die Idee einer Zwei-Staaten-Lösung.

Er erinnert uns daran, dass die arabische Liga ihre Selbstverpflichtung – das "dreifache Nein von Karthum" (also: "Nein zu Verhandlungen mit Israel", "Nein zum Friede mit Israel", "Nein zur Anerkennung des Staates Israel") zumindest teilweise über den Haufen geworfen hat. Dass die Palästinenser Israel in den Grenzen von 1967 anerkennen würden. Denn die Kosten der Feindseligkeit seien für alle Beteiligten zu hoch. Nur im Frieden könne man sich den wahren – heutigen wie künftigen – Herausforderungen der Welt gemeinsam stellen: Armut, Hunger und Radikalisierung.

Peres bemüht dabei immer wieder das berühmte Zitat David Ben-Gurions: "Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist".

Shimon Peres: Mein Leben für Israel. Über Mut, Verantwortung und die Kraft der Träume
Aus dem Englischen übersetzt von Edith Nerke, Jürgen Bauer und Rudolf Hermstein
Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018
285 Seiten, 24 Euro

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